In Verbindung mit der Diskussion um die Umweltzerstörung ist immer wieder von der Entfremdung des Menschen von der Natur die Rede und das ist sicher ein ganz zentraler Punkt. Und die wirklich interessante Frage in diesem Zusammenhang lautet: warum die Natur mit uns ein Wesen hervorbrachte, dass sich im Laufe seiner Entwicklung so vollständig emanzipiert und individualisiert hat, dass es sich sogar gegen die Natur stellt, aus der es doch hervorgegangen ist?

Aber in Wahrheit ist diese Frage falsch gestellt, da sie impliziert, erst mit dem Menschen wäre die Kluft zwischen dem Individuum und seiner Umwelt aufgebrochen. Dieser vermeintlich erst mit dem Menschen in Erscheinung getretene Bruch zwischen dem Individuum und seiner Umwelt ist aber von Beginn an in der Natur angelegt. Und dieser Bruch ist nichts anderes als das Faktum der Freiheit. Wenn der Mensch sich heute gegen die Natur stellt, dann ist das nicht allein das Problem der Spezies Homo sapiens, sondern offensichtlich ein Problem der gesamten Natur. Das heißt, nicht wir sind das Ärgernis, sondern die Natur selbst ist Trägerin dieses schon immer vorhandenen Widerspruchs, der zuletzt im Menschen radikal sichtbar geworden ist.

Freiheit war schon immer ein wesentlicher Aspekt der Welt

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die Entfremdung von der Natur gleichzeitig auch eine offenbar notwendige Emanzipation von ihr war. Mehr noch ist gerade diese Bestrebung, sich von seiner Umgebung abzugrenzen, ein konstitutives Merkmal des Lebens und eben nichts anderes, als die zunehmende Entfaltung der Freiheit. Der Philosoph Hans Jonas schreibt dazu: „…daß schon der Übergang von unbelebter zu belebter Substanz, die erste Selbstorganisierung der Materie auf das Leben hin, von einer in der Tiefe des Seins arbeitenden Tendenz zu eben den Modi der Freiheit motiviert war, zu denen dieser Übergang das Tor öffnete.“

Freiheit ist demnach nichts, was erst mit dem Menschen in die Welt gekommen wäre, sondern war immer schon, wie auch der Geist, ein wesentlicher und notwendiger Aspekt der Schöpfung. So ließe sich die Entstehung und Entwicklung des Lebens bis heute auch als die fortwährende Entfaltung der Freiheit und der damit verbundenen Emanzipation beschreiben. Denn bereits die Entstehung der ersten Zelle vor zirka dreieinhalb Milliarden Jahren war nur möglich durch die Entwicklung einer Membran, die das Innere der Zelle gegen äußere Einwirkungen schützte, um so unter anderem die internen Stoffwechselvorgänge möglich zu machen. Diese halbdurchlässige (semipermeable) Membran ließ so wenig Austausch mit der Umgebung wie möglich zu und nur so viel Nährstoffe wie nötig hinein. Der erste Akt des Lebens bestand demnach in der Abgrenzung zu einer in der Regel feindlichen Umgebung.

Einer der nächsten Schritte war der Auszug des Lebens aus dem Wasser, der sogenannte Landgang. Dieser Schritt vollzog sich vor zirka fünfhundert Millionen Jahren, wahrscheinlich schon wesentlich früher, und betraf vorerst nur pflanzliches Leben. Die Wirbeltiere folgten zirka einhundert Millionen Jahre später.

Die vor ungefähr zweihundert Millionen Jahren stattfindende Entwicklung endothermer, das heißt warmblütiger Lebewesen, war ein weiterer großer Schritt in der Evolution des Lebens, sich von der Umwelt zu emanzipieren, da diese Tiere jetzt nicht mehr von den sich verändernden Außentemperaturen abhängig waren. Somit hatten sie die Freiheit, sich auch nachts zu bewegen, was ihnen vor allem bei der Jagd Vorteile verschaffte.

Selbst die Entstehung des aufrechten Gangs der Hominiden vor zirka zwei Millionen Jahren (Homo erectus) kann man als Distanzierung von der Umwelt interpretieren. Dadurch wurden die Hände frei und so die Fähigkeit entwickelt, Werkzeuge herzustellen und zu benutzen.

Und auch die Bestrebungen der heutigen Menschen, die Erde zu verlassen, um fremde Himmelskörper zu erforschen – auch wenn uns das bis jetzt (bemannt) nicht weiter als bis zum Mond geführt hat – ist nicht zuletzt eine Fortführung dieses Dranges des Lebens, sich von seiner unmittelbaren Umgebung zu distanzieren.

Leben ist nicht nur Anpassung, sondern vor allem Abgrenzung

Damit war die Abgrenzung des Lebens von seiner spezifischen Umwelt auf physischer Ebene vorerst abgeschlossen. Was jetzt folgte, war die Abgrenzung auf geistiger, beziehungsweise kultureller Ebene, die nicht weniger revolutionär war und bis heute anhält. Dazu muss man sagen, dass die mehr und mehr sichtbare physische Abgrenzung in Wahrheit immer auch schon eine geistige Abgrenzung war, denn alles Leben stellte von Beginn an eine psycho-physische Einheit dar. Doch jetzt erst war es soweit, dass die Dimension des Geistigen auch nach außen hin klar erkennbar wurde. Daher auch der oft anzutreffende Fehlschluss, erst mit uns wären Kategorien wie Geist, Kreativität oder Freiheit in die Welt gekommen. Sie waren selbstverständlich schon immer da, zum Teil nur weniger offensichtlich.

Das Leben ist eben nicht nur Anpassung an seinen Lebensraum, wie Charles Darwin es vor zirka einhundertfünfzig Jahren verkündet hat, sondern vor allen Dingen Abgrenzung als ein sichtbarer Akt der immer schon mit dem Lebendigen verknüpften Freiheit. Denn, so noch einmal Hans Jonas: „Eine Identität, die von Augenblick zu Augenblick sich macht, immer neu behauptet und den gleichmachenden Kräften physischer Selbigkeit ringsum abtrotzt, ist in wesentlicher Spannung mit dem All der Dinge. In der gefährlichen Polarisierung, in die sich derart das auftauchende Leben einließ, nimmt das, was nicht es selbst ist und an den Bereich der inneren Identität von außen angrenzt, sogleich den Charakter unbedingter Andersheit an. Die Herausforderung der Selbstheit qualifiziert alles jenseits der Grenzen des Organismus als fremd und irgendwie gegensätzlich: als »Welt«, in welcher, durch welche und gegen welche er sich erhalten muß. Ohne diesen universalen Gegensatz der Andersheit könnte keine Selbstheit sein. Und in dieser Polarität von Selbst und Welt, von Innen und Außen, die die von Form und Stoff ergänzt, ist die Grundsituation von Freiheit mit all ihrem Wagnis und ihrer Not potentiell gesetzt.“

Doch bis zur Entstehung des Menschen war die Freiheit sozusagen blind und ist erst mit dem Menschen sehend geworden und damit zu sich selbst gekommen. Schon immer war die Freiheit, oder besser das Streben nach Freiheit, das zentrale Movens des Lebens. Aber erst im Menschen wurde sie so mächtig, dass sie ihn dazu befähigte, sich bewusst gegen die Natur zu stellen. Es gelang ihm, nicht zuletzt mithilfe einer immer perfekteren Technologie, sie zu manipulieren, auszubeuten, zu schädigen oder gänzlich zu zerstören.

Die Dialektik der Freiheit

Die ganze, zirka vier Milliarden Jahre dauernde Geschichte des Lebens ist somit der Versuch der Natur, in Freiheit zu sich selbst zu kommen. Und wir sind das vorläufige Produkt dieser ungeheuren Entwicklung. Und diese Möglichkeit, uns gegen die Natur zu stellen, die Freiheit, diese zu schädigen oder gar zu zerstören, ist die kaum zu tragende Last, die uns von der Natur selbst aufgebürdet wurde.

Der Mensch ist aber nicht in die Welt gekommen, um zu zerstören, sondern um zu heilen. Vielleicht ist das der wahre Grund unserer Existenz. Wir sind die einzigen Wesen, die in der Lage wären, die Kluft zu überbrücken, die schon immer zwischen Individuum und Umwelt bestand. Ein Löwe kann sich nicht entscheiden, die Gazelle zu töten oder sie am Leben zu lassen. Der Mensch hat dagegen die Möglichkeit, das Gute nicht nur zu erkennen, sondern sich auch, gegen das Böse, dafür zu entscheiden. Immer dann, wenn er das nicht tut, reißt er die Kluft, die zwischen ihm und der Natur steht, weiter auf. Mit jedem Akt der Güte verkleinert er sie. Ganz Mensch zu werden hieße demnach, zu versuchen, die Wunden zu heilen, die die Freiheit geschlagen hat.

Das bedeutet konkret, alle Technologien und Praktiken zu verbieten, die negative, schädliche oder gar zerstörerische Auswirkungen auf die Natur haben. Das heißt aber vor allem, anzuerkennen, dass die Natur ihren eigenen Wert und ihre eigene Würde hat. Sie war vor uns da, hat uns hervorgebracht, und ihr Ursprung ist so geheimnisvoll wie der unsere. Die Natur selbst weiß nichts von ihrem Wert und ihrer Würde, aber wir wissen darum und sind deshalb verpflichtet, diesen Wert und diese Würde zu bewahren und zu schützen. Der Arzt und Theologe Albert Schweitzer nannte das ganz schlicht die „Ehrfurcht vor dem Leben“. Und weiter: „Wo du bist, soll, so viel an dir ist, Erlösung sein, Erlösung von dem Elend, das der in sich selbst entzweite Wille zum Leben in die Welt gebracht hat, Erlösung, wie sie nur der wissende Mensch bringen kann. Das Wenige, das du tun kannst, ist viel – wenn du nur irgendwo Schmerz und Weh und Angst von einem Wesen nimmst, sei es Mensch, sei es irgend eine Kreatur. Leben erhalten ist das einzige Glück.“ 

Darüber hinaus müssen wie anerkennen, dass nicht wir die Instanz sind, die ihr diese Würde verliehen hat, wie es eine anthropozentrische Ethik behauptet, sondern die Natur schon immer über eigenen, von uns unabhängigen Wert verfügt. Einfach aufgrund der Tatsache, dass es sie gibt, sie lebendig ist und wir davon ausgehen müssen, dass ein Grund dafür existiert, dass es sie gibt. Auch wenn wir diesen Grund nicht kennen – oder vielleicht gerade, weil wir ihn nicht kennen.

Dass wir von dieser Haltung, die eine wahrhaft menschliche wäre, Lichtjahre entfernt sind, zeigt nur, wie tief wir den Graben zwischen uns und der Natur in den vergangenen Jahrhunderten aufgerissen haben und wie wenig wir unserer Verantwortung, Heiler zu sein und keine Zerstörer, gerecht werden. Dass es so bleiben muss, ist dabei aber noch lange nicht abgemacht. Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer hat gerade am Beispiel der Renaturierung der Havel beschrieben, dass es durchaus möglich ist, Fehler auch wieder gut zu machen und die Kluft, die uns von der mehr-als-menschlichen Welt (David Abram) trennt, zu überbrücken.

Die Freiheit war das große Wagnis, dass der Schöpfer des Ganzen eingegangen ist. Er muss um ihre Dialektik gewusst haben, aber zugleich auch um die große Hoffnung, die mit ihr verbunden ist. Der Mensch ist das erste Wesen, in dem die Freiheit radikal scheitern kann, denn er hat die Freiheit, sich und weite Teile der Natur zu zerstören. Er ist aber gleichzeitig auch das erste Wesen, in dem die Freiheit dahingelangt, den durch sie selbst entstandenen Bruch zu überwinden. Der Mensch hätte somit die Aufgabe, diese Schöpfung zu heilen, wo immer es ihm möglich ist. Aus dieser Perspektive wäre er demnach nicht nur für sich, sondern auch für die Natur verantwortlich.

Nicht wenige bestreiten diese Verantwortung. Für die Biologin Lynn Margulis beispielsweise ist das „die Rhetorik der Machtlosen“, denn „unser Planet sorgt für uns, nicht wir für ihn. Unser aufgeblasenes moralisches Gebot, eine widerspenstige Erde zu zähmen oder unseren kranken Planeten zu heilen, zeigt nur unsere maßlose Fähigkeit zur Selbsttäuschung. In Wirklichkeit müssen wir uns vor uns selbst schützen.“

Wir sind verantwortlich für die Natur

Das ist alles richtig und doch nur die halbe Wahrheit. Natürlich hat Lynn Margulis Recht mit der Behauptung, dass der Planet für uns sorgt; aber gleichzeitig sind wir verpflichtet, für den Planeten zu sorgen. Wir sind verantwortlich für die Natur, weil wir die Macht haben, in sie einzugreifen und sie im schlimmsten Fall zu schädigen oder sie zu zerstören. Macht geht, das ist eine Binsenweisheit, immer mit Verantwortung einher. Solange wir dieser Aufgabe nicht gerecht werden, haben wir unser Menschsein noch nicht zur Gänze entwickelt und sind noch nicht das, was wir sein könnten.

Doch auch wenn wir es jetzt und in Zukunft schaffen sollten, ein Verhältnis zur Natur zu entwickeln, das beiden Seiten gerecht wird, stehen wir doch weiterhin an den Bruchrändern des Abgrunds, der uns voneinander trennt. So sehr wir uns auch bemühen, werden wir die trennende Kluft vielleicht überwinden, schließen können wir sie nicht. Wir leben in einer unperfekten Welt, in der all unser Handeln ebenfalls nicht perfekt sein kann. Weder vom praktischen noch vom moralischen Standpunkt aus betrachtet. So bleibt uns lediglich, in einer unvollkommenen Welt das Beste zu tun, dessen wir fähig sind. Das allerdings wäre schon sehr viel und würde das Bild der Erde und des Menschen radikal zum Guten verändern. Wir können den Bruch, der durch das Streben der Freiheit entstanden ist, nur überbrücken. Wirklich geheilt werden kann dieser Bruch nur an dem Ort, an dem die Freiheit ihren Ursprung hat. Das bleibt unsere Hoffnung, unsere Zuversicht und unser Antrieb.

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