Der Glaube als Überlebensvorteil? Warum sich Religion nicht hinreichend naturalistisch begründen lässt

Religion, so lautet die gängige naturwissenschaftliche Erklärung, sei nur als eine adaptive Funktion zu verstehen, das heißt als eine Funktion, die sich im Laufe der Evolution durch Anpassung herausgebildet hat. Dieser Lesart zufolge sei Religion nützlich, weil sie das Überleben der Art im Kampf ums Dasein fördere. Sie diene dem Überleben, weil sie in der Lage sei grundsätzliche Fragen zu beantworten, wie die Frage nach unserer Herkunft und unserer Zukunft, was Aussagen über den Tod hinaus einschließt. Außerdem gäbe sie uns ein moralisches Fundament, indem sie uns sagt, was wir tun sollen und tun dürfen und was nicht und schaffe damit für die Menschen das Gefühl in einer Welt zu leben, die grundsätzlich verstehbar, weil geordnet ist und somit zumindest teilweise kontrolliert werden könne. Das wiederum sorge für ein Gefühl der Sicherheit und gäbe uns die Möglichkeit, unsere vielfach vorhandenen Ängste zu kontrollieren oder sogar zu überwinden. Das nütze nicht nur dem einzelnen Individuum, sondern fördere auch den Zusammenhalt ganzer Gesellschaften.

Die gesellschaftliche Funktion von Religion

Aus dieser Perspektive betrachtet hätte Religion eine ausschließlich gesellschaftliche Aufgabe, könnte also funktional verstanden werden. Die Verhaltensbiologie geht sogar so weit, die Entstehung von Religion als Folge territorialer Ansprüche erklären zu wollen! Die Philosophin und Religionswissenschaftlerin Ina Wunn beschreibt in ihrem Buch Götter, Gene, Genesis (2015), wie die Menschen vor zirka zehntausend Jahren begannen, die Schädel der Verstorbenen getrennt vom übrigen Körper zu bestatten. Diese Schädel sollten den Anspruch auf ein bestimmtes Territorium sichtbar machen, was von fremden Stämmen auch so verstanden wurde. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende begann man, so die Autorin, diese positive Kraft mit den Schädeln selbst in Verbindung zu bringen. Sie dienten demnach nicht mehr nur als Symbol, sondern wurden jetzt selbst Träger dieser positiven Eigenschaften. Im weiteren Verlauf sei diese Kraft auf die Verstorbenen übergegangen, was natürlich den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod voraussetze. Dieser Glaube an ein Weiterleben über den Tod hinaus brachte Wunn zufolge positive Effekte mit sich, wie beispielsweise eine bessere Bewältigung der Trauer und eine Reduzierung der eigenen Todesangst. Auch hier hat Religion demnach ausschließlich gesellschaftlichen Charakter, ist also funktional bestimmt, und dient in erster Linie dem Individuum als Trost im Angesicht des eigenen Todes.

Diese positiven Folgen, die der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod mit sich bringt, sind sicher richtig und das alles ist unbestreitbar eine Funktion, die Religion hatte und noch immer hat. So ist der naturalistische, in der Regel darwinistische Blick von außen auf die Religion, bzw. ihre Entstehung, naturwissenschaftlich gerechtfertigt; aber der wissenschaftliche Blick auf die Welt kann eben per Definition nur Äußeres beschreiben. Wer demnach sagt, Religion sei nichts Anderes als ein funktional zu verstehendes Verhaltens- und Kommunikationssystem zur Förderung des Zusammenhalts der Gruppe, der irrt. Denn zum Verständnis von Religion und Religiosität als inneres, mit dem Individuum untrennbar verbundenes, Phänomen scheitert dieser Erklärungsversuch natürlich radikal, da er das wahre Wesen der Religion noch nicht einmal in Ansätzen zu erfassen vermag. Möglicherweise verschafft Religiosität den betreffenden Menschen oder Gruppen einen Überlebensvorteil, sie darauf reduzieren zu wollen hieße aber ihren eigentlichen Kern zu ignorieren.

Argumente gegen einseitig naturalistische Erklärungsversuche

Doch bevor wir auf diesen eigentlichen Kern zu sprechen kommen: Was ist eigentlich gegen eine ausschließlich naturalistische Auffassung von Religion einzuwenden? Die wohl überzeugendsten Argumente gegen einseitig naturalistische Erklärungsversuche von Religion liegen im Bereich der Ethik und finden sich bereits im Alten Testament, wo es heißt: „Du sollst dich nicht rächen und den Kindern deines Volkes nichts nachtragen und sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. In den Evangelien wird diese Forderung noch weiter radikalisiert, wenn Jesus in der berühmten Bergpredigt davon spricht, dass die Sanftmütigen das Land erben und die Friedensstifter Söhne Gottes heißen werden. Ganz zu schweigen von der Aufforderung seine Feinde zu lieben und dem, der dich auf die rechte Backe schlägt, auch die linke darzubieten. Doch gerade diese Forderungen sind mit Darwins Kampf ums Überleben nur äußerst schlecht zu vereinbaren und der Theologe Gerd Theissen sieht die Religion (in diesem Fall die christliche) geradezu als einen Aufstand gegen das Selektionsprinzip, „denn Gott erscheint als der, der Lebenschancen gerade denen gibt, die eigentlich dem Gericht verfallen sind und daher scheitern müssten.“  Denn hier geht es nicht alleine um Opferbereitschaft, die sich bereits bei Tieren findet, um das Überleben der Gruppe zu sichern. Diese neue Ethik ist mehr als nur eine Erweiterung herkömmlicher moralischer Handlungsvorschriften, sondern sprengt in ihrer Radikalität die bis dahin gültige Ethik. Es ist eine Ethik, die rational kaum mehr eingeholt werden kann und schon gar nicht lässt sie sich in irgendeiner Weise naturalistisch erklären. Sie ist nicht aus der Faktizität des Lebens ableitbar, sondern gehört buchstäblich einer anderen Welt an.

Nach Darwin wäre es da schon besser, wenn Religionen aggressiv sind, die Kampfmoral stärken und dadurch einer speziellen Gruppe ein Überlebensvorteil entsteht. Komischerweise wird genau das den Religionen vorgeworfen! Sie werden, gerade von ihren erklärten Gegnern, die in aller Regel Naturalisten sind, als äußerst gefährlich und destruktiv bezeichnet. Religionen wären die Ursache vieler Übel in der Welt, einschließlich der Geißel des Krieges. Gäbe es keine Religionen mehr, so ihre Kritiker, würden auch schlagartig die meisten kriegerischen Auseinandersetzungen verschwinden. Abgesehen davon, dass es sich im Rahmen dieser Argumentation oftmals weniger um Religionen als vielmehr um ihre zur Ideologie degenerierten Auswüchse handelt, zeigt sich hier allerdings ein interessanter Sachverhalt: Die Gegner von Religion sind als Naturalisten meist auch überzeugte Anhänger der Evolutionstheorie und aus diesem Grund richtet sich ihr Angriff letztlich gegen sie selbst. Denn wäre es so, dass Religionen ausschließlich aggressiv und zerstörerisch wirken, so muss man sich fragen, wie derartige Glaubenssysteme im Laufe der Jahrtausende überdauern konnten ohne sich gegenseitig auszulöschen? Dass sie von der Evolution aber nicht eliminiert wurden, sondern sich darüber hinaus über die ganze Welt verbreitet haben, müsste doch aus Sicht ihrer Gegner gerade für sie sprechen. Hier wollen also einige schlauer sein, als ihre so hoch geschätzte natürliche Selektion. So wird der naturalistische Ansatz mit der Religion einfach nicht fertig, denn dass diese hohe ethische Maßstäbe entwickelt hat, wirkt sich zum einen positiv auf bestimmte Gruppen aus, ist aber zum anderen nur schwer in darwinistisches Denken zu integrieren. Dass in ihrem Namen Kriege geführt werden ist wiederum durchaus im Sinne Darwins aber letztlich nicht gesellschaftsfördernd. Abgesehen davon fände sich auch ohne Religionen immer ein Grund anderen den Schädel einzuschlagen. Dazu bedarf es keiner religiösen Überzeugung, wie das 20. Jahrhundert mit seinen explizit atheistischen Diktaturen von Stalin über Mussolini bis hin zu Hitler eindrucksvoll und in seiner ganzen Abgründigkeit gezeigt hat.

Ein weiteres Element, dass sich in allen Religionen der Welt zeigt, ist das der Askese. Ein asketisches Lebensideal, wie es sich heute innerhalb des Christentums noch im Katholizismus findet, schließt in der Regel auch die Sexualität mit ein. Ein Verzicht auf Sexualität aber ist im Rahmen der Evolutionstheorie natürlich ein völlig sinnloses, beziehungsweise im wahrsten Sinne des Wortes kontraproduktives Element. Hier spätestens hätte die natürliche Selektion eingreifen müssen. Warum tat sie es nicht?

Religionen sind, das zeichnet sie aus, durch einen speziellen Glauben gekennzeichnet, der sich zwar bis zu einem gewissen Grade rational nachvollziehen lässt, aber letzten Endes doch einer anderen, transzendenten Welt angehört. Und hier liegt ein weiteres Problem: Ein Lebewesen, dass sich auf Glaubenssätze, statt auf reale Sachverhalte verlassen und sein Leben daraufhin ausrichten würde, dürfte im Verlauf der Evolution schlechte Karten haben und wäre wohl längst der natürlichen Selektion zum Opfer gefallen. Denn die beste Überlebenschance, so behauptet es jedenfalls die Evolutionstheorie, ist eine möglichst gute Kenntnis der umgebenden Welt und perfekte Anpassung an diese. Was da gefragt ist, sind Fakten, keine Glaubenssätze. Ein steinzeitlicher Mensch, der glaubt, das Raubtier ihm gegenüber sei eigentlich keines, sondern wolle nur spielen, wird möglicherweise kein Glied in unserer Ahnenreihe sein. Trotzdem haben sich Religionen über viele Jahrtausende gehalten und sogar über die ganze Welt ausgebreitet. Darüber hinaus stellt sich die Frage, woher überhaupt der Glaube kommt an etwas, diese Realität transzendierendes, wenn es im täglichen Überlebenskampf doch immer nur um das Naheliegendste, Immanente und zutiefst Irdische und Reale geht?

Der Kern der Religionen ist mystisch

Der Mensch ist eben, und das gerade macht sein Menschsein aus, „nicht sehr verläßlich zu Haus in der gedeuteten Welt”. Er ist der ewig Unbehauste, der erst werden muss, was er ist. Er ist in seiner Freiheit überhaupt nur vor dem Horizont der Transzendenz zu denken. Darum kommt der Versuch, Religion ausschließlich naturalistisch erklären zu wollen, einem Angriff auf das eigentliche Wesen des Menschen gleich, der sich gerade dadurch konstituiert, dass er sich fortwährend selbst überschreitet und, das wusste schon Augustinus, erst dann Ruhe findet, wenn er wieder in die Transzendenz zurückkehrt aus der er gekommen ist.

Doch was ist nun der Kern einer jeden Religion? Er ist immer mystisch. Er ist die Erfahrung des Göttlichen oder, wie der Theologe Rudolf Otto es nannte, die Erfahrung des Numinosen. Dieses Numinose, so Otto, „lebt in allen Religionen als ihr eigentlich Innerstes und ohne es wären sie gar nicht Religion“. Eine Religion, die dieses mystischen Teils entbehrt, mag ein gesellschaftlich wirksames System von Normen, Handlungen und Kommunikationsweisen sein, eine Religion im eigentlichen Sinn ist es nicht. Dieses mystische Element muss nicht zwangsläufig im „Himmel“ zu suchen sein. Auch vordergründig Immanentes, wie die Natur als Ganzes oder einzeln in ihr Vorkommendes, wie Tiere oder Pflanzen, kann Ursprung einer mystischen Erfahrung sein und verweist doch als Symbol immer wieder auf Transzendenz. So wie diese Erfahrung am Beginn einer jeden Religion steht und Teil des kollektiven Unbewussten der betreffenden Religionsgemeinschaft geworden ist, so ist es aber auch eine Erfahrung, die von jedem einzelnen immer wieder gemacht worden ist und gemacht wird. Das bezeugen unzählige Menschen in allen Religionen in allen Zeiten überall auf der Welt. Ohne diese Erfahrung selbst gemacht zu haben, könnte man sich nur schwerlich als wahrhaft religiös bezeichnen. Man wäre dann lediglich Mitglied einer bestimmten Kirche und durch Tradition an bestimmte Glaubensinhalte gebunden, aber es fehlte doch das Eigentliche: die persönliche Begegnung mit dem Göttlichen. Diese Erfahrung des Numinosen ist auch für denjenigen, dem sie widerfuhr, nur schwer in Worte zu fassen und völlig unmöglich, sie rational oder wissenschaftlich verstehen zu wollen. Doch dass es diese Erfahrung gibt steht außer Frage. Diese Erfahrung darf nicht ignoriert werden, nur weil sie dem naturalistischen Zugriff entzogen ist. Nimmt man sie nicht zur Kenntnis muss das zwangsläufig zu einer unvollkommenen und letztlich falschen Darstellung der Genese von Religionen führen. |ECKART LÖHR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here