Herr Paech, bei der Lektüre Ihrer Veröffentlichungen fällt auf, dass Sie wenig in Machtstrukturen und Interessen und so gesehen in gewisser Weise unpolitisch denken. Für Sie ist die Zivilgesellschaft das neue Subjekt der Geschichte. Der Einzelne soll richten, was nicht zuletzt auch politisch versäumt wurde. Stellt das nicht eine ziemliche Überforderung des Einzelnen dar, der jetzt allein die ganze moralische Last der Verantwortung tragen soll?

Mit dem Scheitern der Idee eines „grünen“ Wachstumsmodells entfallen zugleich jene politischen Gestaltungsoptionen, die mit einer parlamentarischen Demokratie vereinbar wären. Denn mehrheitsfähig ist nur, Wohlstands- und Freiheitsgeschenke zu verteilen. Aber diese Logik ist das Gegenteil einer Problemlösung.

Vormals ökologisch verträgliche Lebensstile sind den Verlockungen des digital-kosmopolitischen Komforts anheimgefallen. Die Anzahl gebildeter, sich moralisch korrekt inszenierender Menschen, deren globaler Aktionsradius einen individuellen CO2-Fußabdruck hinterlässt, der alles Bisherige übertrifft, explodiert. Demokratische Regulative, ganz gleich ob Politik, Wissenschaft, Erziehung oder Medien, sind zu willfährigen Erfüllungsgehilfen einer öko-suizidalen Daseinsform geworden, die als sozialer Fortschritt verklärt wird. Gewetteifert wird darin, jede beliebige Klientel mit ständig neuen Freiheits- und Wohlstandsangeboten zu bedienen. Dabei scheinen die Ansprüche mit dem bereits Erreichten zu wachsen. Bis heute war und ist keine Partei oder politische Initiative, die reduktive, lebensstilrelevante Maßnahmen fordert, jemals in irgendeinem Parlament vertreten. Solange die gegenwärtige Wohlstandskultur vorherrscht, kann politisch nur mehrheitsfähig sein, was ökologisch ins Desaster führt.

Marxistische oder kapitalismuskritische Positionen innerhalb des Postwachstumsdiskurses suggerieren zuweilen, dieses Dilemma ließe sich als „Machtfrage“ oder Verteilungsproblem lösen, indem die Reduktionsleistungen höheren Einkommensgruppen zugewiesen werden, so dass die Mehrheit verschont bleibt. Aber es ist schon lange keine Elite mehr, die das Gros der Ressourcen verbraucht. In aktuellen Konsumdemokratien und vielen Schwellenländern ist es umgekehrt nur noch eine verschwindend kleine Elite, die nicht über ihre ökologischen Verhältnisse lebt, weil Flugreisen, Elektronik und andere Konsumgüter erschwinglich geworden sind. Deshalb müsste sich jede auch noch so bemüht gerechte Postwachstumspolitik zwangsläufig mit demokratischen Mehrheiten anlegen. Dass die zusehends hedonistisch geprägten Mittelschichten auch nur daran denken können, sich einer politisch veranlassten Entzugskur zu unterwerfen, setzt voraus, die notwendigen Praktiken der Genügsamkeit, Sesshaftigkeit und graduellen Selbstversorgung erst eingeübt zu haben.

Sie schreiben in diesem Zusammenhang, „dass nachhaltige Technologien und Objekte schlicht undenkbar sind und allein Lebensstile nachhaltig sein können“. Was meinen Sie damit?

Die unzähligen Versuche, Steigerungen des materiellen Wohlstandes durch „grüne“ Innovationen ökologisch zu entschärfen, hätten kaum spektakulärer scheitern können. Und dies ist kein vorübergehendes oder zufälliges Versagen der Fortschrittsbestrebungen, sondern unvermeidlich. Warum?

Steigerungen des BIP setzen zusätzliche Produktion voraus, die als Leistung von mindestens einem Anbieter und zu einem Empfänger übertragen werden muss und einen Geldfluss induziert, der zusätzliche Kaufkraft entstehen lässt. Der Wertschöpfungszuwachs hat somit eine materielle Entstehungsseite und eine finanzielle Verwendungsseite des Einkommenszuwachses. Beide Wirkungen wären ökologisch zu neutralisieren, um die Wirtschaft ohne Verursachung zusätzlicher Umweltschäden wachsen zu lassen. Mit anderen Worten: Selbst wenn sich die Entstehung einer geldwerten und damit BIP-relevanten Leistungsübertragung technisch jemals entmaterialisieren ließe – was mit Ausnahme singulärer und kaum hochskalierbarer Laborversuche bislang nicht absehbar ist –, bliebe das Entkopplungsproblem dennoch solange ungelöst, wie sich mit dem zusätzlichen Einkommen beliebige Güter finanzieren lassen, die nicht vollständig entmaterialisiert sind. Beide Entkopplungsprobleme sollen kurz beleuchtet werden.

Entstehungsseite des BIP: Materielle Rebound-Effekte

Wie müssten Güter beschaffen sein, die als geldwerte Leistungen von mindestens einem Anbieter zu einem Nachfrager übertragen werden, deren Herstellung, physischer Transfer, Nutzung und Entsorgung jedoch aller Flächen-, Materie- und Energieverbräuche enthoben sind? Bisher ersonnene Green Growth-Lösungen erfüllen diese Voraussetzung offenkundig nicht, ganz gleich ob es sich dabei um Passivhäuser, Elektromobile, Ökotextilien, Photovoltaikanlagen, Bio-Nahrungsmittel, Offshore-Anlagen, Blockheizkraftwerke, Smart Grids, solarthermische Heizungen, Cradle to Cradle-Getränkeverpackungen, Carsharing, digitale Services etc. handelt. Nichts von alledem kommt ohne physischen Aufwand, insbesondere neue Produktionskapazitäten, Distributionssysteme, Mobilität und hierzu erforderliche Infrastrukturen aus, was somit zu einer weiteren materiellen Addition führen muss, solange sich daraus wirtschaftliches Wachstum speisen soll. Aber könnten die „grünen“ Produkte den weniger nachhaltigen Output nicht einfach ersetzen, anstatt addiert zu werden, so dass im Saldo eine ökologische Entlastung eintritt? Diese Strategie scheitert in zweierlei Hinsicht:

Erstens würde es nicht ausreichen, nur Outputströme zu ersetzen, solange der hierzu zwangsläufig nötige Strukturwandel mit einem Zuwachs an materiellen Bestandsgrößen und Flächenverbräuchen (wie bei Passivhäusern oder Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien) einhergeht. Die bisherigen Kapazitäten und Infrastrukturen wären zu beseitigen. Aber wie könnte die Materie ganzer Industrien, Gebäudekomplexe oder etlicher Millionen an fossil angetriebenen PKW (um sie durch E-Mobile zu ersetzen) und Heizungsanlagen (um sie durch Elektro- oder solarthermische Anlagen zu ersetzen) ökologisch neutral verschwinden?

Zweitens könnte das BIP nicht systematisch wachsen, wenn jedem grünen Wertschöpfungsgewinn ein Verlust infolge des Rückbaus alter Strukturen entgegenstünde. Dies lässt sich exemplarisch an der deutschen „Energiewende“ nachzeichnen. Die momentan von der Green Growth-Gemeinde bestaunten Wertschöpfungsbeiträge der erneuerbaren Energien entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als Strohfeuereffekt. Nachdem nämlich die vorübergehende Phase des Kapazitätsaufbaus abgeschlossen ist, reduziert sich der Wertschöpfungsbeitrag auf einen Energiefluss, der vergleichsweise geringe Zuwächse des BIP verursacht und nicht beliebig gesteigert werden kann – es sei denn, die Produktion neuer Anlagen wird ohne Begrenzung fortgesetzt. Aber dann nehmen die schon jetzt unerträglichen Landschaftszerstörungen entsprechend zu.

Daran zeigt sich ein unlösbares Dilemma vermeintlich „grüner“ Technologien: Insoweit auch diese niemals zum ökologischen Nulltarif zu haben sind, verlagern sie Umweltschäden nur in eine andere physische, räumliche, zeitliche oder systemische Dimension, in der früher oder später eben andere Wachstumsgrenzen erreicht werden. Entsprechend unbrauchbar sind die Versuche, Entkopplungserfolge empirisch zu belegen, zumal sich Verlagerungseffekte kaum berechenbar sind: Wie lassen sich CO2-Einsparungen mit Landschaftszerstörungen saldieren?

Verwendungsseite des BIP: Finanzielle Rebound-Effekte

Niko Paech - Befreiung vom Überfluss

Selbst wenn entmaterialisierte Produktionszuwächse je möglich wären, müssten die damit unvermeidlich korrespondierenden Einkommenszuwächse ebenfalls ökologisch neutralisiert werden. Aber es erweist sich als schlicht undenkbar, den Warenkorb jener Konsumenten, die das in den „grünen“ Branchen zusätzlich erwirtschaftete Einkommen beziehen, von Gütern freizuhalten, in deren globalisierte Produktion fossile Energie und andere Rohstoffe einfließen. Würden Personen, die in den Branchen (vermeintlich) „grüner“ Produktion beschäftigt sind, keine Eigenheime bauen, nicht mit dem Flugzeug reisen, kein Auto fahren und nicht übliche Konsumaktivitäten in Anspruch nehmen – und zwar mit steigender Tendenz, wenn das verfügbare Einkommen wächst? Ein zweiter finanzieller Rebound-Effekte droht, wenn grüne Investitionen den Gesamtoutput erhöhen, weil nicht zeitgleich und im selben Umfang die alten Produktionskapazitäten zurückgebaut werden (die gesamte Wohnfläche nimmt durch Passivhäuser zu, die gesamte Strommenge steigt durch Photovoltaikanlagen), was tendenzielle Preissenkungen verursacht und folglich die Nachfrage erhöht. Es ist nicht einmal auszuschließen, dass davon der fossile Sektor mitprofitiert. Ein dritter finanzieller Rebound-Effekt tritt ein, wenn Effizienzerhöhungen die Betriebskosten bestimmter Objekte (Häuser, Autos, Beleuchtung etc.) reduzieren.

Finanzielle Rebound-Effekte ließen sich vermeiden, wenn die Einkommenszuwächse abgeschöpft würden – aber damit würde gleichsam das Wachstum verhindert. Und überhaupt: Was könnte absurder sein, als Wachstum zu generieren und dann die intendierten Einkommenssteigerungen zu neutralisieren? Die Behauptung, durch Investitionen in grüne Technologien könne ein ökologisch verträgliches Wirtschaftswachstum ermöglicht werden, ist also nicht nur falsch, sondern kehrt sich ins genaue Gegenteil um: Grüne Technologien haben allein unter der Voraussetzung eines nicht wachsenden BIPs überhaupt eine Chance, die Ökosphäre zu entlasten. Und dies ist nicht einmal eine hinreichende Bedingung, weil die eben beschriebenen materiellen Rebound-Effekte ebenfalls einzukalkulieren sind.

Das ist eine sehr deprimierende Analyse der jetzigen Lage. Die „grünen“ Technologien werden uns Ihrer Meinung nach nicht aus dem Dilemma führen und innerhalb eines demokratischen Systems lassen sich keine politischen Mehrheiten für einen radikalen Bruch mit unserer „Wohlstandskultur“ finden. In welcher Richtung liegt in dieser Situation der Notausgang? Doch wohl kaum in einer Ökodiktatur? Gibt es überhaupt einen?

Wenn es gelingt, ökologisch übertragbare Subkulturen in Nischen zu stabilisieren, entstünde ein Vorrat an abrufbereiten Praktiken – etwa im Sinne der von Beuys so bezeichneten „sozialen Plastiken“ –, auf die zurückgegriffen werden kann, wenn Krisen dies nahelegen oder erzwingen. Eine derartige Strategie der horizontalen Vervielfältigung postwachstumstauglicher, auf mikroökonomischer Ebene gestaltbarer Versorgungsformen erfüllt das Kriterium, weder von politischen Mehrheitsentscheidungen abhängig zu sein noch technischer Innovationen oder voluminöser Finanzquellen zu bedürfen. Somit könnten viele sich in Reallaboren vernetzende Individuen vergleichsweise voraussetzungslos damit beginnen, zukunftsfähige Lebensführungen einzuüben.  

Sie sehen eines der zentralen Probleme in unserer Abhängigkeit von fremden Produzenten.  Der „Rückbau des maßlos gewordenen Fremdversorgungssystems“ ist somit eine der Forderungen an eine Postwachstumsökonomie. Wie könnte das im Detail aussehen?

Das lässt sich hier nur grob skizzieren. Zwei Entwicklungsrichtungen sind vonnöten, nämlich erstens eine Entrümpelung, also eine Suffizienzorientierung, und zweitens eine neue Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung, also mehr Subsistenz. Suffizienz kehrt das moderne Steigerungsprinzip ins Gegenteil um: Kreative Reduktion als Gestaltungsprinzip. Wir könnten viele Energiesklaven, Komfortkrücken und Infrastrukturen ausfindig machen, die wir gar nicht nötig haben – ganz gleich ob elektrisches Küchengerät, Wellness-Rezeptur, Flugreise oder Tiefseehafen. So sparen wir Zeit, Geld, Raum und ökologische Ressourcen. Weg mit dem Wohlstandsschrott, der nur unser Leben verstopft! Der zweite Ansatzpunkt zielt darauf, unabhängiger von geldbasierter Fremdversorgung zu werden. Eigenarbeit ist angesagt. Wer durch handwerkliche und manuelle Versorgungsleistungen unentgeltlich produktiv ist, und zwar sowohl für sich selbst als auch das nahe soziale Umfeld, schlägt drei Fliegen mit einer Klappe: Erstens ist es der beste Selbstschutz gegenüber zukünftigen Ressourcenknappheiten, die das aktuelle Wohlstandsmodell unbezahlbar machen. Zweitens schützen wir direkt die Umwelt. Und drittens mildern wir strukturell Wachstumszwänge, die einem geldbasierten, arbeitsteiligen Industriemodell innewohnen.  

Welche Rolle spielt die Technik, bzw. der technische Fortschritt, in einer Postwachstumsökonomie?

Es sind drei Dimensionen der Angebotsseite zu unterscheiden, nämlich die – starkNiko Paech - Energie, Entropie, Kreativität. Springer Spektrum verkleinerte! – Industrie, die Regionalökonomie und die urbane Selbstversorgung. In den beiden letztgenannten spielt Technologie eine geringere Rolle als handwerkliche Kompetenz. Zum Einsatz gelangen sogenannte mittlere oder konviviale Technologien. Dabei handelt es sich um Werkzeuge, die menschliche Arbeit zwar maßvoll verstärken, aber nicht ersetzen, außerdem keine großen Investitionen erfordern, zudem von den Nutzern beherrscht und eigenständig repariert werden können. So ist sichergestellt, dass Menschen demokratische Kontrolle über die von ihnen verwendeten Mittel behalten und autonom bleiben. Im verkleinerten Industriesektor sieht es anders aus. Die Produktion neuer Güter würde deshalb drastisch gesenkt werden, weil in den beiden vorgenannten Sektoren durch Gemeinschaftsnutzung und Nutzungsdauerverlängerung alles unternommen wird, um neue Produktion unnötig werden zu lassen. Die Industrieproduktion würde sich darauf beschränken, lediglich einen konstanten, nicht mehr wachsenden Bestand an Industriegütern, der mit ökologischen Grenzen vereinbar wäre, aufrecht zu erhalten. Konkret hieße dies, dass nur nachproduziert oder ersetzt wird, was nach Ausschöpfung aller Nutzungsdauer verlängernden Maßnahmen nicht mehr erhalten werden kann. Es werden beispielsweise innerhalb eines Jahres nur so viele Waschmaschinen hergestellt, wie im selben Zeitraum durchschnittlich entsorgt werden müssen. Aber eine solche Ökonomie der Bestandspflege ist nicht per se technik- oder fortschrittsfeindlich. Wenn nämlich die Wachmaschine nach 20 Jahren doch ersetzt werden muss, dann sicher nicht durch eine baugleiche, sondern durch eine, in deren Entwicklung der technische Fortschritt eingeflossen ist, der sich während der letzten 20 Jahr entfaltet hat.  

Wie kann ein Land, dass sich dem Imperativ des unendlichen Wachstums verweigert und alternative, sprich postwachstumsökonomische Strukturen entwickelt innerhalb einer globalisierten Wirtschaft bestehen?

Wenn sich ein Land auf die vorhin von mir beschriebenen Weise vom überbordenden Wohlstandsbedarf befreit, nämlich durch genügsame Lebenskunst und verringerten Produktionsbedarf, kann es seine internationalen Verflechtungen ebenfalls zurückfahren. Abhängig von internationaler Konkurrenzfähigkeit ist nur, wer seinen Gierschlund nicht bändigen kann.  

Was könnte eine Postwachstumsökonomie dazu beitragen, die ungleiche Verteilung von Geld, Gütern und Chancen zu verringern?

Erstens durch eine Orientierung an den pro Kopfverbräuchen an ökologischen Ressourcen, zweitens durch eine umfassende Arbeitszeitverkürzung und -umverteilung, drittens durch den Aufbau ergänzender Selbstversorgungssysteme. Denn Verteilungskonflikte können auch dadurch entschärft werden, jener Mittel gar nicht zu bedürfen, um die sich alles balgt und deren Existenz zu rechtfertigen ist. Die Verteilungsfrage des 21. Jahrhunderts ist ökologischer Art und lautet: Wer darf sich noch wie viele materielle Freiheiten nehmen, ohne über seine Verhältnisse zu leben? Es zählt zu den Irrwegen moderner Politik, etwas gerecht verteilen zu wollen, was in einer gerechten Welt gar nicht hätte entstehen dürfen, weil es auf purer Plünderung beruht.

Sie schreiben: „Je mehr ich mich vernetze, desto mehr ist der ganze Planet meine Region. Deshalb erweitern sich mit digitalen Interaktionen die energieverschwenderischen Ausschweifungen: der Tourismus, das Umherfliegen von Gütern, der globusumspannende Arbeitsmarkt mit der Folge rasender Mobilität.“ Diese Vernetzung ist ein zentrales Merkmal der Globalisierung. Sie wird in Zukunft noch massiv zunehmen und (fast) niemand will zurück zu nationalstaatlichem Denken. Wie lässt sich dieser Konflikt auflösen?

Politische Lösungen sind nicht in Sicht, im Gegenteil. Demokratische Parteien sind längst zu willfährigen Erfüllungsgehilfen einer öko-suizidalen Lebensführung geworden, die historisch ihresgleichen sucht. Und das ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass moderne Politik generell auf das dumpfe Niveau des Geschenkeverteilens herabgesunken ist, weil sie sonst nicht gewählt wird. Konflikte lassen sich leicht auslagern, indem eine neue Logik des Kreuzrittertums oder des Sozialimperialismus befördert wird, die sich als weltoffen tarnt. Weil es im eigenen Land zu eng ist, um die gestiegenen Ansprüche der Mittel- und Oberschichten zu befriedigen, werden globale Möglichkeiten okkupiert, natürlich diesmal ohne Schwert, stattdessen mit Rolli, Smartphone und auskömmlichen Zahlungsmitteln. Jetzt kommt es auf einen Aufstand der Wiederständigen an. Nur wenn sich immer mehr Menschen öffentlich und konfrontativ zu einem sesshaften, ökologisch verantwortbaren Leben bekennen und dieses glaubwürdig vorleben, um damit die Umweltvandalen zu entlarven, besteht noch eine Chance. Der Rest ist Schicksal.  

Gerade wurde von der Bundesregierung der Kohleausstieg bis zum Jahr 2038 beschlossen. Wie stehen Sie zu dieser Entscheidung?

Natürlich ist das sehr wichtig und ohne Alternative. Aber es lohnt sich genau hinzuschauen. Dass zum Beispiel die deutsche Steinkohleförderung beendet wird, sagt absolut nichts darüber aus, wie viel Steinkohle in hiesigen Kraftwerken verfeuert wird. Das meiste davon wurde ohnehin immer importiert. Wenn nun einfach nur noch mehr Steinkohle aus Kolumbien, Russland, Australien, Südafrika, den USA oder Australien nach Deutschland verschifft wird als bisher, entspräche das einer Verschärfung der Katastrophe. Ich glaube also erst an einen Kohleausstieg, wenn Kohlkraftwerke ersatzlos stillgelegt werden – und das geht nur durch eine radikale Senkung der Stromverbräuche. Übrigens beträgt der Anteil von Steinkohle und Braunkohle jeweils etwas mehr als 10 Prozent der gesamten Primärenergiemenge. Öl liegt bei zirka 35 Prozent und Gas bei zirka 25 Prozent. Die Fixierung auf Kohle ist Teil einer Doppelmoral, die den deutschen Nachhaltigkeitsdiskurs prägt.

Wie optimistisch sind Sie, dass die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten die zentralen Probleme ihres Wirtschaftens „by design“ in den Griff bekommt und nicht „by disaster“ dazu gezwungen wird?

Die Überlebensfähigkeit der menschlichen Zivilisation hängt an einer Avantgarde, die es ertragen können muss, dafür beschimpft zu werden, dass sie sich der Fortschrittsreligion verweigert. Statt einen leckgeschlagenen, zunehmend manövrierunfähigen Tanker umlenken zu wollen, sind autonome Rettungsboote, die sich unterhalb des politischen Radars dezentral und kleinräumig entfalten können, die effektivere, erst recht verantwortbarere Strategie. Es kommt darauf an, suffiziente und sesshafte Lebenskunst vor dem Verlernen zu bewahren, also in den Nischen fortlaufend zu reproduzieren. Denn nachdem die Genügsamkeit ausgestorben ist, stirbt als nächstes die menschliche Zivilisation. Individuen darin zu stärken, unter bescheidenen Bedingungen ein resilientes und würdiges Dasein zu meistern, ist die demokratische Alternative zu einer Politik, die auf unerreichbare Mehrheiten setzt. Und die seit jeher so erfolgreich ist wie ein Hund, der den Mond anbellt.

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Niko Paech, 1960 in Schüttorf/Niedersachsen geboren, gilt als der führende Vertreter einer Postwachstumsökonomie im deutschsprachigen Raum.

Von 2008 bis 2016 hatte er den in dieser Zeit unbesetzten Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg inne und war an verschiedenen Forschungsprojekten beteiligt. Seit 2016 lehrt er im Rahmen des Masterstudiengangs Plurale Ökonomik an der Universität Siegen. 2018 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt.

Darüber hinaus engagiert er sich in etlichen Genossenschaften und praktischen Nachhaltigkeitsprojekten.

Publikationen (Auswahl): Reiner Kümmel, Dietmar Lindenberger, Niko Paech: Energie, Entropie, Kreativität. Was das Wachstum treibt und bremst (2018); Erhard Eppler, Niko Paech: Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution…. (2016); Mythos „Energiewende“. Der geplatzte Traum vom rückstandslosen, grünen Wachstum. In: Georg Etscheit (Hrsg.): Geopferte Landschaften. Wie die Energiewende unsere Umwelt zerstört (2016); Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie (2012); Nachhaltiges Wirtschaften jenseits von Innovationsorientierung und Wachstum. Eine unternehmensbezogene Transformationstheorie (2005).

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Eckart Löhr ist Gründer von re-visionen.net und verantwortlicher Redakteur. Seine thematischen Schwerpunkte liegen im Bereich Umweltethik, Philosophie und Gesellschaft.

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