Die metaphysischen Anfangsgründe der Welt

When I heard the learn’d astronomer,
When the proofs, the figures, were ranged in columns before me,
When I was shown the charts, the diagrams, to add, divide, and measure them,
When I sitting heard the learned astronomer where he lectured
With much applause in the lecture room,
How soon unaccountable I became tired and sick,
Till rising and gliding out I wander’d off by myself,
In the mystical moist night-air, and from time to time,
Look’d up in perfect silence at the stars.
(Walt Whitman)

Einige Physiker gehen mittlerweile davon aus, dass der Urknall möglicherweise nicht den absoluten Anfang markiert. Man glaubt zwar nach wie vor, dass vor dem sogenannten Big Bang das Nichts gewesen ist, wobei sich dann das Problem stellt zu erklären, wie aus dem Nichts etwas hervorgegangen sein soll. Der amerikanische Physiker Michio Kaku zieht sich da elegant aus der Affäre, indem er schlicht behauptet es käme darauf an, wie man dieses Nichts definiert. Er übersieht dabei aber, dass sich das Nichts eben gerade dadurch auszeichnet, über keine Eigenschaften zu verfügen die man definieren könnte. Tut man es doch, hat man es eben nicht mehr mit dem Nichts zu tun. So glaubt er, dass vor dem Big Bang eine Art energiereiches Vakuum existiert hat aus dem sich dann alles weitere entwickelte. Damit setzt er allerdings wieder etwas voraus, nämlich Energie, dessen Entstehung nicht weiter erklärt werden kann, frei nach dem Motto „Give us one free miracle and we’ll explain the rest” (Terence McKenna). Es lohnt sich demnach darüber nachzudenken, was dieses Nichts denn nun wirklich „ist“.

Kleine Philosophie des Nichts

Wenn wir über das Nichts sprechen, so denken wir in der Regel unbewusst immer noch etwas mit, da wir als seiende Wesen naturgemäß nicht in der Lage sind, uns das absolut Nichtseiende vorzustellen. Da wir darüber hinaus über das Nichts keine positiven Aussagen treffen können, bleibt nur, uns diesem Begriff ex negativo zu nähern und festzustellen was es nicht ist. Unser „neti, neti“ („nicht so und nicht so“) des Nichts sieht demnach folgendermaßen aus: Es ist nicht heiß, das heißt, es hat keine Energie, aber es ist auch nicht kalt. Es ist nicht groß und nicht klein, das heißt, es hat keinen Raum. Es ist weder hell noch dunkel, noch besteht es aus irgendetwas, weder aus Geist noch Materie, das heißt, es hat keine Substanz. Es ist aber auch nicht Gott oder irgendeine metaphysische, transzendente Ebene, das heißt, es hat keine letzte Ursache, kein Ziel und keinen Sinn. Es ist absolut statisch, denn in ihm laufen keinerlei Prozesse ab, denn dafür bedürfte es der Zeit, aber das Nichts kennt auch keine Zeit. Es ist also auch Unfug zu sagen, dass dieses Nichts vielleicht nach Ewigkeiten des Verharrens im Nichtsein plötzlich etwas hervorbringen könnte, denn ist ein so gedachtes Nichts erst einmal da, so ist es ewig und selbst dieses Wort trifft den Sachverhalt nicht, da es wiederum von einem wenn auch unendlich langem Zeitraum ausgeht.

Wir sehen an dieser Stelle aber auch, dass unsere Sprache die Grenze unseres Denkens markiert. Es war der griechische Philosoph Parmenides, der als erster erkannte, dass Sein und Denken identisch sind („Dasselbe aber ist Denken und des Gedankens Gegenstand“). Wenn wir also gerade behauptet haben, dass das Nichts ewig ist, so ist das natürlich deshalb grundfalsch, da sich das Nichts gerade dadurch auszeichnet, dass es eben nicht ist. Das Nichts zu denken endet somit immer in dem Widerspruch, dass ich es für kurze Zeit als etwas Seiendes denken muss, um es sofort wieder zu negieren. An dieser Stelle ist es dann auch geraten diesen Gedanken abzubrechen, denn es dürfte hinreichend klar geworden sein, was das Nichts „ist“, bzw. was es nicht ist.

Der metaphysische Urgrund des Seins

Dass es aber etwas gibt ist unbestreitbar und wohl das größte Geheimnis von allen. „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ bleibt eine der Grundfragen der Philosophie. Aus diesem Nichts aber, so wie wir es gerade beschrieben haben, kann niemals etwas entstehen und so heißt es auch bei Lukrez, dass „aus Nichts nichts wird, selbst nicht durch Willen der Götter.“ Und an dieser Stelle hören wir noch einmal Parmenides und sein berühmtes Fragment: „So bleibt nur noch der Beweis des einen Weges übrig: dass es das Seiende gibt. […] weil ungeworden, ist es auch unvergänglich, ganz, einzig, unerschütterlich und ohne Ende. Und nie war es oder wird es sein, da es jetzt zugleich ein einheitliches, zusammenhängendes Ganzes ist. […] Weder aus dem Seienden kann es hervorgegangen sein; sonst gäbe es ja ein anderes Sein vorher. Noch kann ich zulassen, dass du denkst oder sagst, es sei aus dem Nichtseienden geworden. […] Was für ein Zwang hätte es denn auch dazu treiben können, früher oder später mit dem Nichts zu beginnen und dann zu wachsen? So muß es denn notwendig schlechthin vorhanden sein oder überhaupt nicht! Und nie wird die Kraft der Überzeugung zulassen, dass aus dem Nichtseienden etwas neben ihm entstände“.

Es muss also anders sein. Die Antwort auf die Frage, was vor dem Beginn des Universums, also vor dem sogenannten Urknall, war kann demnach nur lauten, dass wir zwar nicht wissen was vorher war, aber sicher sein können, dass etwas vorher war. Alle Kulturen zu allen Zeiten haben um dieses „Etwas“ gewusst. Im Hinduismus ist es Brahman, der letzte Urgrund alles Seienden, reines Erkennen, kausalitäts- und leidlos und zugleich identisch mit dem innersten individuellen Wesen Atman. In den chinesischen Philosophien wird es das Tao genannt, was ursprünglich Weg bedeutet. Zum einen steht Tao für den Weg der Gestirne am Himmel, zum anderen aber auch für den sinnvollen Weg, der zum Ziel führt. Es steht für die implizite Ordnung und das Gesetz und lässt sich auch ganz schlicht mit Sinn übersetzen. Auch der Buddhismus, der zwar nicht an das Dasein einer ewigen Ursubstanz glaubt, kennt den Begriff des Dharma, des ewigen Weltgesetzes. Dieses Dharma offenbart sich in der Vollkommenheit des Kosmos, wie in der moralischen Ordnung der Welt. In den drei monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam ist es der ewige – im Unterschied zu den anderen Religionen allerdings personal gedachte – Gott, bzw. JHWH (Jahwe) und Allah. Der Aspekt der Zeitlosigkeit auch dieses Gottes zeigt sich exemplarisch in der christlichen Überlieferung unter anderem bei Johannes, der Jesus sagen lässt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham war, bin ich“, und Augustinus schreibt: „Die Unsterblichkeit ist Gottes Substanz, weil Gott nichts Veränderliches in sich trägt. Dort ist keine Vergangenheit (in dem Sinne), dass es gleichsam nicht mehr sei. Nichts ist Zukunft, als ob es noch nicht sei. Dort besteht lediglich: Ist. Es gibt dort nicht Es-War und Es-Wird, weil etwa das, was war, nicht mehr ist, und was wird, noch nicht ist. Alles, was dort ist, das ist reines Ist.“ Auch in der berühmten 112. Sure (tauhid) des Koran zeigt sich die Ewigkeit Gottes, hier in der Fassung von Friedrich Rückert: „Sprich, Gott ist Einer/ein ewig reiner/hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner/und nicht ihm gleich ist einer“.

In der sogenannten vorsokratischen Philosophie, die zirka sechshundert Jahre vor Christus in Griechenland mit Thales von Milet ihren Anfang nahm, wird der Urgrund allen Seins von Anaximander, der ein Schüler und Nachfolger des Thales war, das Unbestimmbare (apeiron) genannt. Über dieses Unbestimmbare sagt er: „Woraus aber die Dinge ihre Entstehung haben, darein finde auch ihr Untergang statt, gemäß der Schuldigkeit. Denn sie leisteten einander Sühne und Buße für ihre Ungerechtigkeit, gemäß der Verordnung der Zeit.“ Heraklit von Ephesos, der große Philosoph des Werdens und der Veränderung und geistiger Gegenspieler des Parmenides, bestimmte den Urgrund als das Absolute, den Logos, das völlig übersinnliche, übermenschliche, überpersönliche Weltprinzip, das die metaphysische Vernunft alles Geschehens ist. Auch Platons Schöpfergott (Demiurg) schuf das All, indem er „nach dem Ewigen blickte“ und dieses „Ewige“ sind die ewigen, ungewordenen und unzerstörbaren Ideen, von denen alles Bestehende nur ein Abbild darstellt.

Es gibt kein Nichts

Wie auch immer die Erklärungsversuche im Einzelnen aussehen mögen, in einem sind sich alle hier vorgestellten Denker einig: Es gibt kein Nichts, sondern etwas war immer schon da und dieses Etwas liegt außerhalb der Zeit und mit Sicherheit außerhalb physikalischer Erklärungsversuche. Eine Physik, die hinter den Urknall zurück geht, ist ohnehin keine empirische Wissenschaft mehr, sondern bereits Metaphysik im ursprünglichen Sinne des Wortes (tà metà tà physiká, das was hinter der Physik liegt). Wenn aber dieses Etwas außerhalb der Zeit existiert und somit keinen Anfang kennt und kein Ende, so weiß vielleicht es selbst nicht um seine eigene Existenz, und so steht im ältesten Teil der vier Veden, der großen Bücher des Hinduismus, im Rigveda: „Von wannen diese Schöpfung ist gekommen, ob sie geschaffen, ob sie ungeschaffen – das weiß nur er, der Allbeschauer droben am höchsten Himmel – oder weiß auch er es nicht?“

Dieser interessante und durchaus legitime Gedanke von der Unwissenheit Gottes steht dabei im klaren Gegensatz zur christlichen Religion, wo es etwa im Brief des Paulus an die Korinther heißt: „So hat auch niemand erkannt, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes“, und bei Thomas von Aquin lesen wir „Gott erfasst sich vollkommen selbst, da er sich erkennt, soweit er erkennbar ist.“

Vom Chaos zum Kosmos – zur Freiheit

Wir wissen jetzt also, dass etwas ist, außerhalb der Zeit. Können wir auch etwas über die Eigenschaften dieses Etwas sagen? Nicht viel, aber doch eines ganz gewiss: Dieser Urgrund alles Seienden muss zumindest das Potenzial enthalten haben zu allem was ist und was noch sein wird. Bei diesem Potenzial kann es sich allerdings nicht schon um Information im Sinne eines kosmogonischen Logos gehandelt haben, denn, so heißt es bei Hans Jonas, „Information braucht für sich selbst schon, als ihr physisches Substrat, ein artikuliertes und stabiles System, wie es das molekular buchstabierte Genom von Lebewesen ist (oder die magnetische Programmierung von Computern). Information ist also nicht nur Ursache, sondern selber schon Ergebnis von Organisation, Niederschlag und Ausdruck des vorher Erreichten, das dadurch perpetuiert, aber nicht überhöht wird.“ Information ist demnach Gespeichertes und um irgendetwas zu speichern, fehlte im Urknall sowohl die Zeit als auch ein stabiles Speichermedium. Der Informationsbegriff führt uns an dieser Stelle also auch nicht weiter.
Dass es aber eine wie auch immer geartete Kraft geben muss, die das Chaos in den Kosmos überführt liegt auf der Hand. Das Universum und letztlich wir selbst sind der schlagende Beweis für diese schlichte und doch völlig unerklärliche Tatsache, die in der Wissenschaft auch als Anthropisches Prinzip bezeichnet wird. Wie immer man die Dinge auch dreht und wendet, letztlich endet unser Denken doch wieder bei der Erkenntnis des Parmenides, dass das Seiende schlechthin da ist, ewig und ungeschaffen, mit Eigenschaften, die die Entstehung der Welt erst möglich machen. Das Wesen des Seienden selbst liegt in metaphysischer Dunkelheit. Doch diese metaphysische Dunkelheit ist zugleich die transzendentale Offenheit, vor dessen Hintergrund das Dasein sich entfaltet. Sie ist somit ein konstitutives Element unseres Menschseins. Die Fähigkeit, über uns hinaus zu gehen und anderes und uns selbst zu hinterfragen, ist nur möglich, weil wir auf diese radikale Offenheit hin angelegt und nicht in uns geschlossene, durch und durch endliche Wesen sind. Wäre es so, das wusste schon Arthur Schopenhauer, „könnte es gar keine Langeweile geben: sondern das bloße Dasein, an sich selbst, müsste uns erfüllen und befriedigen.“ Die immer schon bestehende Verwiesenheit des Menschen auf diese letzte Grenze ist somit ein Existenzial, also eine fundamentale Gegebenheit unserer Spezies, der ewige Antrieb des Fragens und die fortwährende Herausforderung unserer individuellen Existenz. Auch wenn wir keine letzten Antworten finden können, ist dieser Sachverhalt doch der letzte Grund unserer Würde, unserer Verantwortung wie unserer Freiheit. |ECKART LÖHR

(Erstmalig erschienen in Tabula Rasa, Zeitung für Gesellschaft und Kultur)

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