Brüder im Geiste. Thomas Steinfeld beleuchtet in „Herr der Gespenster“ zentrale Gedanken von Karl Marx und zeigt ihre Bedeutung für die Gegenwart

Thomas Steinfeld, 1954 in Leverkusen geboren, hat unter anderem als Lehrer, Dozent für deutsche Sprache und Literatur sowie als Literaturredakteur gearbeitet. Derzeit lehrt er Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und ist Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Venedig. Dieses berufliche Spektrum merkt man seinem Buch Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx an. Es bietet nämlich keinen systematisch entwickelten Gedankengang und keine Geschichte des Denkens von Karl Marx, sondern ist eine Sammlung von Essays über zentrale Begriffe seines Denkens und einige Aspekte seines Lebens und Arbeitens – und das alles im Stil des Feuilletons: sehr belesen, sehr gebildet, manchmal etwas zu flüssig geschrieben. Ein passender Untertitel wäre: Thomas Steinfelds Gedanken zu den Fragen des Karl Marx, da hier Marx‘ Probleme in kurzen Zitaten auftauchen, in ihren historischen Kontext gestellt und dann in ihrer Bedeutung bis heute bedacht werden. Bis hin zu Donald Trumps Auftreten, zur Flüchtlingskrise und zum Wahlkampf von Martin Schulz 2017.

Das Spektrum der Themen reicht vom späteren Ruhm des Karl Marx über das Kommunistische Manifest, Geld und Kapital, den Mehrwert, die Ware als Fetisch, die Arbeit, die Gleichheit, Krise und Revolution bis zu Marxens Sprache, seinem wissenschaftlichen Arbeiten, seiner Tätigkeit als Journalist und der Frage, ob er am Ende gescheitert ist. Zunächst begeistert die Lektüre, doch dann enttäuscht sie, da sie zu viel Steinfeld und zu wenig Marx enthält. Der Schluss ist insofern versöhnlich, da am Ende zu spüren ist, dass der Autor seinen Gesprächspartner Marx als Bruder im Geist erkannt hat.

Um den Titel Herr der Gespenster zu verstehen, muss man das Kapitel Die Sprache heranziehen, wo Marx zitiert wird: „Die bürgerliche Ordnung (…) ist zum Vampyr geworden, der ihr [der Parzelle Land, N.T.] Herzblut und Hirnmark aussaugt und sie in den Alchimistenkessel des Kapitals wirft.“ Danach beschreibt Steinfeld die Herkunft der Vorstellung vom Vampir, untersucht weitere von Marx gebrauchte Metaphern (u.a. Charaktermaske, Basis-Überbau) und landet schließlich beim Zombie, den Marx zwar nicht kannte, der aber heute modern ist. „Vampire können ewig leben. Das Kapital hegt ähnliche Absichten.“  Zuvor hat Steinfeld im Kapitel über das Kommunistische Manifest bereits das Gespenst des Kommunismus zitiert, das in Europa umgehe – seinetwegen würde man Marx jedoch eher als den Propheten denn als Herrn der Gespenster bezeichnen müssen.

Im Kapitel Die Wissenschaft berichtet Steinfeld, dass Marx 33 Jahre in der Bibliothek der British Museum Library mit Lesen und Exzerpieren der gelesenen Bücher verbracht hat. Nach einem Exkurs über Marx‘ Wissenschaftsbegriff wendet der Autor sich dem Exzerpieren als Methode zu: Lesen und Exzerpieren als Schritt auf dem Weg dahin, „die moderne Welt in ihrer äußeren Gestalt und in ihren inneren Beweggründen darzustellen.“ Exzerpierendes Lesen sei Ausdruck des Verlangens nach vollständigem Wissen; jedoch werde man durch diese Methode überfordert, da sie kein systematisches Wissen ergibt. Hier lässt sich erstmals die Nähe zwischen Marx und Steinfeld in ihrer Arbeitsweise erkennen, denn Steinfelds Buch beruht ebenfalls auf einer Unmenge von Exzerpten aus Romanen, historischen Darstellungen und kulturtheoretischen Büchern.

Auch beruflich stehen Marx und Steinfeld einander nahe, beide sind u.a. Journalisten. Dem trägt der Autor im Kapitel Die Zeitung Rechnung. Darin geht es um die Geschichte und die Bedeutung von Zeitungen. Nachricht und Öffentlichkeit seien zwei Momente des Sozialen, die zusammengehören. Die Zeitung „ist und dokumentiert (…) zugleich die allseitige Vermittlung, ohne die es eine Gesellschaft nicht geben kann“, „und innerhalb der Öffentlichkeit kann jeder seine Stimme erheben, ohne mit einem Hinweis auf die Zugehörigkeit zu einer politischen Fraktion seinen Anspruch auf Allgemeinheit zu verlieren.“ Natürlich wird Heinrich Heine, Journalist in Paris, in seiner Beziehung zu Marx ebenfalls beachtet.

Dass Steinfeld auch im Geist ein Bruder des Karl Marx ist, zeigt er im vorletzten Kapitel Der Fetisch. Es beginnt mit Reflexionen über Emma Bovary und ihre Obsession für elegante Waren, geht dann über Marx‘ Begriff der Ware als Fetisch, die Geschichte des Begriffs Fetisch, über Reklame und Ausstellung der Ware, über die Marke als Aspekt des Fetischs, über die Selbstvermarktung des Künstlers in der Neuzeit hin zur Inszenierung seiner selbst als modernem Lebensstil: „Zugleich verwandelt jeder sich in ein Projekt seiner selbst. Die entfaltete Warenwirtschaft braucht (…) die Jugendlichen, junge Menschen, von denen jeder ein Versprechen ist, vielleicht einer Investition würdig, und von denen ein jeder die Möglichkeit der unendlichen Veränderung in sich trägt.“ So verwandelten sich heute die Alten in Junge. „Und wenn darin auch eine unermessliche Freiheit zu liegen scheint – die Freiheit, wie man sagt, sich in jedem Augenblick seines Lebens selbst zu wählen oder neu zu erfinden –, so ist diese Freiheit doch ein Schein.“ Der Warenfetisch sei letztlich so etwas wie die Ideale der bürgerlichen Ordnung: „Alles Ideelle, sobald es vom Realen gefordert wird, zehrt am Ende dieses und sich selbst auf.“ (Goethe im Gespräch mit Riemer) Man müsse mit den Fetischen genauso wie mit besagten Idealen umgehen, meint Steinfeld.

Das Buch ist also eine Sammlung von Essays, in denen im Geist des Karl Marx auf die Gegenwart geblickt wird. Dabei ergeben sich manche Doppelungen. So wird dreimal das Panorama als Form der bildenden Kunst wie der Literatur bemüht. Ebenso wird mehrfach auf die Weltausstellungen als eine kapitalistische Veranstaltung hingewiesen. Öfter lässt Steinfeld durchblicken, wie gelehrt er ist, ohne dass dies etwas zur Sache des Karl Marx beitrüge, etwa wenn er die falsche Übersetzung einer Stelle aus einem französischen Roman korrigiert. Gelegentlich geht die Argumentation zu leicht über Probleme hinweg und stellt eine Verbindung zwischen Phänomenen her, die einer Nachfrage nicht standhält. Bei der überflüssigen Polemik gegen Schillers Gedicht An die Freude und dessen Vertonung durch Beethoven, geht es nur um Steinfelds Geschmack, nicht um Marx.

Über Marx‘ Denken wird man besser und vollständiger im kleinen Marx-Engels-Begriffslexikon, herausgegeben von K. Lotter, R. Meiners und E. Treptow (Verlag C. H. Beck, München 1984) informiert.  Von Steinfelds Buch wird aber nicht enttäuscht, wer eine Reihe großer Aufsätze über Marx‘ kritische Perspektiven auf den Kapitalismus und unsere Zeit, gestützt auf zahlreiche Anmerkungen und Literaturhinweise, im Stil des Feuilletons einer guten Zeitung lesen möchte. | NORBERT THOLEN

Thomas Steinfeld: Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx
Hanser Verlag, 286 Seiten
ISBN-13: 9783446256736

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