Wir alle wachsen mit einer Fülle vorgefertigter Meinungen und Feststellungen auf, die wir oftmals ein ganzes Leben hindurch nicht mehr hinterfragen. Sätze, die uns vermeintlich zeitlos gültige Weisheiten vermitteln und oftmals durch Generationen hindurch auf uns gekommen sind. Vieles davon mag seine Gültigkeit haben, bietet vielleicht eine gewisse Orientierung in Form konkreter Handlungsanweisungen oder vermittelt uns zentrale ethisch-moralische Einsichten. Hin und wieder kann es aber auch ganz sinnvoll sein, diese vermeintlichen Gewissheiten zu hinterfragen. Dann wird man schnell bemerken, dass nicht hinter jedem dieser Sätze eine große, zeitlos gültige Weisheit steht, sondern es sich manchmal schlicht um Plattitüden handelt. Hier soll es um einen ganz speziellen dieser in der Regel sehr dogmatisch daherkommenden Sätze gehen. Wir alle haben ihn schon oft gehört und mehr oder weniger stillschweigend bejaht: Gesundheit ist das höchste Gut!

Das klingt erst einmal ganz überzeugend und was ließe sich dagegen einwenden? Schließlich weiß jeder, der einmal ernsthaft krank war, dass das ein Zustand ist, den man möglichst schnell wieder verlassen will. Trotzdem irritiert etwas an diesem Satz, je länger man darüber nachdenkt. Was? – Es folgt nichts aus ihm! Was soll man, egal ob gesund oder krank, mit diesem Satz anfangen? Bin ich – zumindest im Großen und Ganzen – gesund, interessiert er mich ohnehin nicht besonders. Bin ich krank, deprimiert er mich, da ich dieses „höchste Gut“, zumindest für eine gewisse Zeit, verloren habe. Und was soll er erst chronisch kranken Menschen sagen, die über dieses Gut nie wieder in ihrem Leben verfügen werden? Auch kommt es vor, dass Menschen schon von Geburt an körperliche Einschränkungen aufweisen, gewisse krankmachenden Dispositionen geerbt oder bereits ernsthafte Erkrankungen haben. Nicht wenige haben es demnach nie erfahren, was das angeblich „höchste Gut“ bedeutet.

Abgesehen davon impliziert dieser Satz, dass es so etwas wie Gesundheit überhaupt gibt, und das stellt vielleicht die größte Problematik dieser apodiktischen Aussage dar. Doch gerade Gesundheit ist ein Zustand, der in der Regel doch nur selten angetroffen wird, wenn er überhaupt vorkommt. Wohl kaum jemand könnte von sich behaupten, ganz und gar gesund zu sein. Jeder hat seine individuellen, graduell unterschiedlichen Krankheiten, seien sie nun körperlicher, seelischer oder psychosomatischer Natur. Gesundheit scheint somit keine grundlegende Eigenschaft von Menschen zu sein. Vielmehr stellen Gesundheit und Krankheit zwei extreme Pole dar, zwischen denen sich der Mensch zeit seines Lebens bewegt. Der Satz Gesundheit ist das höchste Gut ist somit aus mindesten drei Gründen wenig hilfreich: Zum einen, weil er kranke Menschen frustriert zurücklässt, zum anderen unterstellt, es gäbe überhaupt so etwas wie absolute Gesundheit und darüber hinaus nichts aus ihm folgt.

Wie ließe sich dieser Satz pragmatischer formulieren und so, dass er uns etwas zu sagen hätte? Er könnte beispielsweise folgendermaßen lauten: Nicht Gesundheit ist das höchste Gut, sondern die Fähigkeit eines Menschen auch im kranken Zustand ein lebenswertes Leben zu führen. Damit bekommt dieser Satz eine gänzlich andere Aussage. Er nimmt den Betroffenen das Gefühl des Makels. Sie leiden jetzt nicht mehr so sehr unter dem Verlust dieses angeblich höchsten Gutes, da Gesundheit nicht zwangsläufig als normal vorausgesetzt wird. Darüber hinaus folgt etwas aus diesem Satz, nämlich die Frage: was kann ich tun oder was wäre nötig, um seelisch stark genug zu werden, mit meinen Krankheiten zu leben, anstatt ewig dem Verlust meiner vermeintlichen Gesundheit nachzutrauern? Oder anders formuliert: was läuft eigentlich in einer Gesellschaft falsch, die Gesundheit zum höchsten Gut erklärt?

Nicht Gesundheit ist das höchste Gut, sondern die Fähigkeit eines Menschen auch im kranken Zustand ein lebenswertes Leben zu führen

Wir leben in einer Zeit, in der mit allen Mitteln das Leid vermieden werden soll und sei es auch noch so gering. Krankheit und damit verbunden Leiden und Tod sind aber nicht die Gegner des Lebens, sondern lediglich sein komplementärer Teil. Das darf natürlich nicht heißen, dass wir aufhören sollen zu versuchen das Leiden, wo immer es uns begegnet, zu vermindern. „Das Wenige, das du tun kannst, ist viel – wenn du nur irgendwo Schmerz und Weh und Angst von einem Wesen nimmst, sei es Mensch, sei es irgend eine Kreatur. Leben erhalten ist das einzige Glück.“ So hat es Albert Schweitzer zeitlos gültig formuliert.

Es geht demnach nicht darum, Krankheit und Leiden fatalistisch, sozusagen als gottgegeben, hinzunehmen. Wir sollten lediglich damit aufhören, uns gegen das Leiden abzuschirmen. Es ist ein Teil unseres Lebens und schon der Anfang einer jeden individuellen Existenz beginnt mit einem Schrei und ist mit dem Geburtsschmerz der Mutter verbunden. Wer sich gegen das Leiden abschließt, der schließt sich zwangsläufig auch gegen das Leben ab. Wir dürfen keine a-pathische Gesellschaft im doppelten Sinn des Wortes werden. Vielleicht sind wir es schon längst…

Es ist, zumindest was die aufgeklärt genannte westliche Welt betrifft, das Zeitalter der radikalen Säkularisation. Das heißt, wir haben alle Beziehungen zur Transzendenz gekappt, alle religiösen Hoffnungen und Fragen in uns zum Schweigen gebracht und unsere Kirchenbesuche dienen, wenn überhaupt, nur noch dazu, gewisse Serviceleistungen in Anspruch zu nehmen, wie Taufe, Heirat oder Beerdigung. Wir haben uns, spätestens seit Nietzsche den Tod Gottes diagnostiziert und den Übermenschen ausgerufen hat, an Gottes Stelle gesetzt. Unser Dasein kennt keinen Halt mehr, der über das zeitlich Bedingte hinausreichen würde. Das Leben im Hier und Jetzt ist alles, was wir haben. Wenn wir dieses Leben verlieren, dann haben wir buchstäblich alles verloren. Der Verlust unserer Gesundheit bedeutet innerhalb dieser Weltsicht bereits den ersten Schritt in Richtung des absoluten Todes. Wenn dieses Leben alles ist, dann muss alles, was dieses Leben in irgendeiner Form beeinträchtigt oder bedroht, des Teufels sein.

Wir haben unsere Beziehung zur Transzendenz gekappt

Nur vor diesem Hintergrund lässt sich der Satz Gesundheit ist das höchste Gut zur Gänze begreifen. Gesundheit ist aber nicht das höchste Gut, sondern lediglich ein Ideal, das in Wahrheit noch niemand erreicht hat, noch jemals erreichen wird. Wir sind nicht auf dieser Erde, um gesund zu sein, was immer das heißen mag, sondern aufgerufen gesund zu werden und zu heilen wo immer es möglich ist. Da aber wo es nicht möglich ist, haben wir die Aufgabe zu lernen, mit unseren Krankheiten würdevoll zu leben.

Mit unseren Krankheiten zu leben, sie als Existenzial des menschlichen Lebens anzuerkennen, ist aber nur möglich, wenn wir uns von der Vorstellung befreien, dass dieses Leben schlechthin alles ist. Wer sich gehalten weiß in einer Macht, die sein individuelles Dasein grenzenlos übersteigt, der wird auch in der Lage sein, das Leben anzunehmen, auch wenn es durch Krankheit, in welcher Form auch immer, beeinträchtigt ist. Das heißt nicht, um es noch einmal zu sagen, sich leichtfertig mit seinen Krankheiten abzufinden und sich diesen passiv zu überlassen. Gesundheit ist ein erstrebenswerter Zustand und wir sollten versuchen, gesund zu werden und gesund zu machen soweit das in unserer Macht steht. Da aber, wo unsere Macht endet, beginnt nicht zwangsläufig die Hoffnungslosigkeit. Dort, wo wir am Ende unserer Kräfte sind, steht eine andere Kraft, die uns hilft, unsere Grenzen des Machbaren zu akzeptieren.

Aber genau diese Fähigkeit Grenzen zu akzeptieren, ist uns in einer Zeit des anything goes weitestgehend abhanden gekommen. Krankheit, so wie auch Leiden, Tod und Schuld sind Grenzsituationen. Sie sagen uns: bis hier hin und nicht weiter! Was immer du tust, über uns kommst du nicht hinweg! Da wir nicht willens sind, diese Grenzen als unauflöslich mit unserem Leben verbunden zu akzeptieren, vermeiden oder verdrängen wir die damit verbundenen Tatbestände, wann und wo immer wir können. Dabei läge gerade in der Wahrnehmung dieser Grenzen eine große Chance für unser Leben. Sie zeigen uns nämlich zweierlei: Einmal führen sie uns die absolute Begrenztheit unserer Macht und unserer Möglichkeiten vor Augen. Wer aber aufmerksam ist und in seinem Leben schon einmal mit seiner eigenen Machtlosigkeit konfrontiert war, beispielsweise im Angesicht von Krankheit oder dem Tod eines Freundes oder nahen Angehörigen, hat im besten Fall auch eine andere Erfahrung gemacht. Die eben genannten Grenzen, wie Krankheit, Leiden, Schuld und Tod, mögen für uns absolut und für alle Zeiten unüberwindlich sein, aber etwas in uns spürt, dass es sich eben nur um Grenzen für uns handelt. Wenn sie auch für uns absolut sind, heißt es nicht, dass dahinter das völlige Nichts, die vollkommene Nichtigkeit lauert, sondern dass hinter der diesseitigen Wirklichkeit eine jenseitige Wahrheit existiert, die wir nur erahnen können. In Zeiten von Krankheit, Leiden, Schuld oder drohendem Tod stoßen wir zwar an Grenzen, sind aber zugleich in der Lage, diese zu transzendieren. Und Grenzen transzendieren heißt immer auch hoffen. Das unterscheidet uns fundamental vom Tier. Wenn ein Tier leidet, so leidet es ohne Hoffnung.

Das Leben feiern

Gerade diese Erfahrung der Möglichkeit, Grenzen zu transzendieren kann man auch Glauben nennen, unabhängig von jeder konfessionellen Gebundenheit. Wenn wir lernen unsere Grenzen anzunehmen, so öffnet sich nicht nur ein anderer Blick auf das Leben, sondern im besten Falle lehren sie uns Demut, Bescheidenheit und die Erfahrung des Gehaltenseins gegen alle Evidenz. Erst wer Krankheit, Leiden und Tod unauflöslich zu seiner Existenz gehörend begreift, kann auch das Leben gebührend feiern. | ECKART LÖHR

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