„Yet if nothing else,
each time a new baby is born there is a possibility of reprieve.
Each child is a new being, a potential prophet, a new spiritual prince,
a new spark of light, precipitated into the outer darkness.
Who are we to decide that it is hopeless?“
(Ronald D. Laing)

Ein Blick auf die Geschichte des Menschen, wie auch auf die derzeitige Welt mit all ihren sozialen, ökologischen und gesellschaftlichen Problemen, angefangen von der Flüchtlingsproblematik, über die Kriege im Nahen Osten, bis hin zum allgegenwärtigen Klimawandel genügt, um den Eindruck zu bestätigen, dass der Mensch – wenn überhaupt – nur begrenzt lernfähig ist und immer wieder die gleichen Fehler begeht. Es wäre demnach leicht zu sagen: „Was geht mich das alles an? Wir sind sowieso am Ende. Wenn wir uns nicht ökologisch ruinieren, werden wir uns spätestens im kommenden Krieg, der mit Sicherheit ein atomarer sein wird, auslöschen. So oder so hat der Mensch keine Zukunft und vielleicht wäre es besser, wenn er von dieser Erde verschwinden würde“. Und tatsächlich ist das eine Haltung, oftmals gespeist aus dem Gefühl persönlicher Machtlosigkeit, die sich bei vielen Menschen breitzumachen scheint.

Das Recht, ein anderer zu werden

Doch so zu denken, ohne Hoffnung und ohne den Glauben daran, dass sich Umstände und auch Menschen ändern können, hieße, bereits mitten im Leben gestorben zu sein und den prophezeiten kollektiven Tod individuell vorwegzunehmen. Es würde bedeuten, sich aus seiner persönlichen Verantwortung zu stehlen, die jeder von uns trägt für all das, was auf dieser Erde geschieht. Denn, so heißt es bei Sartre, „der Mensch ist dazu verurteilt frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut.” Es hieße auch, Denjenigen ins Gesicht zu schlagen, die jeden Morgen aufstehen und versuchen, diese Welt ein wenig besser zu machen. Nicht mehr an die Menschen zu glauben, hieße aber vor allem, nicht mehr an sich selbst zu glauben und an die Möglichkeit, sein Denken und Handeln zu verändern. Doch Veränderung ist immer möglich, so lange man lebt. Die protestantische Theologin Dorothee Sölle nannte es „das Recht, ein anderer zu werden“.

Ohne Hoffnung zu sein ist daher nicht nur im tiefsten Sinne unmoralisch, es ist auch von Grund auf ungerechtfertigt. Wäre die Welt eine statische Welt des ewigen unveränderlichen Seins, so wie der griechische Philosoph Parmenides sie sah, dann allerdings wäre es berechtigt, hoffnungslos zu sein. Oder es wäre die Welt Nietzsches, in Bewegung zwar, aber immerfort nur sich selbst reproduzierend als die ewige Wiederkehr des Gleichen, auch dann wäre Hoffnungslosigkeit berechtigt. Der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus hat dieser Welt mit seinem Mythos von Sisyphos ein literarisches Denkmal gesetzt. Sisyphos wurde von den Göttern dazu verurteilt, einen Stein einen Berg hinauf zu rollen. Doch kurz vor Erreichen des Gipfels rollt dieser Stein immer wieder zurück ins Tal und der tragische Held beginnt seine Arbeit von vorne. Bis in alle Ewigkeit, ohne Aussicht auf Erfolg. Die Götter „hatten mit einiger Berechtigung bedacht, dass es keine fürchterlichere Strafe gibt, als eine unnütze und aussichtslose Arbeit.“ Für Camus lag der Sinn des Lebens im Aushalten dieser „fürchterlichen Strafe“, im Ertragen der Hoffnungslosigkeit, denn „das Wissen, das seine eigentliche Qual bewirken sollte, vollendet gleichzeitig seinen Sieg. Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.“ Und dann der gewaltige Satz: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Man kann diesem heroischen Nihilismus, der im Gegensatz zum bloßen Neinsagen eine bemerkenswerte Haltung darstellt, die Achtung nicht verwehren – und doch bleibt es eine fragwürdige und kaum praktizierbare philosophische Position. Denn seien wir ehrlich, welcher Mensch könnte auf Dauer leben, in Anbetracht der absoluten Sinn- und Hoffnungslosigkeit seines Daseins? Denn hoffnungslos zu sein, beinhaltet eben auch, nicht an die Veränderbarkeit der Welt und der Menschen zu glauben. In einer unveränderbaren Welt zu leben, in der all unser Tun zur Wirkungslosigkeit verdammt wäre, würde uns in kürzester Zeit psychisch und moralisch zugrunde richten.

Die Zukunft ist offen

Hoffnung ist eben nichts, was wir haben sollten, um unser Leben ertragen zu können, eine schöne Illusion, um den Alltag zu meistern – aber eben eine Illusion, die durch nichts gerechtfertigt ist. Hoffnung wäre nur in den eben beschriebenen Welten, ohne die Möglichkeit der Veränderung, eine Illusion. Unsere Welt ist aber eine andere. Unsere Welt ist die Welt des Heraklit. Von ihm stammt der oft zitierte Satz, dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen könne. Panta rhei, alles fließt, alles ist in Bewegung. Wir sind morgen nicht mehr die, die wir heute sind und wir sind heute schon nicht mehr die, die wir gestern noch waren. Die ganze, zirka vier Milliarden Jahre währende, Geschichte des Lebens zeichnet sich gerade dadurch aus, dass immer wieder etwas Neues erschien, etwas noch kurz vorher gänzlich Unvorstellbares. Der Prediger hat Unrecht, wenn er schreibt, „das, was war, ist das, was sein wird. Und das, was getan wurde, ist das, was getan wird. Und es gibt gar nichts Neues unter der Sonne.“ Es ist genau umgekehrt. Nicht alles ist schon dagewesen, sondern nichts ist schon dagewesen. Die Zukunft ist offen und wir entscheiden, wie diese Zukunft aussehen wird.

Es gibt darüber hinaus noch einen weiteren Grund, der uns die Hoffnung nicht verlieren lassen sollte, und dieser Grund liegt in uns selbst – oder vielmehr in unseren Möglichkeiten. Immer wieder hat die Geschichte Persönlichkeiten hervorgebracht, die uns gezeigt haben, und auch in unserer Gegenwart zeigen, was der Mensch sein kann. Einer dieser herausragenden Persönlichkeiten war Jesus von Nazareth, der durch Galiläa zog und im wahrsten Sinne des Wortes unerhörte Dinge predigte. Er war ein Sozialrevolutionär, ein Umstürzler und die Quelle, aus der er schöpfte, war die Liebe. Das unterscheidet ihn bis heute von vielen Revolten, deren Quelle der Hass ist. Das was er predigte war vor zweitausend Jahren radikal und ist es noch heute. Mehr noch war es die „Ansage eines Umsturzes, der alles betraf, was sich damals an religions- und staatsbehördlicher Macht präsentierte, die jüdische und römische Obrigkeit, die erbärmliche Prominenz der Herrschenden, die Institution gewordene Schäbigkeit des Rechts- und Machtdenkens. Jesu Botschaft schleudert die geballte Ladung der prophetischen Kampfansage in die Apparaturen der religiösen und weltlichen Instanzen hinein.“ (Fridolin Stier)

Allen voran seine Bergpredigt bleibt ein dauerndes Mahnmal, ein Pfahl im Fleisch und erinnert uns daran, dass es noch eine andere Welt gibt. Eine Welt, in der der Mensch nicht des Menschen Wolf ist, eine Welt in der gerade die Ärmsten und sozial Benachteiligten unserer Fürsorge sicher sein können, eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens. Der Umsturz ist bis heute nicht Realität geworden, aber eine Vielzahl kleinerer und größerer Umstürze in der Geschichte sind Teil dieses einen, von Jesus prophezeiten gewaltigen Wandels. Er hat die Richtung vorgegeben. Es ist an uns, das Band auf der Ziellinie zu durchtrennen.

Nein, es gibt keinen Grund, hoffnungslos zu sein. Zu vieles steht dem entgegen und zu viel ist noch zu tun in dieser Welt der Kriege, der Gewalt, der Unterdrückung und der Ungerechtigkeit. Jürgen Moltmann, der große Theologe der Hoffnung, hat gewusst, dass „Frieden mit Gott […] Unfrieden mit der Welt [bedeutet], denn der Stachel der verheißenen Zukunft wühlt unerbittlich im Fleisch jeder unerfüllten Gegenwart. Hätten wir nur das vor Augen, was wir sehen, so würden wir uns heiter oder verdrossen mit den Dingen abfinden, wie sie eben sind. Dass wir uns aber nicht abfinden, dass es zwischen uns und der Wirklichkeit zu keiner freundlichen Harmonie kommt, das macht die unauslöschliche Hoffnung.“

Die Hoffnung schaut niemals in den Rückspiegel

Die Hoffnung, dass eine bessere Welt möglich ist, stellt gleichzeitig die größte Motivation dar, diese Welt hin zu einer besseren zu verändern. So wirkt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft unmittelbar zurück auf die Gegenwart. Es ist die Forderung an jeden Einzelnen, sein individuelles Handeln kritisch zu hinterfragen und wenn nötig zu korrigieren. Es ist aber auch der Auftrag an uns, diejenigen politischen und sozialen Strukturen zu reformieren oder ganz abzuschaffen – bzw. ihre Vertreter abzuwählen – die lediglich den Status quo erhalten wollen. Wir erleben gerade, dass in vielen Ländern der westlichen Welt nicht nur der Status quo verteidigt werden soll, sondern, schlimmer noch, versucht wird, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Das dürfen wir nicht zulassen. Denn die Hoffnung schaut niemals in den Rückspiegel. Der hoffnungsvolle Blick ist immer nach vorne gerichtet und am Ende wird es gut und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

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