Im Jahr 2019 haben mehr als eine halbe Million Menschen der Kirche den Rücken gekehrt, im vergangenen Jahr waren es gut vierhunderttausend. Dabei sind von den Kirchenaustritten beide Konfessionen gleichermaßen betroffen. Die Gründe hierfür sind vielfältig und reichen von der Kirchensteuer bis zu den Mißbrauchs-Skandalen, insbesondere der katholischen Kirche. Ein weiterer wesentlicher Grund dürfte aber auch in der zunehmenden Entfremdung der Gläubigen von Teilen der kirchlichen Lehre zu finden sein.

Der protestantische Theologe Rudolf Bultmann (1884-1976) hielt im Jahr 1941 den berühmt gewordenen Vortrag »Neues Testament und Mythologie«, in dem er bereits klar formulierte, wo seiner Ansicht nach ein zentrales Problem der christlichen Verkündigung liegt: »Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.« Sein Gegenprogramm nannte sich damals »Entmythologisierung« und führte mit seiner Forderung nach einer »existenzialen Interpretation« der biblischen Texte zu einer kontrovers geführten Auseinandersetzung, an der sich seinerzeit auch der Philosoph Karl Jaspers prominent beteiligte.

Wie lässt sich heute angemessen von Gott reden?

Seitdem gab es, besonders innerhalb der protestantischen Theologie, viele Versuche, die zentralen Aussagen und Begriffe des Neuen Testaments auch für die Moderne fruchtbar zu machen. Doch trotz dieser Bemühungen, die sich leider nur allzu oft auf ein akademisches Publikum beschränkten, haben die Kirchen noch immer das Problem, die biblischen Texte auch für den heutigen Menschen verständlich auszulegen. Dazu gehören vor allem Fragen zu Jesus Christus, zu Begriffen wie Schöpfung, Sünde und Erlösung.

Tilmann Haberer: Von der Anmut der Welt (Cover: Gütersloher Verlagshaus)

Der evangelische Pfarrer und Seelsorger Tilmann Haberer stellt sich dieser Herausforderung und versucht, die Glaubensinhalte des Christentums allgemeinverständlich und zeitgemäß zu interpretieren. So lautet die entscheidende Frage, die Haberer in seinem Buch beantworten möchte: »Wie kann man auf der Höhe der gegenwärtigen Bewusstseinsentwicklung der Menschen […] christlich von Gott sprechen, also theologisch reden?« Dabei verwendet er das Konzept »Spiral Dynamics«, das Ende der Neunzigerjahre von Don Beck und Christopher Cowan entwickelt wurde. Diese Theorie postuliert neun Bewusstseinsebenen oder, wie Haberer es nennt, »Bewusstseinsräume«, wie sie sich im Laufe der Menschheitsgeschichte entwickelt haben sollen, bzw. in Zukunft entwickeln werden. Denn erst sieben dieser Ebenen seien bisher realisiert. Demzufolge würde sich die Mehrheit der Menschen zurzeit an der Schwelle zum siebten Bewusstseinsraum befinden. Die einzelnen Bewusstseinsebenen sind dabei nicht hierarchisch organisiert, sondern können und müssen nebeneinander bestehen. Jede dieser Ebenen hat ihre eigene Wahrheit und Berechtigung, offenbart aber jeweils nur einen Teilaspekt der Wirklichkeit und darf deshalb nicht absolut gesetzt werden. Der siebte Bewusstseinsraum würde sich gerade dadurch auszeichnen, dass seine Vertreterinnen systemisch und integral denken und erkennen, dass alle Wahrheiten immer nur Teilwahrheiten sind.

Diesem integralen Denken zufolge wären die bisherigen Lesarten der neutestamentlichen Schriften nicht grundsätzlich falsch, würden aber jeweils nur einen Teilbereich des Ganzen beschreiben. Sie alle stammen aus einer der spezifischen Bewusstseinsebenen und können nur so beurteilt und verstanden werden. Haberer versucht nun, diese disparaten Lesarten in ein möglichst kohärentes Bild zu integrieren bzw. zu transformieren. Das heißt, er interpretiert die betreffenden Ereignisse aus Sicht der siebten integralen Ebene und scheut sich dabei nicht, auch paradoxe Erklärungen unaufgelöst stehenzulassen, da von Gott ohnehin nur in Paradoxien gesprochen werden könne. Abgesehen davon wäre dieses komplementäre Denken eine wesentliche Eigenschaft des mehr und mehr sich durchsetzenden siebten Bewusstseinsraumes. So gibt es aus integraler Sicht kein Entweder-oder, sondern nur ein Sowohl-als auch, ohne dabei einem nichtssagenden Relativismus zu verfallen. Daneben stützt sich der Autor auf den amerikanischen Philosophen Ken Wilber, der neben Philosophen wie Jean Gebser, Sri Aurobindo und anderen ein führender Vertreter der sogenannten integralen Theorie ist. Und nicht zuletzt bezieht er sich immer wieder auf das Buch »Gott 9.0«, das er 2010 zusammen mit Marion und Tiki Küstenmacher veröffentlicht hat.

Sünde als Verlust der ursprünglichen Einheit

Bei all seinen Ausführungen betont Haberer, dass seine Erklärungen immer nur Bilder Gottes seien und niemals Gott selbst beschreiben. Er lehnt sowohl das theistische- als auch das pantheistische Erklärungsmodell ab und favorisiert einen sogenannten panentheistischen Ansatz. Ein Begriff, der vor fast einhundert Jahren von dem deutschen Philosophen Karl Christian Friedrich Krause (1781-1832) geprägt wurde: Die Welt ist in Gott und Gott in der Welt, aber Gott ist mehr als die Welt. Haberer weiß, dass auch das nur eine anthroponome Zuschreibung Gottes ist, niemals Gott selbst. Allein diese epistemologische Bescheidenheit zeichnet die Theologie Haberers vor vielen anderen aus, die über Gott mit einer Selbstverständlichkeit sprechen, als wären sie ihr (auch Haberer gendert an dieser Stelle) erst gestern noch begegnet.

Dann widmet sich Haberer so schwierigen Begriffen wie Trinität, Sünde und Erlösung. Hier gelingt es ihm sehr gut, diese aus ihrem zum Teil problematischen historischen Kontext zu lösen und in neue Zusammenhänge zu stellen. So ist für den Autor Sünde ein Begriff, der erst einmal nichts mit Moral und schon gar nichts mit Sexualität zu tun hat. Vielmehr versteht Haberer unter Sünde »nichts, was einem eben ab und zu passiert. Sünde ist vielmehr etwas, das unser Menschsein vom ersten Atemzug an bestimmt. Das ist kein moralisches Urteil, kein Vorwurf, keine misanthropische, moralinsaure Abwertung des Menschlichen. Es ist einfach eine Beschreibung. Denn Sünde, das ist nichts anderes als Zweiheit.« Und diese Zweiheit ist eben gerade nicht moralisch zu verstehen, sondern bedeutet lediglich, dass wir nicht mehr in der »ursprünglichen Einheit« leben. Und damit lässt sich auch für einen Gläubigen des 21. Jahrhunderts etwas anfangen.

Die Person Jesus Christus

Ausführlich beschäftigt sich Haberer mit der Person Jesus Christus, der für ihn nicht »das einzigartige Himmelwesen [ist], das herabgekommen ist, um uns Menschen zu erlösen.« Er geht vielmehr davon aus, »dass in Jesus von Nazareth – wie in uns allen – der Kosmische Christus zur Welt gekommen ist.« Dass Jesus sich nicht grundsätzlich von uns unterscheidet, sondern sich seiner göttlichen Natur, die wir alle teilen, lediglich aufs Äußerste bewusst war, ist kein neuer Gedanke. Ähnliches findet sich bereits bei den christlichen Mystikern wie Meister Eckhart oder Angelus Silesius. Der Versuch, Jesus – bildlich gesprochen – wieder auf die Erde zu holen, ist ungeheuer wichtig. Denn die Kirchen haben ihn im Laufe der Jahrhunderte in solch transzendente und unerreichbare Höhen versetzt, dass er uns Heutigen kaum mehr etwas zu sagen hat. Die damit einhergehende Einsicht, dass wir alle göttlicher Natur sind, wie es die Weisen aller Zeiten immer schon behauptet haben, ist nicht zuletzt von zentraler Bedeutung für unser Zusammenleben. »Weil mir im Mitmenschen und in der nichtmenschlichen Mitwelt nichts und niemand anders begegnet als Gott selbst, haben alle Wesen, denen ich begegne, unendliche Würde.«

Die Vorstellung, Jesus wäre für unsere Sünden gestorben, lehnt Haberer ab und verortet sie in einem früheren Bewusstseinsraum, in dem die Menschen noch ein ausschließlich »feudales Rechtsverständnis« gehabt hätten. »Wenn Gott durch Christus in dir und in mir und in allen Menschen lebt, müsste er ja letztlich sich selbst mit der Todesstrafe belegen – und sich selbst durch das Opfer seines eigenen Lebens vor dieser Todesstrafe retten.« An dieser Stelle ließe sich natürlich fragen, warum Haberer hier ein Problem hat, diese offenkundige Paradoxie hinzunehmen, deren Akzeptanz ja gerade ein Kennzeichen der integralen Ebene sein soll.

Die Frage nach dem Sühnetod Jesu hat im Laufe der Theologiegeschichte heftige Kontroversen zur Folge gehabt, die bis heute anhalten. So hat sich die vor Kurzem verstorbene katholische Theologin Uta Ranke-Heinemann zeit ihres Lebens vehement gegen die in der Tat völlig abstruse Vorstellung gewandt, Gott hätte seinen eigenen Sohn am Kreuz verbluten lassen, um die Menschheit von ihren Sünden zu erlösen. Das und ihr berechtigter Zweifel an der Jungfrauengeburt kostete sie schließlich ihre Lehrbefugnis, die ihr Ende der Achtzigerjahre entzogen wurde. Ein Teil der (katholischen) Kirche befand sich damals offensichtlich noch tief im mittelalterlichen Bewusstseinsraum und tut es wohl noch heute. Aber auch bei den Protestanten ist noch viel Arbeit zu leisten, bzw. die Arbeit umzusetzen, die von vielen Theologinnen und Theologen bereits geleistet wurde.

Eine Sache lässt den Leser dann doch ein wenig überrascht zurück. Denn die Frage nach der wortwörtlich verstandenen Auferstehung Jesu wird von Haberer nicht weiter untersucht. Er schreibt lediglich, dass es »ein Ereignis von solcher Wucht gewesen sein [muss], dass Menschen bereit waren, dafür zu sterben.« Gerade zu diesem, das Christentum konstituierenden, Geschehen hätte man sich ebenfalls eine zeitgemäße Auslegung gewünscht. Rudolf Bultmann, Paul Tillich, Dorothee Sölle und andere haben gezeigt, dass es überzeugendere Interpretationen der Auferstehung gibt, als sich Jesus als Zombie vorstellen zu müssen.

Haberer plädiert für ein aufgeklärtes Christentum

Zur so wichtigen Frage der Theodizee, also zur Frage der Existenz des Bösen in der Welt, die Georg Büchner zu Recht als »Fels des Atheismus« bezeichnet hat, hat Haberer nichts Neues beizutragen. Er kann nur akzeptieren, dass Gott auch dafür verantwortlich sein muss, aber uns gleichzeitig nicht indifferent gegenübersteht, sondern unser Leiden teilt. Doch »begreifen lässt sich das alles nicht wirklich. Das Kreuz ist und bleibt ein Mysterium. Wer behauptet, er hätte es begriffen, hat nichts begriffen.«

Tilmann Haberer versucht, in seinem Buch ein aufgeklärtes Christentum zu vermitteln, das den Menschen heute wieder etwas zu sagen hat. Er zeigt, dass viele unserer Glaubensvorstellungen noch aus früheren Bewusstseinsebenen stammen und heute aus anderer, nämlich integraler, Perspektive betrachtet und gedeutet werden müssen. Darüber hinaus geht es ihm darum, das Schöne und Positive der christlichen Botschaft wieder lebendig zu machen, und die ist, gerade in Anbetracht des Leids und der grassierenden Ungerechtigkeiten auf diesem Planeten, wichtiger denn je. Denn »es braucht den Blick der Liebe und das Vertrauen, dass das nicht alles ist, was wir mit unseren physischen Augen erblicken.« Um das nicht als Aufruf zum Eskapismus zu verstehen, betont Haberer die Verantwortung, die unsere Freiheit mit sich bringt. Freiheit und Verantwortung werden immer noch vielfach falsch verstanden, weil sie ausschließlich aus neoliberaler Perspektive betrachtet werden. Für Haberer bedeutet Verantwortung »auf die eigenen Handlungen zu achten und darauf, dass ich mit meinem Handeln niemandem schade.« Würden wir diesen Satz ernst nehmen, müssten wir umgehend damit beginnen, unsere Gesellschaft fundamental umzubauen. Denn unsere Art zu wirtschaften und zu leben schadet nicht nur diesem Planeten, sondern auch anderen Menschen, jetzt und vermehrt auch in Zukunft. Haberer plädiert somit für »ein Christentum und ein christlich geprägtes Denken, das der geistigen Wirklichkeit der Gegenwart nicht mehr nur hinterherhinkt (oder sich ängstlich dagegen abschottet), sondern das Gespräch mit dieser Wirklichkeit aufnimmt und mehr noch: diese weiter- und vorwärtsdenkt.«

Am Ende bleibt die Einsicht, dass die Frage nach der Wahrheit sich heute »nicht durch den Verweis auf historische Fakten oder dogmatisch als wahr definierte Sätze beantworten« lässt. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die man so manchem fundamentalistischen Vertreter der christlichen Religion, und allen voran den Kreationisten, gerne um die Ohren hauen würde. Die biblischen Texte sind nicht wahr, weil wir ihnen »historische Faktizität« zuschreiben würden, sondern weil sie »gewirkt« haben. »So, wie die Geschichten da stehen, haben sie Menschen berührt, verändert, getröstet, oft genug auch verstört, in die Verzweiflung getrieben und dann auch wieder aufgerichtet. Die Geschichten und die überlieferten Worte von Jesus haben archetypische Kraft, noch mehr: Sie haben mythische Kraft. Wenn wir sie als Mythos begreifen, bekommen sie eine ganz neue Qualität von Wahrheit.« Rudolf Bultmann würde an dieser Stelle sicher protestieren.

Tilmann Haberer: Von der Anmut der Welt. Entwurf einer integralen Theologie. Gütersloher Verlagshaus 2021, ISBN-13: 9783579071718

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