Viele sind mittlerweile davon überzeugt, dass wir diesen Planeten in nicht allzu ferner Zukunft an einen Punkt bringen werden, an dem unser Überleben schwierig bis unmöglich werden wird. Dabei unterläuft den meisten allerdings ein weit verbreiteter Fehler: Sie verlängern lediglich die aktuellen Ereignisse und Trends linear in die Zukunft. Sie können sich Zukunft überhaupt nur als Fortschreibung der Gegenwart denken. Und was ihre Prognosen betrifft, fehlt es ihnen in der Regel schlicht und ergreifend an Fantasie für alternative Szenarien. Diese Fantasielosigkeit ist nicht zuletzt das erbärmliche Resultat einer jahrzehntelangen Gehirnwäsche durch die ProtagonistInnen des Neoliberalismus, die uns die gegenwärtigen Verhältnisse als alternativlos verkaufen wollen. Dann allerdings wären wir verloren. Doch die Zukunft ist noch nicht geschrieben und niemand von uns kann auch nur sagen, was sich morgen ereignen wird, geschweige denn in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.

Die Geschichte wimmelt von Prognosen aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft, die sich am Ende als falsch erwiesen haben. Beispielsweise haben die großen Erfolge der Physik, und speziell in der Raumfahrt, in den Sechzigerjahren eine Flut an Vorhersagen ausgelöst, die sich im Nachhinein als völlig illusionär erwiesen. Auslöser war hier nicht zuletzt die Mondlandung im Jahr 1969. Von da an glaubte man, die technische Entwicklung würde ungebremst und geradlinig so weiterverlaufen. Man war davon überzeugt, innerhalb der nächsten Jahrzehnte gigantische, von Menschen bewohnte Raumstationen bauen zu können; nicht zuletzt, um damit das Problem der Überbevölkerung zu lösen. Auch die Besiedelung des Mondes und des Mars wären nur eine Frage der Zeit. Der österreichische Ingenieur und Raumfahrtpionier Eugen Sänger vertrat gar die Meinung, dass in Zukunft auch viele Lichtjahre entfernte Planeten mithilfe photonengetriebener Raumschiffe erreicht werden würden. Und selbst interplanetarer Tourismus war Teil seiner Gedankenexperimente. Hier machten die beteiligten Wissenschaftler exakt den Fehler, Zukunft ausschließlich als Extrapolation der gegenwärtigen Verhältnisse zu denken, unter denen in diesem Fall der Stand der damaligen Technik zu verstehen ist.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es geht hier nicht darum, wissenschaftliche Prognosen, beispielsweise zum Klimawandel, in Zweifel zu ziehen. Es soll lediglich gezeigt werden, dass auch die besten Prognosen nicht voraussehen können, inwieweit sich innerhalb des prognostizierten Zeitraums die Rahmenbedingungen verändern, die dann möglicherweise jede Vorhersage obsolet werden lassen. Und das kann, so lehrt uns die Geschichte, sehr plötzlich und radikal geschehen. Dazu kommt ein weiteres Problem: Die nächste Sonnenfinsternis zu prognostizieren stellt in der Regel keine Schwierigkeit dar, da man es hier ausschließlich mit Objekten zu tun hat, die selbst keine eigenständigen Akteure sind und festen unveränderlichen Regeln folgen. In der Regel haben Prognosen aber mit Menschen und ihrem individuellen Verhalten zu tun, das seinerseits von der gestellten Prognose beeinflusst wird und unzähligen weiteren unvorhersehbaren Determinanten unterliegt.

Die Zukunft ist also noch nicht geschrieben und somit gibt es auch keinen Grund, vorzeitig zu resignieren. Die Geschichte ist kein autonom ablaufender Vorgang, sondern wird jeden Tag von uns gemacht. Auch wenn wir niemals in der Lage sein werden, den geschichtlichen Prozess vollständig zu steuern, sind wir doch kraftvolle Akteure dieses Prozesses. Gleichzeitig sind wir durch die von uns ausgelösten historischen Abläufe aber auch Getriebene, die oftmals nicht mehr agieren, sondern nur noch reagieren können. Resignation wäre aber nur dann angebracht, wenn Geschichte sich völlig ohne unser Zutun ereignen würde und wir lediglich die Zuschauer am Rande des »Spielfelds« wären, unfähig in die Geschehnisse auf dem Platz einzugreifen. Das ist aber ganz und gar nicht der Fall.

Die weltlenkenden Gedanken kommen mit Taubenfüßen

Gerade der Einzelne fühlt sich oftmals der Geschichte ausgeliefert und glaubt nicht daran, dass sein individuelles Handeln irgendeinen nennenswerten Einfluss auf das Gesamtgeschehen nehmen könnte. Doch auch wenn die Folgen unserer Handlungen nicht immer sofort sichtbar sind und es oftmals so aussieht, als würden sie wirkungslos im endlosen Raum der Geschichte verpuffen, können wir doch sicher sein, dass alles was wir tun, das globale Geschehen affiziert. Und so ist nicht daran zu zweifeln, dass die Summe der vielen individuellen Handlungen im Laufe der Zeit diese Gesellschaft verändern, nicht zuletzt auch auf der zentralen Ebene des Politischen. Viele dieser Veränderungen vollziehen sich über einen gewissen Zeitraum sozusagen unterhalb unseres Radars und werden in der Regel nicht bewusst wahrgenommen. Friedrich Nietzsche, der Philosoph der Ewigen Wiederkunft, wusste schon, dass die weltlenkenden Gedanken mit Taubenfüßen kommen. Was wir wahrnehmen sind lediglich die sichtbaren Folgen dieser subliminalen Prozesse. Das können Katastrophen jeglicher Art, wie Wirtschaftskrisen oder kriegerische Auseinandersetzungen sein. Genauso aber auch positive Entwicklungen, wie der Zusammenbruch diktatorischer Regimes oder grundlegend neue Einsichten und Ideen und damit einhergehend radikale gesellschaftliche Umbrüche.

Der bedeutendste Philosoph des Idealismus, Friedrich Hegel, hat das vor zirka zweihundert Jahren in seiner Vorrede zur Phänomenologie des Geistes folgendermaßen ausgedrückt: »Es ist übrigens nicht schwer, zu sehen, daß unsre Zeit eine Zeit der Geburt und des Uebergangs zu einer neuen Periode ist. Der Geist hat mit der bisherigen Welt seines Daseyns und Vorstellens gebrochen, und steht im Begriffe, es in die Vergangenheit hinab zuversenken, und in der Arbeit seiner Umgestaltung. Zwar ist er nie in Ruhe, sondern in immer fortschreitender Bewegung begriffen. Aber wie beym Kinde nach langer stiller Ernährung der erste Athemzug jene Allmähligkeit des nur vermehrenden Fortgangs abbricht, – ein qualitativer Sprung – und itzt das Kind gebohren ist, so reifft der sich bildende Geist langsam und stille der neuen Gestalt entgegen, lößt ein Theilgen des Baues seiner vorgehenden Welt nach dem andern auf, ihr Wanken wird nur durch einzelne Symptome angedeutet; der Leichtsinn wie die Langeweile, die im Bestehenden einreissen, die unbestimmte Ahnung eines Unbekannten sind Vorboten, daß etwas anderes im Anzuge ist. Diß allmählige Zerbrökeln, das die Physiognomie des Ganzen nicht veränderte, wird durch den Aufgang unterbrochen, der ein Blitz in einemmahle das Gebilde der neuen Welt hinstellt.«

Das Ende der Epoche des Finanzkapitalismus, der Technokratie und des Wachstumswahns

Und auch wenn uns die Arbeit an den Fundamenten unserer Gesellschaft oftmals nicht bewusst ist, könnte es sehr gut sein, dass die Epoche des globalen Finanzkapitalismus, der Technokratie und des ungebremsten Wachstumswahns mit all ihren zerstörerischen Folgen bereits ihrem Ende entgegengeht und wir auch heute vor der Schwelle einer »neuen Periode« stehen. In den Naturwissenschaften wird ein solcher »qualitativer Sprung«, wie Hegel ihn beschreibt, als Emergenz bezeichnet. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz nannte ihn, in Anlehnung an das lateinische Wort fulgur für Blitz, Fulguration. Das Neue kündigt sich eben nicht vorher an, sondern schlägt ohne Vorwarnung blitzartig in das Althergebrachte ein. Das Interessante an solchen emergenten oder übersummativen Vorgängen ist die Tatsache, dass sie so lange unbemerkt bleiben, bis »das Gebilde der neuen Welt« plötzlich vor uns steht. Der Fall der Berliner Mauer 1989 war möglicherweise ein solcher Vorgang, denn noch wenige Tage vor diesem historischen Ereignis hätte kaum jemand mit dieser Entwicklung gerechnet. Am Fall der Mauer waren unzählige Menschen beteiligt, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg, jeder auf seine und jede auf ihre Art, ein kleines Stück Beton aus ihrem Fundament geschlagen haben. Bis zuletzt war nicht sichtbar, dass die Mauer in Wahrheit nur noch auf einigen wenigen dünnen Stelzen stand, die am 9. November 1989 endgültig zusammenbrachen. Niemand der dafür gekämpft hat, und vielleicht sogar mit seinem Leben oder mit langen Haftstrafen dafür bezahlen musste, ist vergessen und auch jede noch so kleine Tat ist aufgehoben in diesem historischen Ereignis.

So ist es durchaus denkbar, dass auch unsere Zivilisation mit ihren ausgeprägt suizidalen Tendenzen nur noch auf einigen wenigen dünnen Säulen ruht, die schon bald zusammenbrechen. Dass diese Zivilisation scheitern wird, scheint ausgemacht zu sein. Zu groß ist die Zahl ihrer inneren Widersprüche, zu destruktiv ihre Art zu wirtschaften. Aber damit wäre das letzte Wort noch nicht gesprochen. Denn genau genommen muss sie scheitern, damit aus ihren Trümmern etwas Neues und Besseres entstehen kann. Und dieses Neue kommt ja gerade nicht von allein, sondern ist das Ergebnis einer Vielzahl individueller und kollektiver Handlungen auf allen Gebieten der Gesellschaft, die sich bis hin zu einer kritischen Masse summieren, um dann in etwas gänzlich anderes umzuschlagen. Das ist der Unterschied zu den vielen apokalyptischen Prognosen der letzten Jahre, die den Fokus einseitig auf das Scheitern richten und die unmerklich und im Verborgenen sich vollziehenden Entwicklungen übersehen, die bereits den Keim des Kommenden in sich tragen. Wir sollten unsere Aufmerksamkeit also nicht auf das Scheitern richten, sondern vor allem auf das Neue, das nach dem Untergang dieser Zivilisation aus ihr hervorgehen wird. Diese Erkenntnis soll vor allem die prinzipielle Unvorhersagbarkeit von Geschichte in Erinnerung rufen und ist somit gleichzeitig ein Plädoyer gegen die Resignation.

Ein Baum der fällt…

Es gibt weltweit eine große Zahl an Organisationen, Gruppen und Initiativen, die sich im ökologischen, sozialen und gesellschaftlichen Bereich engagieren. Der Umweltaktivist Paul Hawken schätzt ihre Anzahl auf mindestens eine Million und bezeichnet sie als das »Immunsystem der Menschheit«. Leider nehmen wir von diesem Engagement in der Regel kaum Notiz, denn »only bad news are good news« und ein Baum, der fällt, macht bekanntlich mehr Krach als ein Wald, der wächst. Es ist wichtig, sich ab und zu bewusst zu machen, dass neben den unzähligen fallenden Bäumen auch viele Wälder wachsen. Dass es noch zu wenige Wälder sind ist dabei leider nur allzu wahr. Das muss aber nicht so bleiben. Spätestens dann nicht, wenn wir uns alle als individuelle Teile dieses Immunsystems der Menschheit verstehen, als eine Weltbürgergemeinschaft, die noch nicht dem gefährlichsten aller Viren erlegen ist: dem Virus des Zynismus und der Resignation. Die Geschichte verläuft vektoriell, so der Schweizer Soziologe Jean Ziegler: »Sie geht in eine bestimmte Richtung. Ihr endgültiges Ziel, das etappenweise erreicht wird, […] ist die Errichtung einer solidarischen Gesellschaft, die Humanisierung des Menschen, die Entfaltung all seiner unendlichen schöpferischen Kräfte, seiner Fähigkeit, glücklich zu sein, zu lieben, kurzum, seiner Freiheit.«

Nicht zuletzt die gegenwärtige Krise zwingt uns darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft leben wollen. Sie macht uns ein historisches Angebot, unser Denken und Handeln, unsere Art zu leben sowie unsere Vorstellung von Sterben und Tod noch einmal grundsätzlich zu überdenken. Glaubt man dem Duden Herkunftswörterbuch, so ist das Wort Krise seit dem 16. Jahrhundert bezeugt und eine Entlehnung des griechischen Wortes krísis, das so viel bedeutet wie Entscheidung oder entscheidende Wendung. Anfangs handelte es sich dabei lediglich um einen medizinischen Fachbegriff, um den Höhe- und Wendepunkt einer Krankheit zu bezeichnen. Seit dem 18. Jahrhundert wird das Wort Krise dann zunehmend in allgemeineren Zusammenhängen verwendet. Was aber bleibt ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes: entscheidende Wendung.

Auch diese aktuelle Krise hatte niemand auch nur im Ansatz kommen sehen. Und niemand von uns kann jetzt schon sagen, was die entscheidende Wendung dieser Krise sein wird. Aber allein diese aktuellen Ereignisse sollten uns daran erinnern, dass jederzeit alles möglich ist. Die Zukunft ist noch nicht geschrieben und wir entscheiden in jeden Augenblick, wie sie eines Tages aussehen wird. Hier und jetzt erweist sich, wer wir einst gewesen sein werden.

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Eckart Löhr ist Gründer von re-visionen.net und verantwortlicher Redakteur. Seine thematischen Schwerpunkte liegen im Bereich Umweltethik, Ökologie und Gesellschaft.

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