Die Suche nach einen Phantom. Der Arzt und Wissenschaftler Siddhartha Mukherjee erzählt die Geschichte des Gens

Das vorliegende Buch lässt den Leser kurzfristig sprachlos zurück, denn hier hat die Medizingeschichte ihren Erzähler gefunden. Siddhartha Mukherjee legt jetzt sein zweites Epos vor. Nach eigenen Worten „mental ausgebrannt“ nach seinem letzten Buch König aller Krankheiten (2012) fällt ihm ein, dass er noch die Vorgeschichte hierzu schreiben müsste. Die Geschichte der Erforschung der gesunden Genausprägung muss erzählt werden, um zu verstehen, wie Krebs aus der verfehlten Genexpression entsteht. Und das erzählt der Autor nun mit einer Leichtigkeit und Lebendigkeit, die die 659 Seiten der deutschen Ausgabe an keiner Stelle lang erscheinen lassen.

Mukherjee nimmt die Leserin mit in seine persönliche Geschichte. Aufgrund von Schizophrenie und bipolarer Störung in seiner nahen Familie sucht er nach möglichen genetischen Ursachen und Prädiktoren der Krankheiten, nicht zuletzt um das eigene Schicksal und das der eigenen Kinder vorauszuahnen. Mit der Genauigkeit des Wissenschaftlers und Historikers begibt er sich auf die Spuren der Vererbungslehre.

Schon die griechischen Philosophen gingen von einem Erbfaktor aus, der Informationen von den Eltern an die Kinder überträgt. Während Pythagoras annahm, der männliche Same durchwandere den Körper und nehme Informationen auf, während die Mutter die Amme sei, war bereits Platon klar, dass es Erbinformationen beider Elternteile seien müssen, die an das Kind weitergegeben werden und in diesem zur Ausprägung gelangen. Aristoteles begründet dieses anhand der genauen Beobachtung, dass Merkmale beider Eltern in den folgenden Generationen sichtbar werden, teils sogar Generationen überspringen, wodurch die Konstanz der Information deutlich wird.

Von hier aus geht die Reise weiter und Mukherjee versteht es gut, die Protagonisten der Wissenschaftsgeschichte lebendig werden zu lassen. Wir begleiten Darwin auf seine Reise zu den Galapagos Inseln und zur ersten Strichzeichnung eines Stammbaumes der Vererbung. Wir folgen Mendel in den Klostergarten, in dem er über Jahre Erbsen züchtet, aber aufgrund der klösterlichen Aufgaben den Weg der Biologie schließlich verlassen muss. So geraten seine Erkenntnisse in Vergessenheit und werden um 1900 von mehreren Wissenschaftlern parallel wiederentdeckt. Und erst hier entstehen die Worte „Gen“ und „Genetik“, um dem rätselhaften Konzept des Erbfaktors und dem Fach seiner Erforschung einen Namen zu geben.

Schon mit der Benennung scheint ein Wandel in die Geschichte einzutreten und ein grundlegendes Kennzeichen der menschlichen Natur tritt zu Tage: Kaum hat der Mensch ein Prinzip der Natur entdeckt, strebt er dessen Manipulation an. Noch bevor das Gen als Struktur im Zellkern greifbar wurde, beginnen die Bemühungen der Eugenik, der genetischen Auslese zum Zweck der Verbesserung der Menschheit. Wohlgemerkt beginnen diese in den USA, wo ab 1924 die eugenische Sterilisation eingeführt wird und als minderwertig selektierte Menschen in Lagern einquartiert werden. Doch in Europa fällt die Idee der Eugenik auf noch weit fruchtbareren Boden. In England spricht sich das Who is who der Gesellschaft für die Verbesserung der menschliche Rasse mittels Selektion der Starken und Ausmerzung der Schwachen aus. Darunter Francis Galton, Darwins Cousin und Statistiker (regression towards the mean), der Mathematiker Karl Pearson (correlation coefficient) und der Schriftsteller H.G. Wells (Die Zeitmaschine).

Während bereits Überlegungen zur konkreten Anwendung der Genetik entstehen, wird auf anderer Seite noch fieberhaft nach deren Lokalisation im Körper geforscht. In den 1890er Jahren hatte der Embryologe Theodor Boveri die Theorie der Chromosomen als Träger der Erbinformation aufgestellt. Seine Schülerin Netti Steven findet das Y-Chromosom als Träger der männlichen Anlagen und ab 1905 beginnt eine rege Forschung durch Thomas Morgan und seinen Studenten anhand der Fliegengenetik. Schritt für Schritt bahnen sich neue Erkenntnisse an: Crossing-over als Konzept der genetischen Variabilität, polygenetische Codierung von Phänotypen, natürliche Selektion anhand von Umweltbedingungen wie der Umgebungstemperatur, das Zusammenwirken von Genotyp, Umwelt, Auslöser und Zufall, die den Phänotyp eines Organismus ergeben. Die Möglichkeit der genetischen Manipulation durch Einschleusung von viralen Genen in Bakterien, die Mutagenität von radioaktiver Strahlung.

Manche Wissenschaftler, wie der russischen Biologe Theodosius Dobzhansky, werden laute Gegner der Eugenik auch aufgrund der Entdeckungen, dass eben keinesfalls die Gene alleine für die Ausprägung der Lebewesen verantwortlich sind und dass spontane Neumutationen ein Ausmerzen von ungewünschten Eigenschaften unmöglich machen.

Dennoch setzt sich in Deutschland unter den Nazis kurzfristig die Lehre der Rassenhygiene durch, mit den bekannten Konsequenzen. Deren Gräueltaten unter dem Deckmantel der genetischen Rassenauslese bewegen sich unter wissenschaftlichen Aspekten im luftleeren Raum. Zwar werden Gene als Träger der Erbinformation angenommen und auch Erwin Schrödinger beschreibt 1944 in seinem Buch Was ist Leben? noch ein fiktives Konstrukt des Gens, aber dessen materielle Entsprechung ist weiterhin nicht greifbar. Doch ebenfalls 1944 weist Oswald Avery die DNA als dessen chemisches Korrelat nach. Nun überschlagen sich die Ereignisse. Watson und Crick entdecken die Doppelhelix der DNA, 1960 wird RNA als die aktive Kopie der DNA ermittelt. 1965 sind alle Aminosäuren bestimmten Basentripletts zugeordnet. Man entdeckt die Fähigkeit von Genabschnitten zu springen (Transposons) und sich selbst zu reparieren. Bakteriengene werden mit Bakteriophagen verknüpft und die erste rekombinante DNA wird um 1970 erstellt.

Hier nun legen sich Wissenschaftler wie Paul Berg erstmals ein Moratorium auf, so lange mit der weiteren Gentechnik zu pausieren, bis Klarheit über deren Folgen besteht – wobei die Forschung damit keineswegs aufgehalten wird. Im Endbericht der berühmten Asilomar Konferenz 1975 werden Forschungsleitlinien und gentechnische Sicherheitsklassen definiert. Ebenfalls 1975 wird Insulin durch in Hamsterzellen transferierte Bakterien produziert. 2001 ist das Humangenom entschlüsselt. Sequenzierung, Klonierung, Rekombination – das Gen ist ein Baustoff geworden, die Techniken zu dessen Manipulation sind vorhanden.

Man merkt Mukherjee an, dass er den Wissensdurst der Forscher teilt. Wir sehen, wie lange es gedauert hat, bis der Mensch seinen genetischen Code entdeckt hat. Retrospektiv erscheint es undenkbar, dass bis vor kurzem keine der uns heute geläufigen Erkenntnisse vorlag. Und wir sehen, mit welcher Rasanz der Mensch, noch bevor er versteht, was er vor sich hat, bereits Fundamente seiner Existenz zu verändern sucht. Doch der Autor lässt sich nicht zu einer blinden Fortschrittsgläubigkeit hinreißen.

Hier liegt vielleicht die Besonderheit des vorliegenden Werkes. Der Autor, Forscher, Arzt und Mensch legt hier sein eigenes Ringen um den richtigen Weg und seine persönliche Sorge um seine eigene Zukunft und die seiner Kinder offen. Hinter den Fakten, hinter der Fassade des Fortschritts, liegt seine Suche nach dem Korrelat psychischer Erkrankungen. Wenn die vorliegenden und zitierten Studien nahelegen, dass auch psychische Krankheiten genetisch veranlagt sind, kann man diese dann ebenfalls mittels Gentechnik „heilen“, wie bereits bestimmte monogenetische Erkrankungen? Die Heilung läge hiernach in der genchirurgischen Entfernung. Man könnte dann die Schizophrenie, die Depression, die Manie, den Autismus herausoperieren wie ein Krebsgeschwür. Dem Onkologen kann diese Option verlockend erscheinen, arbeitet er doch täglich an der Sequenzierung, Identifikation und Behandlung des „Königs aller Krankheiten“. Und doch muss er sehen, dass trotz aller Wissenschaftspropaganda die Korrelation von Gen zu Phän nicht gelingen will. Zu dunkel ist noch das Geheimnis der nicht codierenden Genomabschnitte, die über 90% der gesamten DNA ausmachen. Zu komplex und unverstanden sind die übergreifenden Genregulationsmechanismen. Wie vererbt sich Erfahrung? Wie drückt sie sich in epigenetischen Entsprechungen aus? Wie frei sind wir in unseren Entscheidungen, wenn es Hinweise gibt, dass selbst die politische Einstellung, die Vorliebe für eine bestimmte Art von Musik, unser Humor und unsere Ängste eine Entsprechung in diesem unscheinbaren Basenstrang finden?

Mukherjee lässt diese Fragen offen. Sein Prozess ist ebenso wenig abgeschlossen wie die Geschichte des Gens. Es ist die Vorgeschichte der Gegenwart und der Zukunft.

Was sie uns lehrt? Die Vorsicht, denn, so hat es Karl Popper einmal formuliert, die „Die Hybris, die uns versuchen lässt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln“. Oder in Mukherjees eigenen Worten: „Das Leid mag verringert werden, zugleich aber auch die Sensibilität. Traumata mögen ausgelöscht werden, zugleich aber auch die Geschichte. Mutanten würden eliminiert, damit aber auch die menschliche Vielfalt.“

Wir wissen nicht, was wir tun, wenn wir Änderungen an unserem Genom vornehmen, oder im Sinne einer neuen Form von Eugenik bereits vor der Geburt eines neuen Menschen selektionieren, wer geboren wird – so wie wir es im Rahmen der in vitro Fertilisation und der Pränataldiagnostik bereits tun. Denn wer sagt uns, dass wir es aushalten werden, wenn die Selektion – wie ebenfalls bereits Realität – Augenfarbe, Geschlecht und Anlagen für Sportlichkeit umfasst. Je mehr wir zu optimieren versuchen, desto deutlicher wird unsere eigene Abweichung vom Optimum. Die logische Konsequenz ist eine Gesellschaft von Klonen des Optimums. Aber wer legt dieses fest? Alle Abweichungen, alles Unnormale fallen dann der Selektion anheim. Die Folgen dieses Tuns werden uns alle betreffen, als Gesunde und Kranke, als Wissenschaftler, Ärzte, Politiker, Bürgerinnen und Bürger. Auch hier ein Zitat des Buches: „Wir alle werden auf die eine oder andere Weise in das Regime des Genmanagements hineingezogen werden, das im Grunde eugenisch sein wird.“ (Desmond King). Ein wichtiges Buch. | SILKE HEIDENREICH

Siddhartha Mukherjee: Das Gen
Fischer Verlag 2017
766 Seiten, ISBN (13): 9783100022714

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