Inzwischen ist alles gesagt. Alle Bücher sind geschrieben und wir wissen schon lange genug. Im Jahr 1972 veröffentlichte der Club Of Rome seine berühmte Studie Die Grenzen des Wachstums. Dort finden sich Sätze, die klingen, als wären sie erst gestern geschrieben worden: »Der Grundgedanke einer Gesellschaft im wirtschaftlichen und ökologischen Gleichgewicht ist scheinbar leicht zu erfassen; doch ist unsere heutige Wirklichkeit davon so weit entfernt, dass praktisch eine geistige Umwälzung kopernikanischen Ausmaßes für die Umsetzung unserer Vorstellungen in praktische Handlungen erforderlich sein dürfte.«

Ein Jahr vor dem Bericht des Club Of Rome veröffentlichte der amerikanische Psychologe B. F. Skinner sein Buch Beyond Freedom and Dignity (Jenseits von Freiheit und Würde), indem er eine »Technologie des Verhaltens« entwickelte, um der kommenden Selbstzerstörung zu entgehen. Vor gut vierzig Jahren bezeichnete der Schriftsteller Arthur Koestler den Menschen als Irrläufer der Evolution. In Anbetracht der bevorstehenden ökologischen und atomaren Katastrophe forderte uns der Wissenschaftspublizist Hoimar von Ditfurth bereits vor über dreißig Jahren dazu auf, ein Apfelbäumchen zu pflanzen, und im Jahr 1989 schrieb Bill McKibben über das Ende der Natur. Diese Liste ließe sich beliebig lange fortsetzen bis zu heutigen Autoren wie Harald Welzer, Stephan Lessenich, Hans Joachim Schellnhuber, Claus-Peter Hutter, Elizabeth Kolbert, Stephen Emmott oder David Wallace-Wells.

Der Verstand allein steht der ökologischen Katastrophe hilflos gegenüber

Alles ist also bekannt. Wir verfügen heute, wesentlich mehr noch als in den Siebziger- und Achtzigerjahren, über eine Unmenge an Informationen, was unseren Einfluss auf Klima und Biosphäre betrifft.  Durch die permanente Weiterentwicklung der Computertechnik sind wir heute in der Lage, auch komplexere Abläufe in der Natur besser zu verstehen. Das alles hält uns allerdings nicht davon ab, diese Welt nach wie vor massiv zu schädigen und in Teilen sogar gänzlich zu zerstören. Der weltweite CO2 Ausstoß steigt nach wie vor an und es vergeht kein Tag, an dem nicht bis zu einhundertdreißig Tier- und Pflanzenarten von diesem Planeten verschwinden. Die Meere versauern, sind überfischt und vermüllt. Der Flugverkehr nimmt weiter zu, Kreuzfahrten sind die neue Freizeitbeschäftigung der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht und unsere Autos werden immer größer, genau wie unsere Kühlschränke.

Eckart Löhr: Intuition und Gefühl
Wir müssen uns wieder von der Natur berühren lassen – von ihrer Freude, aber auch von ihrem Schmerz. (Foto:iStock)

Das lässt offensichtlich nur einen einzigen Schluss zu: All unser Wissen und all unsere Leistungen des Verstandes waren und sind offensichtlich nicht in der Lage, die ökologische Krise, deren Zeuge wir seit vielen Jahrzehnten sind, zu meistern. Wir sind unfähig, unsere Erkenntnisse in praktische Handlungen zu überführen, wie es der Club Of Rome bereits richtig erkannt hat. Dieses Versagen zu erklären ist gar nicht so einfach, denn staunend stehen wir vor all den Errungenschaften des menschlichen Geistes und können es selbst kaum begreifen, warum wir auf anderer Ebene so sehr versagen.

Dieses Versagen hat mindestens zwei Gründe: Zum einen funktioniert unser logisches Denken immer dann gut, wenn es sich mit unbelebten Objekten befasst, wie es beispielsweise die Physik tut.  Aber selbst die Biologie, die das Leben in ihrem Namen trägt, kann Lebendiges nur erforschen, indem sie dieses Lebendige tötet oder zumindest in seiner Lebensfähigkeit erheblich einschränkt. So funktionieren nun mal die Wissenschaften. Sie sind nicht in der Lage Ganzheiten zu beschreiben und sind deshalb gezwungen, alles in immer kleinere Teile zu zerlegen. Doch der Philosoph Friedrich Schelling wusste bereits: »Ihr mögt theilen ins Unendliche und kommt doch nie weiter, als bis zu Oberflächen der Körper.«

Eine Ursache für unsere Unfähigkeit, Ganzheiten zu verstehen liegt in der einfachen Tatsache begründet, dass Lebendiges niemals statisch ist, sondern sich in dauerndem Fluss befindet und auch nicht in kleinere Einheiten zerlegt werden kann ohne das untersuchte Objekt, das eigentlich ein Subjekt ist, zu zerstören. Das trifft nicht nur für Menschen, Tiere oder Pflanzen, sondern natürlich auch für ganze Ökosysteme zu. Dieses intellektuelle Unvermögen hängt mit einer besonderen Eigenschaft zusammen: Komplexität. Komplexität ist dabei etwas grundlegend anderes als Kompliziertheit. Das Einbahnstraßensystem einer Stadt kann kompliziert sein. Würden sich die Einbahnstraßen selbstregulierend je nach Verkehrsaufkommen drehen, wäre das komplex. Dazu kommt die ungewöhnliche Eigenschaft komplexer Systeme der Verursachung nach unten (»downward causation«). Während die Kausalkette aus reduktionistischer Perspektive nur von unten nach oben laufen kann, zeigen komplexe Strukturen die Eigenschaft, dass die übergeordnete Struktur die darunterliegenden beeinflussen kann.  Der Astrophysiker und spätere Wissenschaftskritiker Peter Kafka macht in seinem Buch Das Grundgesetz vom Aufstieg deutlich, was Komplexität bedeutet. Er demonstriert das anhand der Möglichkeiten, ein, zwei, drei oder mehr Punkte durch eine gerade Linie zu verbinden.

Bei zwei Punkten gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder eine Linie oder keine. Bei drei Punkten gibt es bereits acht verschiedene Möglichkeiten, und bei vier Punkten kommen Sie bereits auf vierundsechzig. Probieren Sie es aus! Wenn Sie das mit fünf Punkten versuchen möchten, brauchen Sie bereits ein wenig mehr Geduld, denn hier gibt es bereits eintausendvierundzwanzig Möglichkeiten. Sie würden gerne vierundzwanzig Punkte durch gerade Linien verbinden? Das dürfte ein gänzlich hoffnungsloses Unterfangen sein. Denn jetzt gibt es bereits 1,2 x 1083 Möglichkeiten, diese Punkte durch gerade Linien zu verbinden. In Anbetracht der Tatsache, dass das gesamte sichtbare Universum über schätzungsweise 1080 Atome verfügt, können Sie sich in etwa vorstellen, nein, können Sie nicht!, was Komplexität wirklich bedeutet.

Es gibt andere Formen der Wahrnehmung: Intuition und Gefühl

Wir verstehen also nicht was Leben ist, da wir das Lebendige nicht untersuchen können, ohne es in seiner Lebensäußerung zu stören, zu mindern oder schlimmstenfalls zu töten. Und damit entgleitet das Leben fortwährend und unwiderruflich unserem rationalen und damit reduktionistischen Zugriff. Darüber hinaus muss unser Verstand zwangsläufig an der Komplexität des Lebens und aller natürlichen Vorgänge scheitern, weil er unfähig ist, in derartigen Dimensionen zu denken. Selbst die besten und schnellsten Computer dieser Zeit stoßen hier schnell an ihre Grenzen. Wir sind also weitestgehend unfähig, die Natur zu »verstehen«.

Unsere Unfähigkeit, die Natur wirklich zu verstehen ist das eine. Das andere ist unser Unvermögen, unser Wissen über die Natur in praktische Handlungen zu übersetzen. Die Erkenntnisse unseres Verstandes reichen eben nicht aus, uns zu einer Verhaltensänderung zu motivieren. Müssen wir somit alle Hoffnung fahren lassen und uns unserem unentrinnbaren Schicksal der Selbstzerstörung ergeben? Nein, denn es gibt jenseits des rationalen Zugriffs auf die Welt noch andere Formen der Wahrnehmung, die gleichzeitig in der Lage wären uns zur Änderung unseres Verhaltens zu bringen, da sie uns in direkte Beziehung zur Natur setzen:  Intuition und Gefühl. Das, was die Wissenschaft an dieser Stelle irrational nennen würde, ließe sich aber besser als transrational bezeichnen. Denn wir ignorieren nicht die Ergebnisse der Wissenschaften und selbstverständlich trauen wir weiterhin den Leistungen unseres Verstandes. Worum es geht ist, unseren Verstand im Hegelschen Sinne aufzuheben und zu einem ganzheitlichen Verständnis der Natur zu kommen, eben unter Einschluss unserer Intuition und unseres Gefühls.

Wir müssen uns wieder von der Natur berühren lassen – von ihrer Freude, aber auch von ihrem Schmerz

Ein bekannter Hirnforscher sagte im Jahr 2017 in einem Interview zum Thema Tierversuche: »Nur so kann dem Problem begegnet werden, dass Menschen, die keine Experten sind, den emotionalen Kampagnen der Tierversuchsgegner erliegen. Wir alle sind durch emotionale Argumentationen verführbar, aber wenn uns Hintergründe und Motive genügend differenziert dargelegt werden, verringert sich die Gefahr, uns durch Propaganda verführen zu lassen.«

Man muss sich jeden dieser Sätze genau ansehen, um wirklich zu begreifen, wo unser Problem liegt. Das, was uns zu Menschen macht: das Leid anderer zu fühlen, als wäre es unser eigenes, empathisch und einfühlend zu sein, wird hier aufs Schlimmste diffamiert und diskreditiert. Wir sollen buchstäblich zu a-pathischen, heißt leidensunfähigen Wesen gemacht und dazu gebracht werden, unserer unmittelbaren emotionalen Wahrnehmung zu misstrauen. Wir sollen die Schmerzen, die wir anderen Geschöpfen zufügen, rational auflösen. Gott sei Dank ist es Wissenschaftlern solcher Couleur bisher nicht gelungen, uns zu derartig gefühlskalten Robotern zu degradieren, die unter völliger Missachtung ihrer Gefühle jedes Verbrechen an der Natur und ihrer Geschöpfe rational begründen können.

Der chinesische Philosoph und Dichter Tschuang-tse hat bereits vor zirka 2300 Jahren beschrieben, was Empathie bedeutet und gezeigt, dass wir alle in einem unauflöslichen Geflecht von Beziehungen leben:

Tschuang-tse lustwandelte einst mit seinem Freunde Hui-tse auf einer Brücke. Tschuang-tse sprach: »Wie munter springen und tummeln sich die flinken Fische! Das ist die Freude der Fische.«

Hui-tse sprach: »Du bist kein Fisch, wie kannst Du da der Fische Freuden kennen?«

Tschuang-tse sprach: »Du bist nicht ich, wie kannst Du wissen, ob ich nicht doch der Fische Freuden kenne?«

Hui-tse sprach: »Ich bin nicht du, und darum kann ich dich allerdings nicht völlig kennen. Aber fest steht, daß du kein Fisch bist, und damit ist vollkommen klar, daß du der Fische Freuden nicht kennen kannst.«

Tschuang-tse sprach: »Bitte, laß uns zum Ausgangspunkt zurückkehren! Du sagtest: ›Wie kannst Du denn der Fische Freuden kennen?‹ Du wußtest dabei schon im voraus, ob ich sie kenne, und fragtest doch. Ich kenne der Fische Freuden aus meiner Freude, ihnen von der Brücke aus zuzusehen!«

So wie wir die Freude der Tiere erfahren, weil wir selbst wissen, was Freude ist, so erfahren wir auch ihren Schmerz. Und hier liegt auch unsere Chance, was unseren Umgang mit unserer Mitwelt betrifft. Wir müssen uns wieder von der Natur berühren lassen. Im Positiven gelingt uns das auch, sofern wir überhaupt noch mit Natur in Kontakt treten. Aber wir dürfen uns nicht nur von ihrer Freude berühren lassen, sondern ebenso von ihrem Schmerz. Wenn die Erde schreien könnte, so würde sich unser Verhalten ihr gegenüber schlagartig verändern. Deshalb, um ihre Schreie nicht zu hören, hat man Versuchstieren die Stimmbänder durchtrennt. Aber wir sind intelligente, und noch sind wir auch empathische Wesen und brauchen die Schreie nicht, um trotzdem zu spüren und intuitiv zu erfassen, was wir der Natur jeden Tag antun.

»Maximieren der Manifestationen des Lebens«

Die Natur nicht von uns abzuspalten, sondern sie in unsere Wahrnehmung und unser Fühlen miteinzubeziehen, uns bis zu einem gewissen Grad mit ihr zu identifizieren, indem wir uns in ihr erkennen, hat der norwegische Philosoph und Tiefenökologe Arne Naess »Selbst-Realisierung« genannt. Das, was im ersten Moment egozentrisch oder – schlimmer noch – egoistisch klingt, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil. Mit Selbst-Realisierung meint Naess das »Maximieren der Manifestationen des Lebens.« Wir werden umso mehr wir selbst, je mehr wir uns mit anderen identifizieren. »Das ›kleine‹ Selbst wird ausgeweitet und vertieft, indem es seine Potentiale in anderen verwirklicht.«

Diese Selbstverwirklichung im besten Sinne ist, so Naess, nur schwer zu erreichen in einem expansiven und konsumtiven System, in dem wir, vor allem im reichen Westen, leben. Wenn wir als Menschheit eine Zukunft haben wollen, dann nur, wenn wir unseren Lebensstil radikal verändern. Aber gerade die Einschränkung unseres Konsums auf allen Ebenen würde keine Verarmung unseres Lebens darstellen. Ganz im Gegenteil ist sie in Wahrheit die Bedingung der Möglichkeit dafür, ganz Mensch zu werden, was nichts anderes heißt als beziehungsfähig zu werden.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat das berühmte Jesuswort: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« anders übersetzt. Bei ihm lautet es: »Liebe deinen Nächsten – er ist wie du.« Darin steckt die ganze Verbundenheit des Menschen mit dem anderen. Es gilt jetzt, diesen Satz auszuweiten auf alles Lebendige, denn alles Leben ist wie wir – nämlich lebendig und daran interessiert, dieses Leben zu bewahren. Es hat Werte, Ziele, es freut sich und leidet, so wie wir. Und so wie wir hat es seine eigene Schönheit. Das endlich zu verstehen, nein, zu spüren und intuitiv zu erfassen, ist unsere Aufgabe der nächsten Jahre und Jahrzehnte. So muss das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Intuition und des Gefühls werden oder es wird möglicherweise das Jahrhundert werden, in dem sich der Mensch von der Bühne, die wir Erde nennen, verabschiedet. Die Natur stört das wenig, sie hat kein Mitleid mit uns. Wir haben aber die Fähigkeit, Mitgefühl für die Natur zu entwickeln und daraus Handlungsoptionen abzuleiten. Das ist der feine Unterschied, an dem alles hängt.

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