Eine Ontologie des Lebens. Eine Erinnerung an das Buch „Das Prinzip Leben“ von Hans Jonas

Der dringend erforderliche – und oft eingeforderte – ganzheitliche Blick auf die Natur und ihre Vorgänge hat bis heute kaum Eingang in die Wissenschaften gefunden und gerade die Biologie, im Speziellen die Molekularbiologie, hängt noch immer dem reduktionistischen und fragmentierenden Weltbild des 19. Jahrhunderts an. Das ist umso erstaunlicher, da gerade die Biologie aufgrund dieser Tatsache bis heute nicht annähernd in der Lage ist zu erklären, was Leben ist. Sie kann nur aus toter Materie immer komplexere Strukturen aufbauen und landet damit früher oder später bei einer Definition des Lebendigen als hochkomplexer Maschine. Wir wissen aber, dass Leben mehr ist als die Summe seiner Teile und nicht aus totem Material allein zu erklären.

Es war der jüdische und 1933 emigrierte Philosoph Hans Jonas, der vor fast vier Jahrzehnten in seinem Buch Das Prinzip Leben als einer der Ersten versuchte einen holistischen den Dualismus überwindenden Ansatz in die Beschreibung des Lebens einzubringen. Die erste Ausgabe, 1973 im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen, trug noch den Titel Organismus und Freiheit, der bereits auf eines der zentralen Themen dieses Buches verweist. 1994 veröffentlichte der Insel Verlag eine Neuauflage unter dem Titel Das Prinzip Leben – Ansätze zu einer philosophischen Biologie. Der Verlag hatte 1979 bereits sein Buch Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation veröffentlicht, eine philosophische Antwort auf Ernst Blochs Bestseller Prinzip Hoffnung.

Jonas zeigt in Das Prinzip Leben, dass das Phänomen Leben im ursprünglichen Denken der Menschen nicht problematisch gewesen ist, da das gesamte Universum als lebendiger Organismus gesehen wurde, so zum Beispiel bei den ionischen Naturphilosophen, aber auch bei Platon, wo es heißt: „Und so haben wir denn, insofern es sich um eine nur wahrscheinliche Darstellung handelt, allen Grund zu behaupten, dies Weltall sei ein beseeltes und in Wahrheit vernünftiges Geschöpf, wozu es durch die Vorsehung Gottes geworden.“

Dieses hylozoistische bzw. panvitalistische Weltbild ließ nicht das Leben, sondern den Tod als das Widernatürliche erscheinen und es bedurfte mancherlei Anstrengung, ihn mit den Begriffen aus der Welt des Lebendigen zu deuten und in das Leben selbst zu integrieren. Dies änderte sich mit dem neuzeitlichen Denken der Renaissance und der mit ihr verbundenen modernen Kosmologie, die „ein Feld unbeseelter Massen und zielloser Kräfte ist, deren Prozesse gemäß ihrer quantitativen Verteilung im Raume nach Konstanzgesetzen ablaufen.“ Darüber hinaus sei, so Jonas, von den Naturwissenschaften im Allgemeinen „eine Ontologie zur Herrschaft gelangt, deren Substrat die aller Lebenszüge entkleidete pure Materie ist.“

Der Autor zeigt, dass damit aus der Ontologie des Lebens eine Ontologie des Todes wurde, für die das Problem nicht der Tod, sondern im Gegenteil das Leben darstellte. Das Leben wurde nun zum schlechthin Unverständlichen, das jetzt mit Begriffen aus dem Reich der toten Materie erklärt werden musste. Das ist – wie anfangs bereits erwähnt – das ontologische Stadium, in dem sich noch heute die Biologie im Allgemeinen wie auch die Evolutionsbiologie im Speziellen befindet und deshalb auch zu keinen überzeugenden Antworten kommt, was den Übergang vom Leblosen zum Lebendigen sowie den Übergang vom Ungeistigen zum Geistigen betrifft. Dieses Aufbrechen des Dualismus in der Moderne sieht der Heidegger-Schüler und lebenslange Freund von Hanna Arendt allerdings als ein notwendiges Übergangsstadium, da es den Menschen dazu zwingt, sich dezidiert mit den beiden Extremen dieses Standpunktes auseinanderzusetzen, mit dem Materialismus auf der einen und dem Idealismus auf der anderen Seite.

Im Weiteren macht Jonas deutlich, dass „der Dualismus keine willkürliche Erfindung war, sondern die Zweiheit, die er zum Vorschein brachte, im Sein selbst begründet ist. Ein neuer integraler, d.h. philosophischer Monismus kann die Polarität nicht rückgängig machen, sondern muß sie bewältigen, sie in eine höhere Einheit des Seins aufheben, aus der sie als Seiten seiner Realität oder Phasen seines Werdens hervorgehen. Er muß das Problem aufnehmen, welches die Entstehung des Dualismus ursprünglich veranlaßt hatte.“ Das Ziel sei demnach die Überwindung der dualistischen Position und das Leben selbst ist die Instanz, die diese beiden sich auf den ersten Blick unversöhnlich gegenüberstehenden Pole integrieren kann und somit ist „das Problem des Lebens ein Zentralproblem der Ontologie und die fortgesetzte Beunruhigung ihrer modernen antithetischen Positionen in Materialismus und Idealismus zugleich.“

Darüber hinaus zeigt der 1987 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Philosoph, und das ist zugleich auch eines der großen Themen dieses Buches, dass Leben immer schon, auch bereits auf seiner fundamentalsten Stufe, Freiheit ist. So deutet Jonas selbst den Beginn des Lebens bereits als einen Akt gestalteter Freiheit, wenn er behauptet, „daß schon der Übergang von unbelebter zu belebter Substanz, die erste Selbstorganisierung der Materie auf das Leben hin, von einer in der Tiefe des Seins arbeitenden Tendenz zu eben den Modi der Freiheit motiviert war, zu denen dieser Übergang das Tor öffnete.“

Aber nicht nur Freiheit ist ein zentrales Merkmal des Lebens, sondern ebenso Stoffwechsel und Abgrenzung. Im Gegensatz zu jeder noch so komplizierten Maschine stellt der lebendige Organismus ein offenes, in permanentem Austausch mit seiner Umwelt stehendes System dar, das sich fortwährend erneuert, während es doch immer es selbst bleibt und gleichzeitig ist nur durch den fortwährenden Akt der Abgrenzung des Lebens von seiner Umwelt überhaupt so etwas wie Identität zu denken. „Eine Identität, die von Augenblick zu Augenblick sich macht, immer neu behauptet und den gleichmachenden Kräften physischer Selbigkeit ringsum abtrotzt, ist in wesentlicher Spannung mit dem All der Dinge. In der gefährlichen Polarisierung, in die sich derart das auftauchende Leben einließ, nimmt das, was nicht es selbst ist und an den Bereich der inneren Identität von außen angrenzt, sogleich den Charakter unbedingter Andersheit an. Die Herausforderung der Selbstheit qualifiziert alles jenseits der Grenzen des Organismus als fremd und irgendwie gegensätzlich: als »Welt«, in welcher, durch welche und gegen welche er sich erhalten muß. Ohne diesen universalen Gegensatz der Andersheit könnte keine Selbstheit sein. Und in dieser Polarität von Selbst und Welt, von Innen und Außen, die die von Form und Stoff ergänzt, ist die Grundsituation von Freiheit mit all ihrem Wagnis und ihrer Not potentiell gesetzt.“

Diese Abgrenzung bei gleichzeitiger Entwicklung von Innerlichkeit ist nun aber das absolute Gegenargument zu Darwins Begriff der Anpassung, einem der zentralen Dogmen der gesamten Evolutionstheorie. Lebewesen sind eben nicht nur angepasst, sondern stehen ebenso in unauflöslichem Widerspruch zu ihrer Umwelt. Das stellt zum einen die Ursache für ihre Verletzlichkeit und fortwährende Gefährdung dar, ist zum anderen aber zugleich der tiefe Grund ihres Selbst, ihrer Innerlichkeit und Kreativität. Jonas rückt das Leben und somit auch den Menschen und seine Innerlichkeit, sprich Subjektivität wieder ins Zentrum der Betrachtung.

Es ist höchste Zeit die „Ontologie des Todes“, in der noch immer einige Wissenschaften befangen sind zu überwinden zugunsten eines ganzheitlichen Blickes auf das Leben. Und „vielleicht ist in einem richtig verstandenen Sinne der Mensch doch das Maß aller Dinge – nicht zwar durch die Gesetzgebung seiner Vernunft, aber durch das Paradigma seiner psychophysischen Totalität, die das Maximum uns bekannter, konkreter ontologischer Vollständigkeit darstellt, von dem aus die Klassen des Seins durch fortschreitende ontologische Abzüge bis zum Minimum der bloßen Elementar-Materie reduktiv bestimmt werden.“

In einer Zeit der fortschreitenden Entmenschlichung biologischer, sprich gentechnischer oder anthropotechnischer (Sloterdijk) Forschung, ist dieses Buch, das den Wert und die Einzigartigkeit des Lebens herausstellt und gleichzeitig impliziert, dass Leben – frei nach Kant – immer schon Zweck ist und deshalb nie zum Mittel gemacht werden darf, heute vielleicht noch wichtiger, als es zum Zeitpunkt seines Erscheinens war.

Dieser Text erschien ursprünglich im Mai 2011 auf Kritische-Ausgabe.de

 

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