Am 10. Oktober fand im Rahmen der LitRuhr in der Essener Zeche Zollverein eine Veranstaltung mit dem Titel »Der Osten, der Westen, das Revier und wir« statt. Unter der Moderation von Wolfram Eilenberger diskutierten Peter Neumann und Ines Geipel.
Ines Geipel ist Schriftstellerin und ehemalige Leichtathletin. 1960 in Dresden geboren floh sie 1989 über Ungarn in die Bundesrepublik. Sie ist, so der Ankündigungstext, »eine der wichtigsten publizistischen Stimmen im Nachwende-Diskurs.« Peter Neumann, 1987 in Neubrandenburg geboren, ist Autor, Lyriker, ZEIT-Journalist und noch bis Ende 2026 als Metropolenschreiber zu Gast im Ruhrgebiet. Diese beiden »hellsichtigen Zeitdiagnostiker« sollten »über Herkunft, einschneidende Transformationsprozesse, über prägende Mentalitäten und den Umgang mit dem geschichtlichen Erbe, im Osten wie im tiefen Westen« sprechen. Und das taten sie – allerdings auf eine Weise, die einen schon nach kurzer Zeit fragen ließ, warum man sich als Zuhörer so etwas antut. Am Ende war es jedoch eine höchst lehrreiche Veranstaltung, denn hier konnte man in Echtzeit lernen, wie es auf gar keinen Fall geht.
Die Nazis im Osten, die Demokraten im Westen
Besonders Ines Geipel muss als Totalausfall bezeichnet werden. In ihren besten Momenten erinnerte sie an den Komiker Piet Klocke, dessen Markenzeichen es war, keinen Satz zu Ende zu sprechen. So fehlten Geipels Sätzen in der Regel das Prädikat, so dass man sich bis zum Schluss fragte, was diese Frau eigentlich sagen wollte. Und wer an diesem Abend eine scharfsinnige Analyse der politischen Verhältnisse im Osten Deutschlands erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht. Was am Ende ihrer meist sinnfreien Sätze übrig blieb, war das schlichte Fazit: Im Osten lauter Nazis und Faschisten, die die Diktatur wollen, während wir hier im großartigen Westen unsere demokratischen Werte verteidigen müssen. Leider hat es Peter Neumann nicht geschafft, dem etwas Substanzielles entgegenzusetzen.
Mit keinem Wort gingen die Diskutanten auf die sozialen Verwerfungen ein, die der Kapitalismus neoliberal-libertärer Ausprägung seit den Neunzigerjahren produziert hat, als er begann, sich wie ein Krebsgeschwür nekrotisch durch die Gesellschaft zu fressen. Kein Wort über die in Teilen unselige Coronapolitik, die bei vielen Menschen tiefe Narben hinterlassen hat. Schweigen über Merkels »alternativlose« Politik, wo es doch in einer Demokratie niemals Alternativlosigkeit geben kann. Kein Wort über die offensichtliche Verengung des Meinungskorridors im Westen Deutschlands, die spätestens während der Coronazeit sichtbar wurde. Schon die geringste Abweichung vom Mainstream macht einen seither wahlweise zum Coronaleugner, Lumpenpazifisten (Sascha Lobo), Putinversteher oder russischen U-Boot (Strack-Zimmermann). Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Es gibt so viele Schubladen, wie es Meinungen gibt.
Der Verrat der Linken
Ebenso wenig war davon die Rede, dass die ehemals stolze Arbeiterpartei SPD sukzessive all ihre Werte verraten hat und sich deshalb völlig zu Recht der zehn Prozent-Marke nähert. Kein Wort auch über die sogenannten Grünen, jene Partei, die nicht zuletzt aus der Friedens- und Umweltbewegung der Achtzigerjahre hervorging und heute LNG-Terminals baut und zu den schlimmsten Kriegstreibern geworden ist. Nichts über eine Linke, die sich – in Teilen! – immer autoritärer gebärdet und jeden cancelt, der es wagt, eine andere Meinung zu vertreten oder sich nicht an die stetig umfangreicher werdenden Sprachregeln hält.
Die Philosophin Nancy Fraser hat in einem lesenswerten Artikel aus dem Jahr 2017 (Für eine neue Linke oder: Das Ende des progressiven Neoliberalismus) versucht zu analysieren, warum die Menschen in den USA Donald Trump wählten. Teile davon lassen sich ohne weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragen. Fraser wirft der progressiven Linken vor, sich mit dem Neoliberalismus verbündet zu haben. Sie nennt das schlicht: »Progressiver Neoliberalismus«. Anstatt grundsätzlich die herrschenden Machtstrukturen infrage zu stellen, hätte sich die progressive Linke mit diesen Machtstrukturen verbunden. Als Inbegriff dieses progressiven Neoliberalismus galt Hillary Clinton. So hatten die Menschen nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: Auf der einen Seite das reaktionäre rechtspopulistische und auf der anderen Seite das progressiv-neoliberale Lager. Die wirklich linke Fraktion, vertreten durch Bernie Sanders, wurde seinerzeit aufgefordert, sich hinter Clinton zu stellen, um Trump zu verhindern. Das hat eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Problemen der Menschen verhindert. Ähnliches lässt sich auch hier beobachten.
Und jetzt das Entscheidende: Kein Wort zur Demütigungserfahrung der Ostdeutschen, deren Biografien über Nacht entwertet wurden, weil sie in einem sozialistischen Unrechtsstaat gelebt haben. Kein Wort darüber, dass der Westen wie eine Dampfwalze über die damalige DDR hinweggerollt ist und buchstäblich alles plattgemacht hat. »Das Ende der Geschichte« (Francis Fukuyama) war angebrochen, mit Kapitalismus und Demokratie als den stolzen und unbarmherzigen Siegern. Auch kein Wort davon, dass es die Ostdeutschen selbst waren, die mit ihren mutigen Protesten die DDR-Diktatur schließlich zu Fall brachten. Kein Wort darüber, dass die westlichen Parteien zunehmend den Blockparteien der DDR zu ähneln begannen. Generell kein Wort zum Totalversagen der Altparteien in allen wesentlichen gesellschaftlichen Fragen. Und so weiter und so fort.
Die Bergarbeiter als Tätergeneration
Den entlarvendsten Satz des Abends äußerte jedoch überraschend der Moderator Wolfram Eilenberger. Sinngemäß sagte er: »Diese Zeche, in der wir uns gerade befinden, wird in Zukunft ein Mahnmal sein für die Umweltzerstörung, die durch den Kohlebergbau angerichtet wurde und die Menschen, die hier gearbeitet haben, werden als Täter in die Geschichte eingehen.« Dass der Kohlebergbau aus heutiger Sicht maßgeblich zum Klimawandel beigetragen hat, steht außer Frage. Aber ganze Generationen von Bergarbeitern rückwirkend aus dem Abstand von achtzig Jahren zu Tätern zu erklären, ist nicht nur billig. Es ist eine derart arrogante, ignorante und selbstgerechte Anmaßung, dass es einem buchstäblich die Sprache verschlägt. Umwelt- oder Klimaschutz waren zu dieser Zeit noch lange nicht im Bewusstsein der Menschen vorhanden. Diese Arbeiter haben unter Tage ihre Gesundheit und nicht selten ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um Deutschland nach 1945 aus dem Dreck zu ziehen. Wir alle stehen dankbar und demütig auf den Schultern derer, die sich im Pütt nicht selten zu Tode malocht haben, damit es ihre Kinder einmal besser haben sollten als sie. Woher glaubt Herr Eilenberger kam das Geld, um die Universitäten aufzubauen, an denen er studiert hat? Wer hat es ihm ermöglicht, ein solches Leben zu führen, ohne mit einem Presslufthammer, den er keine fünf Minuten halten könnte, in tausend Metern Tiefe seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen?
So war die entscheidende Erkenntnis an diesem Abend diese: Es ist genau diese abgehobene, weltfremde Arroganz und Selbstgerechtigkeit, mit der Eilenberger über die Würde der Menschen im Ruhrgebiet hinweggegangen ist, wie über die Würde der Menschen im Osten Deutschlands hinweggegangen wurde. Wer aber den Menschen ihre Würde nimmt, sie übersieht, nicht wahrnimmt und ihre Lebensleistung in den Dreck zieht, der sollte sich über Konsequenzen nicht wundern. Das sind Verletzungen, die auch noch in die nächste Generation getragen werden. Abgesehen davon ist die AfD inzwischen zu einem gesamtdeutschen Problem geworden. Es läuft offensichtlich etwas ganz gewaltig schief in diesem Land. Wir sollten anfangen, gemeinsam und vorurteilsfrei darüber nachzudenken, was unsere je eigene Rolle dabei ist. Und wenn uns dazu nichts einfällt, ist das schlimm genug. Aber am Ende gilt immer noch der Satz des Kabarettisten Dieter Nuhr: »Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!«


