Wenn die Logik versagt […] ist es immer angezeigt,

zur Anschauung zurückzukehren.

Denn die Logik verhält sich zur Anschauung

wie ein Park mit geschorenen Alleen zum freiwachsenden Walde.

(Jakob von Uexküll)

Der Mensch hat sich immer Ideologien gebastelt, die als Basis für sein Handeln dienen mussten. In der Regel enden sie mit dem Suffix ismus und bedeuten selten etwas Gutes: Rassismus, Nationalismus, Sexismus, Chauvinismus, Dogmatismus und dergleichen mehr. Die Ideologien, die uns das geistige Fundament für die fortgesetzte Zerstörung der Natur liefern und eng miteinander verzahnt sind, heißen: Szientismus und Kapitalismus. Diese wiederum führen noch ein paar andere Ismen im Gepäck, wie Mechanismus, Reduktionismus, Biologismus und Anthropozentrismus. Und alle diese Ideologien haben eine Gemeinsamkeit: Sie entheiligen die Natur. Sie entheiligen die Natur, weil sie ihr Subjektivität, Ziele, Werte und damit ihre Würde absprechen und so den Weg zu ihrer vollständigen Demütigung, Ausbeutung und Zerstörung geebnet haben. Dieser Prozess hat eine lange Geschichte, die vielleicht schon mit Sokrates begann. Im Dialog Phaidros legt Platon ihm die Worte in den Mund: »Ich bin eben lernbegierig, und Felder und Bäume wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt.«

Die Welt als Maschine

Spätestens aber seit der Renaissance und dem Aufkommen der modernen Wissenschaften haben wir der Natur ihre wesentlichen Eigenschaften abgesprochen und wollten nichts mehr lernen von Feldern und Bäumen, sondern nur noch über sie verfügen. Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei, Francis Bacon, Pierre Gassendi, Marin Mersenne, René Descartes und Isaac Newton sind hier die entscheidenden Namen. Was dabei auf den ersten Blick ins Auge fällt, ist die schlichte Tatsache, dass die genannten Protagonisten nicht ausschließlich Philosophen, sondern auch – und zum Teil in erster Linie – Wissenschaftler waren. Für Galilei war die Natur ein Buch, das in der Sprache der Mathematik geschrieben ist. Und somit wurden die Mathematiker, da sie in der Lage sind, die Zeichen der Mathematik zu verstehen, die neuen Priester der Moderne.

Die weitreichendste und folgenschwerste Annahme war in diesem Zusammenhang, dass die Welt wie eine Maschine konstruiert sei. Descartes behauptete das auch von den Tieren. Und dass es heute noch Versuchslabore gibt, in denen Tiere im Namen der Wissenschaft Schlimmstes erleiden müssen, ist nicht zuletzt auch das schreckliche Erbe dieser von allem Leben entfremdeten »Philosophie«. Man ging jetzt davon aus, dass die Gesetze der Mechanik nicht nur auf die Natur angewendet werden können, sondern dass sie mit den Gesetzen der Natur identisch seien. Im Folgenden wird dieses mechanistische Modell auf alle Bereiche ausgedehnt und macht selbst vor dem Staatswesen nicht halt. Denn schon im Jahr 1651 erscheint Thomas Hobbes‘ Buch Leviathan, in dem er dieses Denken auf seine Staatstheorie überträgt. Gut dreißig Jahre später veröffentlicht Issac Newton sein Hauptwerk Philosophiae Naturalis Principia Mathematica (Die mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie). Und jetzt wird der gesamte Kosmos zu einer großen, mathematisch beschreibbaren Maschine.

Die Vorstellung von der Maschinenhaftigkeit der Natur war von einer so ungeheuren philosophischen Durchschlagskraft, dass sie sich (leider) bis heute durch unser Weltverständnis zieht. Denn alles was wissenschaftlich beschrieben wird, nimmt zwangsläufig Maschinencharakter an. Wissenschaftlerinnen müssen selbst lebende Organismen als Maschinen betrachten, da sie sonst nicht in der Lage wären, sie zu untersuchen. Um zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen, können sie gar nicht anders, als alles in immer kleinere Teile zu zerlegen. So kann Wissenschaft per Definition keine Ganzheiten beschreiben. Das ist auch der Grund für die Unfähigkeit der Biologie, obwohl sie das Leben sogar in ihrem Namen trägt, zu erklären was Leben ist. Ein Biologe kann den lebendigen Organismus nur beschreiben, indem er ihn in immer kleinere Segmente, bis hinab auf die atomare Ebene, zerlegt und dabei zwangsläufig tötet. Wenn er im Anschluss diese von ihm beschriebenen Teile wieder zusammensetzt, kommt er lediglich zu einer, wenn auch äußerst komplizierten Maschine, aber niemals zu einem lebendigen Organismus.

Die Entsinnlichung der Natur

Eine weitere folgenreiche intellektuelle Praxis ist die auf Galilei zurückgehende Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten. Alle lebendigen Eigenschaften der Natur werden jetzt als lediglich subjektiv erfahren in das Individuum verlegt. Zurück bleibt eine tote und entsinnlichte Natur, »eine öde Angelegenheit«, wie der amerikanische Philosoph Alfred North Whitehead schreibt, »tonlos, geruchlos und farblos; nichts als das endlose und bedeutungslose Vorbeihuschen von Material. Dies ist das ungeschminkte praktische Ergebnis der tonangebenden wissenschaftlichen Philosophie, mit der das siebzehnte Jahrhundert ausklang.« Noch knapp zweihundert Jahre später wird der Königsberger Philosoph Immanuel Kant dieses traurige Überbleibsel der Natur lapidar als »Das Ding an sich« bezeichnen. Damit war der vorläufige Tiefpunkt unseres Naturverständnisses erreicht. Hätte man ihr noch ein Weniges mehr genommen, wäre sie wohl zur Gänze in unseren Köpfen verschwunden.

Und natürlich hat auch das Christentum, und im Speziellen der Protestantismus und sein ihm innewohnender Anthropozentrismus, einen gehörigen Anteil an diesem Weltbild, denn in ihm gab es nur einen geheiligten Ort und das war der Mensch. Die gesamte Welt war letztlich nur die Kulisse, vor der sich das Drama des Menschen vollzog. Sie war lediglich dazu da, dem Menschen zu dienen. »Die christliche Anthropozentrik« schreibt der Theologe Eugen Drewermann, »kennt kein Recht der Kreatur, sie kennt nur den Menschen und seinen Nutzen, und an der Seite des abendländischen Menschen hat nur Platz, was den Zwecksetzungen des Menschen dient.«

Immer wieder wird versucht, den Satz aus dem 1. Buch Mose »seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht sie (euch) untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!« umzudeuten in den Auftrag, verantwortlich mit der Schöpfung umzugehen. Doch nur ein paar Absätze später heißt es: »Und Furcht und Schrecken vor euch sei auf allen Tieren der Erde und auf allen Vögeln des Himmels! Mit allem, was sich auf dem Erdboden regt, mit allen Fischen des Meeres sind sie in eure Hände gegeben. Alles, was sich regt, was da lebt, soll euch zur Speise sein; wie das grüne Kraut gebe ich es euch alles.« Das noch in Richtung Verantwortung gegenüber der Natur zu interpretieren, sollte auch dem erfahrensten Exegeten erhebliche Probleme bereiten. Dass die Kirche langsam beginnt, die Natur wieder als Schöpfung Gottes zu betrachten und dazu aufruft, verantwortlich mit ihr umzugehen, ist ein mutmachendes Zeichen. Nachzulesen unter anderem in den Büchern von Leonardo Boff: Befreit die Erde. Eine Theologie für die Schöpfung und in der Enzyklika Laudato Si’ des amtierenden Papstes.

Wir brauchen eine neue Erfahrung der Natur

Wir mussten demnach erst unsere lebendige Erfahrung der Natur zerstören und sie durch eine Theorie der Natur ersetzen, um sie in der Praxis leichter zerstören zu können. Aber so langsam scheint uns zu dämmern, dass unsere verstümmelte Erfahrung nicht nur unser Denken und Handeln, sondern schließlich auch die Natur und damit uns selbst beschädigt. Unsere Wahrnehmung und unsere Erfahrung ist im Laufe der letzten drei Jahrhunderte derart korrumpiert und beschädigt worden, dass die Zerstörung unserer Welt nur die logische Konsequenz unseres zerstörten Bewusstseins ist. Jeder der glaubt, wir könnten mit noch mehr Rationalität und noch mehr Technik den Schaden wiedergutmachen, den wir bisher angerichtet haben, zeigt nur, in welche Tiefen seines Seins diese Zerstörungen eingedrungen sind.

Wir brauchen also eine neue Erfahrung der Natur, die eigentlich gar nicht so neu ist, sondern immer eine zentrale Erfahrung der Menschen gewesen ist: Die Erfahrung ihrer Heiligkeit. Denn, so hat es der Philosoph Hans Jonas in seinem berühmten Buch Das Prinzip Verantwortung formuliert: »Es ist die Frage, ob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen, die am gründlichsten durch die wissenschaftliche Aufklärung zerstört wurde, eine Ethik haben können, die die extremen Kräfte zügeln kann, die wir heute besitzen und dauernd hinzuerwerben und auszuüben beinahe gezwungen sind.« Wir alle haben diese Erfahrung des Heiligen in uns und glücklicherweise noch nicht zur Gänze abgetötet. Sie ist lediglich begraben unter dem Schutt von Jahrhunderten und unter einer Sprache, die uns für die »Kategorie des Heiligen« blind und taub gemacht hat.

Am Anfang steht das Gefühl

Wir stehen somit vor der Aufgabe, sowohl unsere Wahrnehmung als auch unsere Erfahrung zu heilen. Und nicht zufällig besteht zwischen heilen und heilig eine etymologische Verwandtschaft. Der Verstand allein wird uns hier nicht retten. Er hat uns ja gerade eine Vielzahl der Probleme beschert, denen wir uns heute gegenübersehen. (Dass er auch viele gelöst hat, soll hier in keiner Weise bestritten werden). Von Albert Einstein stammt der kluge Satz, dass man Probleme nicht mit der gleichen Art zu denken lösen kann, durch die sie entstanden sind. Das ist richtig und doch nur wieder die halbe Wahrheit, da die Lösung unserer Probleme wieder nur im Denken gesucht wird. Wir müssen aber wieder anfangen zu fühlen, empathisch zu werden und erst einmal wieder ein Gespür für das Lebendige und uns selbst entwickeln. Erst dann können wir damit beginnen, uns möglichen Lösungen zuzuwenden, die sich dann, ausgehend von diesem neuen Weltverständnis, fast von allein zeigen werden. Natürlich geht das nicht ohne die Hilfe unseres Verstandes; doch am Beginn jedes Denkens steht das Gefühl. Selbst ein, dem reduktionistischen Denken anhängender Neurowissenschaftler wie António Damásio ist der Überzeugung, dass »das gesamte Gewebe des bewussten Geistes […] aus dem gleichen Stoff gemacht [ist]: aus Bildern, die durch die Kartierungsfähigkeiten des Gehirns entstehen. […] Sie werden von Anfang an spontan und ganz natürlich gefühlt, bevor irgendeine andere am Aufbau des Bewusstseins beteiligte Tätigkeit abläuft. Es sind gefühlte Bilder des Körpers, ursprüngliche Körpergefühle, die Urbilder aller anderen Gefühle, einschließlich der Gefühle von Emotionen.«

Das erste was ein Lebewesen wahrnimmt ist, ob die Außenwelt gute oder schlechte Bedingungen für sein Fortbestehen mit sich bringt. Das ist kein intellektueller Akt, sondern ausschließlich einer des Fühlens. Wir wissen alle aus eigener Erfahrung, dass es nicht genügt, die Dinge nur rational zu erfassen. Erst wenn wir etwas gefühlt haben, können wir wirklich beurteilen, was da gerade passiert. Und solange wir glauben, unser Verstand allein würde genügen, die ganze Problematik zu erkennen und zu verstehen, wird sich an unserer Situation kaum etwas ändern. Solange das Erlebte und Erfahrene nicht in unser Herz eingedrungen ist, wird es auch keine bleibenden Spuren in unserem Denken hinterlassen. Und schon gar nicht wird es uns dazu motivieren, grundsätzlich etwas an unserem Verhalten zu ändern. Wir wissen alle, dass wir so nicht weitermachen können. Das hält uns aber nicht davon ab, uns Stadtgeländewagen (schon die Bezeichnung ist absurd) zu kaufen oder zum Sonnenbaden nach Gran Canaria zu fliegen. Warum? Weil das Wissen um die Zerstörung unseres Planeten durch unser unverantwortliches Handeln im Kopf endet. Erst wenn wir spüren, was wir unserer Mitwelt und unseren Mitgeschöpfen jeden Tag antun, wird uns gleichzeitig bewusst werden, in welchem Ausmaß wir uns dadurch selbst beschädigen. »Wenn Menschen auf die Erde spucken«, heißt es in einer berühmten Rede, »bespeien sie sich selbst.« Somit ist die ungeheure Aggression, mit der wir heute der Natur gegenübertreten vielleicht nichts anderes als der Hass auf uns selbst. Vielleicht ist es die Verzweiflung darüber, was wir aus uns gemacht haben: Eine a-pathische, das heißt leidensunfähige Gesellschaft, die glaubt, alles über das Denken steuern zu können und damit in Wahrheit seit Langem Schiffbruch erleidet.

Die Heiligkeit der Natur

Die Heiligkeit der Natur, die in diesem Essay behauptet wird, bleibt dabei aber erst einmal eine bloße Annahme, die nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden kann. Und obwohl es keine Letztbegründung dieser Annahme geben kann, so wie es für nichts in der Welt letztgültige Begründungen gibt, können doch mindestens drei Tatsachen geltend gemacht werden, die überwältigend für sie sprechen.

Die Natur ist heilig,

weil wir ihren Ursprung nicht kennen und zumindest nicht ausschließen können, dass sie die Schöpfung Gottes ist. Nennen wir es die Heuristik des Ursprungs.

weil wir nicht wissen, was die Natur ihrem Wesen nach ist. Die Heuristik des Nichtwissens.

weil wir Lebendiges nicht wiederherstellen können, wenn wir es einmal zerstört haben. Die Heuristik des Unvermögens.

Sollte es so sein, dass die Natur heilig ist, ist das, was wir ihr in jeder Sekunde antun nicht nur ein Verbrechen, sondern Sünde im tiefsten Sinn des Wortes. Es wäre dann ein Kampf gegen den Ursprung des Heiligen, also ein Kampf gegen Gott, jenseits aller konfessionellen Zuschreibungen. Da wir diesen Kampf ohnehin nur verlieren können, wäre es schon in unserem eigenen Interesse, so schnell wie möglich Alternativen zu unserem derzeitigen Denken und Handeln zu entwickeln. Diese Alternativen gibt es, zum Teil schon sehr lange; wir müssen uns lediglich wieder darauf besinnen, was wir im Laufe der letzten Jahrhunderte verloren haben. Das bedeutet kein naives »Zurück zur Natur« und bedeutet auch kein Abgleiten in Irrationalität. Ein Zurück zu einer paradiesischen Einheit mit der Natur (die es ohnehin nie gegeben hat) ist weder möglich noch gewollt. Wir können nicht mehr zurück auf die Bäume, und wenn, würden wir dort als zivilisierte Menschen sitzen. Es wäre wohl ein allzu lächerlicher Anblick. Im Gegenteil geht es darum, uns weiter-zu-entwickeln, nicht unter Aufgabe unseres Verstandes, sondern zusammen mit unserem Verstand hin zu einer Transformation unserer Wahrnehmung unter Einschluss unserer Intuition und unseres Gefühls. Diese neue Erfahrung ist deshalb nicht irrational, sondern transrational. Das ist ein fundamentaler Unterschied, der in entsprechenden Diskussionen in der Regel leider nicht zur Kenntnis genommen wird.

Die Heuristik des Ursprungs

Wir kennen weder unseren Ursprung noch den Ursprung der Welt, aber wir ahnen, dass hinter all dem ein Sinn steckt, eine letzte Instanz, die wir der Einfachheit halber Gott nennen als das schöpferische Prinzip der Welt. Wir können diese Möglichkeit zumindest nicht aus einer ernsthaften Diskussion ausschließen. Wenn das so ist und unser Dasein, wie auch das Dasein aller anderen lebendigen Kreatur, sich nicht dem Zufall verdankt, sondern dem Schöpfungswillen einer ewigen und transzendenten Macht, dann ist dieses Universum und alles in ihm Vorkommende heilig.

Heilig bezeichnet hier zum einen das, was ganz ist. Diese Wortbedeutung zeigt sich noch im englischen holy und der etymologischen Verwandtschaft zu whole. Es ist somit das, was nicht auf anderes reduziert werden kann, ohne es in seiner Ganzheit und damit essenziell zu zerstören. Aber heilig ist auch das, was nicht profan ist. Das Leben ist deshalb heilig, weil es nicht irgendein von Menschen gemachter Gegenstand ist, ein bloßes Artefakt, auf das wir in jeder denkbaren Weise zugreifen können, sondern etwas, dessen Herkunft wir nur ahnen können und das sich uns in seiner absoluten Unverfügbarkeit offenbart. Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade hat in seinem Buch Das Heilige und das Profane gezeigt, dass »durch die Manifestierung des Heiligen […] ontologisch die Welt gegründet [wird]. In dem grenzenlosen homogenen Raum ohne Merkzeichen, in dem keine Orientierung möglich ist, enthüllt die Hierophanie einen absoluten ›festen Punkt‹, ein ›Zentrum‹.« Unsere Aufgabe muss es demnach sein die Welt neu zu gründen, indem wir ihre Heiligkeit neu entdecken und uns, ausgehend von diesem Punkt, neu orientieren.

Unsere Welt begann vor zirka 13,8 Milliarden Jahren mit dem sogenannten Urknall. In dieser Hypothese ist die gesamte Materie des Universums in einem unendlich kleinen Punkt konzentriert. Wir können physikalisch beschreiben, was 10−43 Sekunden nach dem Urknall – der sogenannten Planck-Zeit – abgelaufen ist. Was davor war wissen wir nicht, da alle mathematischen Gleichungen an dieser letzten Grenze unseres naturwissenschaftlichen Erkennens zusammenbrechen. So bleibt der Urknall selbst ein Konstrukt unseres Geistes und unserer Fantasie und in seiner Tiefe völlig unerkannt. Wir können innerhalb des naturwissenschaftlichen Rahmens nicht erklären, wie diese Welt entstanden ist und selbst wenn wir wüssten wie, hätten wir immer noch keine Antwort auf die Frage nach dem warum. In Wahrheit ist dieser sogenannte Urknall kein rein physikalisch beschreibbares Phänomen, so wie es nichts in der Welt gibt, was in der physikalischen bzw. naturwissenschaftlichen Beschreibung zur Gänze aufgehen würde, auch wenn es immer noch Menschen gibt, die das gerne glauben möchten.

Diese Welt ist eine lebendige Welt, »[d]enn wenn es überhaupt Lebendiges in der Welt gibt und auch die Welt in ihrer Totalität eine Ganzheit sein soll, dann muß sie als solche auch lebendig sein. Wäre die Welt als Ganzes tot, könnte Lebendiges in ihr auch als Glied nicht bestehen.« So hat es Adolf Meyer-Abich, einer der Begründer des Holismus, zeitlos richtig ausgedrückt. Und da Lebendiges nur aus Lebendigem hervorgehen kann, gleicht der Urknall weniger einem singulären physikalischen Ereignis, sondern eher schon einer Geburt. »Wir alle kommen aus der ›Matrix‹«, schreibt Paracelsus, und mit Matrix ist hier nichts anderes als die kosmische Gebärmutter gemeint. Dann wäre dieses Universum im übertragenen Sinn ein Kind Gottes und sein Ursprung auch keine Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo), sondern eine Schöpfung aus dem Sein Gottes selbst, als Inbegriff des Lebens. Wenn das so ist, dann ist Gott überall, in jedem auch noch so kleinen Materieteilchen und wie viel mehr in allem Lebendigen. Somit käme die Zerstörung der Natur einer Beschädigung Gottes gleich.

Die Heuristik des Nichtwissens

Da wir die Herkunft unserer Welt nicht erklären können, können wir auch nicht wissen, was sie ihrem Wesen nach ist. Und untrennbar damit verbunden ist die Frage nach dem ontologischen Status von Materie. Aber auch dieser entzieht sich unserer Kenntnis.

Wenn man heute einen durchschnittlich gebildeten Menschen fragen würde, was die Sonne eigentlich ist, wird er sehr wahrscheinlich antworten, dass es sich dabei um eine Art Fusionsreaktor handelt, in dem fortwährend unter Abgabe von Energie Wasserstoff zu Helium umgewandelt wird. Fragt man ihn, was Bewusstsein und Gedanken sind, wird er wohl sagen, es handele sich um neurophysiologische Prozesse im Gehirn. Fragt man ihn danach, warum es überhaupt etwas gibt und was der Sinn des Ganzen sein könnte, wird seine Antwort sein, dass das alles nur durch Zufall und Notwendigkeit entstanden sei und letztlich auch keinen tieferen Sinn habe. Was sind wir selbst? Nichts anderes als unsere Gene, die man in Zukunft verändern und damit den Menschen verbessern wird. Liebe? Lediglich eine vermehrte Konzentration von Oxytocin in unserem Blut. Diese Liste ließe sich beliebig lange fortsetzen, aber es dürfte klar sein, was hier gezeigt werden soll.

Wir haben diese Welt so radikal profaniert, dass von ihr eigentlich kaum mehr etwas übrig geblieben ist, das zu lieben sich lohnen würde. Einige von uns spüren zumindest noch den Schmerz dieses Verlustes und daran hängt unsere Hoffnung. Diese Verarmung unserer Wahrnehmung hat mit der simplen Tatsache zu tun, dass die Wissenschaften immer nur Oberflächen beschreiben können. Wenn man aber davon ausgeht, dass alles Existierende zwei Seiten hat, eine Innen- und eine Außenseite, können die Naturwissenschaften die Phänomene nur zur Hälfte beschreiben. Die Innenseite bleibt ihnen verborgen. Und gerade diese, für die Wissenschaften nicht zugängliche Seite ist die mit Abstand interessanteste. Denn erst sie macht unsere Welt zu einer Welt des Lebens, des Gefühls und des Geistes.

Und damit ist es schon gesagt. Denn was ist die Innenseite der Materie? Vor allem Lebendigkeit, aber auch Geist und Freiheit. Und das nicht erst ab einem bestimmten Grad von Komplexität, wie es uns die Biologen glauben machen wollen, sondern von Beginn an. Der Biologe Andreas Weber schreibt in seinem Buch Alles fühlt: »Lebewesen – und damit natürlich auch wir selbst – bringen damit kein fremdes Prinzip in die Welt. Im Gegenteil: Lebewesen enthüllen eine ihrer tiefsten Konstanten.«

Die Wissenschaftler haben eine gute und heuristisch äußerst fruchtbare Methode entwickelt, zu – zumindest vorläufig – gesicherten Erkenntnissen zu kommen. Sie lassen sämtliche Erklärungsversuche außen vor, die auf metaphysischen Annahmen beruhen und lassen nur das gelten, was sich empirisch und das heißt konkret mit Hilfe des Experiments beweisen lässt. Getragen wird das alles von einer Weltanschauung, die davon ausgeht, dass sämtliches Geschehen einer lückenlosen Kausalität unterworfen ist. Das heißt, sämtliche Phänomene lassen sich auf immer einfachere Phänomene zurückführen und erklären. Dieser pragmatische Reduktionismus war äußerst erfolgreich und hat zu einer gewaltigen Explosion unseres Wissens über die Welt geführt. Doch man darf die Behauptung wagen, dass genau dieser Erfolg die Wissenschaft letztlich für etwas Wesentliches blind gemacht hat; nämlich für die simple Tatsache, dass dieser pragmatische Reduktionismus lediglich eine Methode zur Erkenntnisgewinnung war. Im Zuge des Erfolges dieser Methode geriet diese schlichte Tatsache allerdings mehr und mehr in Vergessenheit und die Methode wurde zur Weltanschauung erhoben.

Die Welt war jetzt plötzlich nichts anderes als das Produkt des Zufalls, der Mensch nichts anderes als eine komplizierte Maschine, die Sonne nichts anderes als ein Fusionsreaktor und der Geist nichts anderes als das Epiphänomen im Gehirn ablaufenden neurophysiologischer Prozesse. Der britische Biologe Julian Huxley hat dieses Vorgehen treffend als »nothing else buttery« bezeichnet. Das heißt, eine derart simple Weltanschauung, die per Definition nur die Oberflächen der Erscheinungen beschreiben kann, machte sich zum allumfassenden Paradigma. Aus dem pragmatischen Reduktionismus ist ein ontologischer Reduktionismus geworden und aus ihm eine Ontologie des Todes.

Unsere Aufgabe ist es jetzt, uns wieder dem Teil der Welt zuzuwenden, der von dieser Methode nicht beschrieben werden kann: Der Innenseite der Welt. Wie aber lässt sich diese Innenseite überhaupt wissenschaftlich beschreiben? Die Antwort ist: Gar nicht! Um Zugang zu dieser auf den ersten Blick verborgenen Seite der Welt und des Lebens zu bekommen, reicht unsere Ratio allein nicht aus. Wir benötigen darüber hinaus unsere Fähigkeit, die Welt auch intuitiv und emotional zu erfassen. Wenn ich den Baum vor meinem Fenster betrachte, bin ich in der Lage, ihn umfassend wissenschaftlich zu beschreiben. Seine Fähigkeit, mit Hilfe von Chlorophyll, Licht, Wasser und Kohlendioxid, unter Abgabe von Sauerstoff, Glucose aufzubauen. Ich kenne seinen Stoffkreislauf und die Funktion seines Wurzelgeflechts. Aber was dieser Baum außerhalb dieser szientifischen Kategorien wirklich ist, entzieht sich zur Gänze meiner rationalen Erkenntnis.

Davon abgesehen wissen wir auch nicht, was Chlorophyll ist oder Kohlendioxid. Wir haben Begriffe entwickelt für komplexe Materiestrukturen und haben beobachtet, wie diese Strukturen mit anderen Strukturen interagieren. Wir sind aber weit davon entfernt sagen zu können, was das Wesen der Materie ist, aus der all diese Stoffe aufgebaut sind. Der englische Biologe Stephan Harding hat versucht, aus der Perspektive eines neuen Animismus materielle Strukturen zu beschreiben. Für ihn sind Atome »nicht tote, mechanische, sondern aktiv teilnehmende Wesen mit einem Charakter ganz ähnlich dem unseren.« Somit lassen sich auch chemische Vorgänge nicht mehr nur physikalisch oder mechanistisch beschreiben. Er zeigt in diesem Zusammenhang, dass Polarität, also Anziehung und Abstoßung, eines der zentralen Prinzipien dieser Welt ist. Die einzelnen Elemente verkörpern für ihn unterschiedliche Persönlichkeiten mit speziellen Eigenschaften. So ist für ihn das Kohlenstoffatom ein kooperatives »und äußerst soziales chemisches Wesen«, da es in der Lage ist sehr viele Bindungen einzugehen. Es lässt sich eben auch anders als nur wissenschaftlich über die Welt sprechen.

Die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie von 1927 hat gezeigt, dass Materie, so wie wir sie wahrnehmen, genaugenommen gar nicht existiert, sondern sich im subatomaren Bereich letztlich in nicht weiter erforschbare Beziehungsstrukturen auflöst. Materie ist ihrerseits nicht wieder aus Materie aufgebaut und entzieht sich somit grundsätzlich unserer Erkennbarkeit. Aus diesem Grund können wir auch nicht wissen, was Chlorophyll oder irgendein anderes chemisches Gebilde wesenhaft ist. Wir können all das nur auf einer uns rational zugänglichen Ebene beschreiben, aber immer im Wissen darum, dass wir niemals das Ganze der Erscheinung erfassen, sondern lediglich seine Oberfläche. Und es spielt dabei keine Rolle, wie tief wir mit unseren Analysen in die Struktur der Materie eindringen. Es bleiben doch immer Oberflächen, die wir da analysieren. Selbst der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker ging so weit zu fragen, ob »die Materie, welche wir nur noch als dasjenige definieren können, was den Gesetzen der Physik genügt, [vielleicht] der Geist [ist], insofern er sich der Objektivierung fügt.« Dem Ganzen der Phänomene werden wir demnach erst gerecht, wenn wir das Wissen unseres instrumentellen Verstandes um unsere intuitive Erfahrung und unser Gefühl erweitern und mit in die Beschreibung der Natur miteinfließen lassen.

Kommen wir noch einmal auf die Sonne zurück. In ihr verbrennen jede Sekunde 567 Millionen Tonnen Wasserstoff zu 562,8 Millionen Tonnen Helium. Ihre Oberflächentemperatur beträgt zirka 5500 Grad. Die Temperatur in ihrem Inneren zirka 15 Millionen Grad. Ihr Durchmesser beträgt zirka 1,4 Millionen Kilometer usw. Das alles ist im Rahmen unserer naturwissenschaftlichen Erkenntnis richtig. Aber all dieses Wissen hat mit unserer subjektiven Erfahrung doch eigentlich kaum etwas zu tun. Warum lieben wir die warmen Sommertage? Weil die Sonne Photonen ausstrahlt, die zirka acht Minuten benötigen bevor sie auf die Erde treffen? Wohl kaum. Wir lieben sie, weil sie uns schlicht und ergreifend wärmt. Was ist Wärme? Das wissen wir nicht, aber wir spüren sie auf unserer Haut. Was ist Licht? Auch das wissen wir nicht. Physikalisch gesehen handelt es sich um elektromagnetische Strahlung im sichtbaren Bereich von zirka 380 nm (Nanometer) bis 750 nm? Was wir aber wissen ist, dass es uns sehen lässt, die Basis allen Lebens ist und nach dunklen Wintertagen unsere Stimmung hebt. Das Licht der Sonne wärmt dabei nicht nur unseren, sondern auch die übrigen sieben Planeten des Sonnensystems. Darüber hinaus schirmt sie unsere Erde vor der harten Strahlung aus den Tiefen des Universums ab. Sie ist also weniger ein Fusionsreaktor, was ja wieder nur eine Maschine wäre, als vielmehr eine Mutter, die ihre acht Kinder wärmt. Und natürlich ist sie lebendig, auch wenn sich hier eine andere Art von Lebendigkeit offenbart als unsere eigene oder die der Tiere. Und wer kann sagen, ob die Sonne wie auch die Pflanze nicht über ein wie auch immer geartetes Bewusstsein verfügt?

Wir wissen also nicht, was die Natur ist, da wir nur ihre Oberfläche beschreiben können, sie aber nie in ihrer Ganzheit naturwissenschaftlich zu fassen bekommen. Diese Ganzheit ist aber gerade das zentrale Merkmal ihrer Lebendigkeit. Darüber hinaus kennen wir das Wesen der Materie nicht. Und daraus folgt zwingend die Erkenntnis, dass wir alles Lebendige nicht wiederherstellen oder »reparieren« können, wenn es einmal zerstört ist.

Die Heuristik des Unvermögens

Von Giambattista Vico (1668-1744) stammt der berühmte Satz: »Verum et factum convertuntur.« Das Wahre ist mit dem Gemachten konvertibel. Das heißt, erkennbar ist demnach nur das, was von uns gemacht ist. Daraus folgt, dass wir die Natur, da nicht von uns gemacht, auch nicht zur Gänze erkennen können. Damit hat sich der italienische Philosoph seinerzeit klar gegen René Descartes positioniert. Dieser hatte behauptet, die Natur sei grundsätzlich erkennbar, da sie strengen, von uns erkennbaren Gesetzen folgt. Aber aus dem bisher Gezeigten ist klar geworden, dass wir weit davon entfernt sind zu begreifen, was die Natur ihrem Wesen nach ist, da wir weder ihren Ursprung kennen noch wissen was Materie und Leben eigentlich sind. Aus diesem Grund sind wir auch nicht in der Lage, das wieder heil zu machen, was einmal durch uns zerstört wurde. Was wir getötet haben, können wir nicht wieder lebendig machen. Das gilt für Individuen wie auch für Arten oder ganze Ökosysteme. Jede ausgestorbene Tierart bleibt für immer verloren und auch eine noch so weit entwickelte Gentechnik wird daran nichts ändern. Einen Jurassic Park wird es auch in Zukunft nicht geben.

Bevor wir etwas bauen, nehmen wir ein gewöhnliches Haus, brauchen wir einen Architekten, der einen exakten Plan erstellt. Wir müssen genau über die Baustoffe und ihre Eigenschaften informiert sein. Wir müssen wissen, wie diese Baustoffe zusammenpassen und wir müssen die Statik des Gebäudes kennen. Es darf nichts in diesem Gebäude geben, das unserem Wissen entzogen ist. Nur dann sind wir in der Lage, mit den einzelnen Bausteinen zu arbeiten; und zwar so, dass am Ende alles funktioniert und nicht nach kurzer Zeit wieder in sich zusammenfällt. Wir steigen nur deshalb in ein Flugzeug, weil wir uns sicher sind, dass die Konstrukteure genau wissen, was sie da tun. Das heißt natürlich nicht, dass sich keine Fehler einschleichen können, aber grundsätzlich haben die Konstrukteure dieses Flugzeugs jederzeit die volle Kontrolle über die gesamte Konstruktion.

Unser Versuch aus unbelebter Materie Leben zu erschaffen wird deshalb zwangsläufig scheitern. Und das aus zwei Gründen: Zum einen, weil wir keine Kontrolle über die Innenseite des betreffenden Organismus haben. Dazu reicht es eben nicht, alle chemisch und physikalisch relevanten Informationen über die betreffende Struktur zu besitzen. Selbst wenn wir, wie es seit dem Jahr 2013 mit dem Human Brain Project (HBP) versucht wird, eines Tages das menschliche Gehirn chemisch und physikalisch bis hinunter auf die atomare Ebene exakt beschreiben könnten, würde uns das bei der Frage, was Geist ist, nicht um einen Millimeter weiterbringen. Und genauso verhält es sich mit jedem lebenden Organismus. Selbst wenn wir eines Tages in der Lage sein sollten, auch nur das einfachste Bakterium umfassend chemisch-physikalisch zu beschreiben, wüssten wir noch immer nicht, warum es lebendig ist. Und selbst wenn es uns gelänge, ein Bakterium quasi nachzubauen, bliebe es doch immer nur ein Artefakt. Denn, so heißt es bei Karl Jaspers: »Das Leben ist nicht nur ein höchst komplizierter Stoff, sondern ein lebendiger Leib. Dieser ist ins Unendliche morphologisch strukturiert, nicht eine wenn auch noch so komplizierte chemisch-physikalische Maschine, die immer endlich sein müsste, wenn sie herstellbar wäre. […] Die Forscher werden ungeahnte biologische Gebilde entdecken und herstellen, aber sie werden nie ein Leben hervorbringen können.«

Der andere Grund für die Unmöglichkeit, Leben zu schaffen hängt nicht zuletzt mit der Tatsache zusammen, dass Leben nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht, sondern im Laufe von fast vier Milliarden Jahren in Koevolution mit seiner Umgebung entstanden ist. Wir müssten demnach nicht nur in der Lage sein, die Innenseite des jeweiligen Organismus zu kennen, sondern müssten auch noch eine adäquate Außenwelt schaffen. Und noch einmal Jaspers: »So ist es mit allem Lebendigen. Das Leben ist […] nicht als lebendige Substanz, als ein lebendiger Körper schon genügend aufzufassen. Es ist vielmehr ein Ganzes aus Innenwelt und Umwelt, in je besonderer Gestalt. Wer Leben hervorbrächte, müßte je eine umgreifende Welt von Inwelt und Umwelt schaffen.«

Die Welt ist wertvoll

Wir haben gezeigt, warum wir von der Heiligkeit der Welt ausgehen müssen. Weil wir nicht wissen, woher diese Welt kommt und wir nicht ausschließen können, dass sie Gottes Schöpfung ist, weil wir nicht wissen was sie ist, den Stoff nicht kennen aus dem sie gemacht ist und wir sie nicht wiederherstellen können, wenn wir sie zerstört haben.

Mit der Heiligkeit der Welt ist gleichzeitig auch ihre Würde und ihr Wert verbunden. Und diesen Wert erhält sie nicht durch uns. Dieser Wert wurde ihr schon zugesprochen lange bevor die Spezies Homo sapiens die Bühne betrat, und zwar von der Instanz, die sie geschaffen hat. Die Welt ist älter als wir und womöglich ist sie sogar mehr als wir. Deshalb ist jede anthropozentrische Ethik abzulehnen, die nur den Menschen als wertgebende Instanz und Träger moralischer Rechte akzeptiert. Auch eine konstruktivistische oder idealistische Philosophie, die alle lebendigen Eigenschaften der Natur in das Individuum verlagert, ist inakzeptabel. Die Natur ist schön und sie ist wertvoll, sie hat Töne, Farben und Gerüche auch ohne uns. Sie nimmt so wie wir an einer idealen Wertsphäre teil und ist nicht auf uns als angeblich wertsetzende Instanz angewiesen. Die Natur ist autonom und wir sind lediglich ein, wenn auch besonderer Teil dieser Natur: »a plain member and citizen of it.« (Aldo Leopold) Sie lässt uns an ihrer Lebendigkeit und Schönheit teilhaben, sie lässt uns ihre Beschaffenheit spüren, ihre Farben sehen, ihre Töne hören und ihre Gerüche riechen. Diese Natur wahrnehmen zu können ist Glück und Gnade. Wir müssen uns wieder die vergessene Sprache der Natur aneignen und nicht nur die Erde (Gaia), sondern den ganzen Kosmos im Sinne einer Weltseele (anima mundi) als lebendigen Organismus begreifen.

Wenn die Natur über einen eigenen, von uns unabhängigen Wert verfügt, sind damit auch alle Ethiken, in denen der Mensch willkürliche Grenzen der Schutzwürdigkeit zieht, obsolet geworden. Das betrifft im Speziellen die anthropozentrische Ethik. Aber auch die sogenannten physiozentrischen Ethiken, die bestimmten Tieren aufgrund ihrer Leidensfähigkeit (Pathozentrik) oder dem Leben im allgemeinen (Biozentrik) moralische Werte und Rechte zugestehen, kommen hier in Erklärungsnot. So können wir nur im Rahmen einer holistischen Ethik, die den intrinsischen Wert der gesamten Natur ernst nimmt, unserer Mitwelt gerecht werden. Denn auch nichtanthropozentrische Ethiken stehen im Verdacht, bei der Beurteilung der jeweiligen Schutzwürdigkeit immer auch menschliche Interessen zu vertreten, indem sie willkürliche Wertehierarchien entwickeln, die je nach Interessenlage verändert werden können.

»Selbstverwirklichung«

Unser expansives und konsumtives Wirtschaftssystem will uns glauben machen, das Glück läge im Besitz und hat uns so alle zu Egoisten gemacht. Bereits im Jahr 1776 erschien Adam Smiths Buch Der Wohlstand der Nationen. Von da an begann die Karriere des Homo oeconomicus, dessen Handeln ausschließlich durch seine eigenen Interessen motiviert ist und dessen Auftritt den Beginn der »Durchökonomisierung« der Gesellschaft markiert.

In Wahrheit liegt unser Glück in dem, was der norwegische Philosoph Arne Naess Selbstverwirklichung (self-realization) genannt hat. Das klingt nun ebenfalls sehr modern nach neoliberalem Lebensstil ist aber völlig anders gemeint. »The meaning of life, and the joy we experience in living, is enhanced through increased self-realization, that is, through the fulfillment of potentials that each of us has […] Whatever the differences between beings, increased self-realization implies a broadening and deepening of the self.«

Selbstverwirklichung bedeutet hier nicht zuletzt zu verstehen, dass ich nicht an den Rändern meines Körpers ende. Ich verwirkliche mich umso mehr selbst, je mehr ich mein Ego zurücknehme und dafür umso mehr in Beziehung trete zu der mehr-als-menschlichen Welt (David Abram). Selbstverwirklichung setzt vor allem die Fähigkeit voraus, sich mit dem anderen zu identifizieren. Und das betrifft nicht nur die Identifikation mit anderen Menschen, sondern im besten Fall mit der gesamten Schöpfung.  Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat die berühmte Forderung aus dem Alten Testament: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« neu und anders übersetzt. Bei ihm heißt es: »Liebe deinen Nächsten – er ist wie du.« Wenn wir »deinen Nächsten« gleichsetzen mit »die Natur« erhält der Satz – mit Änderung des entsprechenden Personalpronomens – erst seine ganze Gültigkeit. Arne Naess nennt das »comprehensive maturity«. Damit ist nichts anderes gemeint als ein Akt alles umfassender Empathie, der nicht zuletzt im Schmerz des anderen den eigenen Schmerz erkennt.

Erst wenn wir im Schmerz der Natur unseren eigenen Schmerz fühlen, werden wir dahin kommen, diese Natur zu schützen wo immer wir können. Somit hat Umweltschutz nichts mit Verzicht zu tun. Natürlich werden wir in Zukunft auf materieller Ebene auf vieles verzichten müssen. Aber dieser scheinbare Verzicht gekoppelt mit der Erweiterung unserer Liebesfähigkeit auf die gesamte Natur stellt in erster Linie eine ungeheure Bereicherung unserer Persönlichkeit dar. Voraussetzung dafür ist nicht die Aufgabe unserer Eigeninteressen zugunsten der Natur. Gerade die Liebe zu sich selbst sieht Naess als Grundvoraussetzung für eine gelingende Umweltethik. »We need environmental ethics, but when people feel that they unselfishly give up, or even sacrifice, their self-interests to show love for nature, this is probably, in the long run, a treacherous basis for conservation. Through identification, they may come to see that their own interests are served by conservation, through genuine self-love, the love of a widened and deepened self.«

Wenn wir uns solchermaßen mit unserer Mitwelt identifizieren und unser Selbst dadurch weiten und vertiefen, werden wir ohnehin nicht mehr den Wunsch nach immer mehr materiellem Besitz verspüren. Unser Ego wird umso kleiner werden, je weiter unser Selbst wird. Uns wird bewusst werden, dass alles Lebendige von Beginn an eine unzerstörbare Einheit bildet. Wir sind zum einen Teil dieser Einheit und zum anderen durch unsere Fähigkeit zur Selbstreflexion aus ihr herausgehoben. Gerade weil wir der Welt als autonome Subjekte gegenüberstehen, können wir um die Heiligkeit der Welt wissen. Wir haben die Macht, die Natur zu schädigen und deshalb auch die Verantwortung, unsere Um- und Mitwelt um ihrer selbst willen zu bewahren und den Riss zu heilen, der sich zwischen uns und ihr aufgetan hat.

Der zerbrochene Pfahl der Achilpa

Mircea Eliade zeigt außerdem in seinem Buch Das Heilige und das Profane, dass es wichtig ist zu begreifen, »daß die Kosmisierung unbekannter Gebiete immer eine Weihe ist: wer einen Raum ordnet, wiederholt das exemplarische Werk der Götter.« In diesem Zusammenhang berichtet er vom Stamm der Achilpa. Nach der Überlieferung dieses Stammes »hat das göttliche Wesen Numbakula in mythischer Zeit ihr künftiges Gebiet ›kosmisiert‹, ihren Stammvater erschaffen und ihre Institutionen gestiftet. Aus dem Stamm eines Gummibaums hat Numbakula den heiligen Pfahl (kauwa-auwa) gefertigt; er hat ihn mit Blut gesalbt und ist an ihm hinaufgeklettert und im Himmel verschwunden. Dieser Pfosten stellt eine Weltachse dar, denn um ihn herum wird das Land bewohnbar, verwandelt sich in eine ›Welt‹. Deshalb spielt der heilige Pfahl bei den Achilpa eine so bedeutende rituelle Rolle: auf ihren Wanderungen nehmen sie ihn immer mit und bestimmen je nach seiner Neigung ihre Wegrichtung. Das ermöglicht den Achilpa, auch bei ständiger Ortsveränderung immer in ›ihrer Welt‹ und zugleich in Verbindung mit dem Himmel zu bleiben, in dem Numbakula verschwunden ist. Das Zerbrechen des Pfahls ist die Katastrophe, gewissermaßen das ›Ende der Welt‹, der Rückfall ins Chaos. Einem Mythos zufolge [soll] der ganze Stamm von tödlicher Angst befallen [worden sein], als einmal der heilige Pfahl zerbrach; die Stammesangehörigen irrten einige Zeit umher und setzten sich schließlich auf den Boden, um zu sterben.«

Die Analogie ist offensichtlich. Der Stamm der Achilpa sind wir, doch mit einem gravierenden Unterschied: Wir haben den Pfahl, der uns mit Himmel und Erde verbindet, selbst zerbrochen. Jetzt irren wir orientierungslos umher und nicht wenige von uns haben sich bereits hingesetzt, um zu sterben. Man erkennt sie an ihrem nihilistischen Mantra: »Wir können es ohnehin nicht ändern.« Wer so denkt, hat in der Tat mit dem Leben abgeschlossen und wird keine Spuren hinterlassen, wenn die Zeit über ihn hinweggegangen sein wird.

Die beiden Enden des zerbrochenen Stabes sind aber noch da. Es gilt, sie wieder zu einer Einheit zusammenzufügen. Dazu gehört, unsere Verbindung zur Natur wiederherzustellen, zu lernen ihre Sprache zu sprechen und sie in ihrer Würde, Ganzheit und Unverfügbarkeit anzuerkennen. Dazu gehört, das ist das andere Ende des Stabes, eine neue Verbindung zur Transzendenz zu schaffen, jenseits aller Konfessionen. Eher schon im Sinne einer minimalen Arbeitshypothese, so wie der Schriftsteller Aldous Huxley sie formuliert hat: »Es gibt eine Göttlichkeit, einen Grund, ein Brahman, ein Klares (sic) Licht der Leere als das nichtmanifestierte Prinzip aller Manifestationen. Dieser Grund ist zugleich transzendent und immanent. Es ist dem Menschen möglich zu lieben, zu erkennen und von der in ihm angelegten zur verwirklichten Identität mit dem göttlichen Grund zu gelangen. Diese Einheit stiftende Erkenntnis der Göttlichkeit ist letztes Ziel und eigentlicher Zweck des menschlichen Daseins.« Es wäre ein mystisches Weltverständnis, wie wir es bei Meister Eckhart oder Franz von Assisi finden. Dieses Welt- und Naturverständnis wäre auch im Sinne einer Philosophia perennis nicht an religiöse oder kulturelle Grenzen gebunden, sondern könnte grundsätzlich von allen Menschen ungeachtet ihrer kulturellen Herkunft akzeptiert werden.

Das alles ist nicht neu. Die Antworten, nach denen wir suchen, existieren schon seit langer Zeit und warten nur darauf gefunden zu werden. Die Lösung unserer Probleme liegt nicht in noch mehr Technik oder in noch mehr Produktion und Konsum. Überhaupt sind unsere Probleme keine Probleme der Oberflächen, die auf der Ebene der Oberflächen gelöst werden könnten. Es sind Probleme der Tiefenstruktur dieser Welt bzw. der Mangel unserer Fähigkeit, die Tiefenstruktur dieser Welt zu erkennen, anzuerkennen und zu würdigen. Wir werden uns von vielen alten Vorstellungen befreien müssen und was wir brauchen ist nicht weniger als eine Kulturrevolution. Und das beinhaltet vor allem eine neue Philosophie des Lebens. Wegweisende Ansätze dazu sind bereits sichtbar. Sie müssen weiter ausgebaut werden und endlich auch den Weg in die Köpfe und Herzen der Menschen finden.

Das beinhaltet vor allem auch eine Bildungsrevolution. An den Schulen wird immer noch vorwiegend Verfügungswissen und damit Zerstörungswissen gelehrt mit dem Schwergewicht auf den sogenannten MINT-Fächern. Wir brauchen aber vor allem Orientierungs- und Heilungswissen. Also das Wissen um ökologische Zusammenhänge und das Wissen um die Heiligkeit und Verbundenheit allen Lebens. Die Frage des amerikanischen Anthropologen, Biologen und Philosophen Gregory Bateson wartet seit Langem darauf, endlich überzeugend beantwortet zu werden: »Warum lehren die Schulen fast nichts über das Muster, das verbindet? Ist es etwa so, daß sich die Lehrer bewußt sind, den Makel des Todes zu tragen, der alles, was sie berühren, in Geschmacklosigkeit verwandelt, und deshalb klugerweise nichts berühren oder lehren wollen, was für das wirkliche Leben von Bedeutung ist? Oder verhält es sich so, daß sie den Makel des Todes tragen, weil sie es nicht wagen, irgend etwas Lebenswichtiges zu lehren? Was ist los mit ihnen? Welches Muster verbindet den Krebs mit dem Hummer und die Orchidee mit der Primel und all diese vier mit mir? Und mich mit ihnen? Und uns alle sechs mit den Amöben in einer Richtung und mit dem eingeschüchterten Schizophrenen in einer anderen?« Darüber hinaus sollten die Schulen endlich damit anfangen, auch die intuitiven Fähigkeiten ihrer SchülerInnen zu fördern und sie dazu ermuntern, diese auch einzusetzen und ihnen zu vertrauen.

So wird es höchste Zeit, das szientifische Paradigma hinter uns zu lassen. Es ist ohnehin schon an allen Ecken und Enden brüchig geworden und schon lange nicht mehr in der Lage, überzeugende Antworten auf die drängenden Fragen zu liefern. Darüber hinaus müssen wir unser hyperkonsumtives und auf dem Raubbau an der Natur basierendes Wirtschaftssystem neoliberaler Ausprägung überwinden. Das alles zugunsten eines anderen Blickes auf die Welt, der diese in ihrer Tiefe erkennt. Denn dort liegt ihre Heiligkeit, ihre Schönheit und ihre Wahrheit.

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