Die abendländische Philosophie hat seit Platon ein gewaltiges Defizit: Sie hat weder eine überzeugende Umweltethik hervorgebracht noch ist sie jemals gedanklich auch nur in die Nähe dessen gekommen, was man als Tierethik bezeichnen könnte. Bereits in Platons Dialog Phaidros findet sich der Satz: »Die Bäume wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt.« Diese Ignoranz gegenüber der Natur, beziehungsweise des Wertes der Natur, ist ein unverzeihliches Versäumnis, um nicht zu sagen ein Skandal. Für beinahe alle abendländischen Philosophen verfügte die Natur und alle nichtmenschlichen Lebewesen über keinen ernstzunehmenden Wert (Philosophinnen gab es wenige und diese wurden oftmals nicht wahrgenommen oder aktiv aus der Geschichte verdrängt). Natur blieb immer etwas, das dem Menschen fremd und als das völlig andere weitestgehend beziehungslos gegenüberstand. Sie diente lediglich als Kulisse, vor der sich das Schauspiel des Menschen – mal Drama mal Komödie – entfaltet. Als bloße Verfügungsmasse bezog sie ihren Wert ausschließlich von uns als vermeintlich höchster wertsetzender Instanz.
Die Missachtung der Tiere
Das ging so weit, den Tieren sogar ihre Gefühle abzusprechen. Und wenn man ihnen doch welche zugestand, dann nur, indem man darauf bestand, dass sie von den Gefühlen der Menschen unterschieden sein müssen. So leugnete der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza zwar nicht die offensichtliche Tatsache, dass Tiere Gefühle haben, bestand aber darauf, dass diese Gefühle völlig andere als die der Menschen sein müssen. Somit gab es für ihn auch keinen Grund, auf Tiere Rücksicht zu nehmen, denn das »Gebot der Vernunft, unseren Nutzen zu suchen, lehrt zwar, daß wir uns mit den Menschen verbinden müssen, nicht aber mit den Tieren oder mit Dingen, deren Natur von der menschlichen Natur verschieden ist. […] Ja, da eines jeden Recht durch seine Tugend oder Kraft definiert wird, haben die Menschen ein weit größeres Recht auf die Tiere als diese auf die Menschen.« Aus diesem Grund wären Tiere nicht zuletzt dazu da, »für unseren Nutzen zu sorgen und sie nach Belieben zu gebrauchen und so zu behandeln, wie es uns am besten paßt, da sie ja der Natur nach nicht mit uns übereinstimmen und ihre Affekte von den menschlichen Affekten der Natur nach verschieden sind.« Diese Auffassung wirkt unausgesprochen noch bis heute in vielen wissenschaftlich denkenden und arbeitenden Köpfen fort. Anders lässt es sich schlicht nicht erklären, warum noch immer unzählige Tiere für wissenschaftliche Versuche aller Art missbraucht werden. Aber auch der immense Fleischkonsum in den reichen Ländern dieser Welt zeigt, dass wir den meisten Tieren keinerlei Wertschätzung entgegenbringen.
Auch über den großen Königsberger Philosophen Immanuel Kant lässt sich hier nicht viel Positives sagen. Für ihn gelten nur vernunftbegabte Wesen, also Menschen, als Personen und dürfen daher niemals Mittel sein, sondern sind immer schon Zweck an sich. Für Tiere gilt das nicht, denn sie sind für Kant vernunftlose Wesen, die für sich nur einen relativen Wert beanspruchen können. Kant bezeichnet sie daher schlicht als Sachen. Wenn er sich dennoch dagegen ausspricht, Tiere grausam zu behandeln, dann lediglich deshalb, weil dadurch unser Mitgefühl abgestumpft werden könnte. So heißt es bei ihm: »In Ansehung des lebenden, obgleich vernunftlosen Teils der Geschöpfe ist die gewaltsame und zugleich grausame Behandlung der Tiere der Pflicht des Menschen gegen sich selbst weit inniglicher entgegengesetzt, weil dadurch das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abgestumpft und dadurch eine der Moralität im Verhältnisse zu anderen Menschen sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird.«
Bereits Arthur Schopenhauer hat sich vehement gegen diese problematische Ethik Kants gewandt und bildet in dieser Frage ohnehin eine der wenigen positiven Ausnahmen in der Philosophie der letzten 2500 Jahre. Beeinflusst durch Buddhismus und Hinduismus entwickelte er eine Philosophie des Mitleids, lehnte den Anthropozentrismus des Christentums ab und ist von der Einheit allen Lebens überzeugt. Gegen Kant gewendet schreibt er: »Also bloß zur Übung soll man mit Thieren Mitleid haben, und sie sind gleichsam das pathologische Phantom zur Uebung des Mitleids mit Menschen. Ich finde […] solche Sätze empörend und abscheulich. […] Pfui! Über eine solche Parias-, Tschandalas- und Mlekhas-Moral, – die das ewige Wesen verkennt, welches in Allem, was Leben hat, da ist, und aus allen Augen, die das Sonnenlicht sehen, mit unergründlicher Bedeutsamkeit hervorleuchtet.«
Der dreifache Angriff auf die Natur
Aber gehen wir noch einmal gut einhundertfünfzig Jahre zurück. Hier treten drei Denker hervor, ohne deren Wirken die Entstehung der Neuzeit kaum angemessen zu verstehen ist: Galileio Galilei, Francis Bacon und René Descartes. Obschon sie noch gläubige Menschen waren, legten sie den theoretischen Grundstein zum Aufstieg der modernen Wissenschaften mit all ihren positiven und destruktiven Konsequenzen. Es war vor allem Galilei, Lehrender an den Universitäten Pisa und Padua sowie Mathematiker am Hofe der Medici in Florenz, der mit seiner analytischen Methode, das heißt mit dem Aufstellen von Hypothesen und der Ableitung überprüfbarer Folgesätze, das Denken revolutionierte. Was jetzt einzig und allein zählte war das Messbare. Die Qualitäten, sprich alle sinnlichen Erfahrungen, wurden, wie später bei Descartes, aus der Natur verbannt. Auch wenn Galilei den ihm zugeschriebenen Satz »messen was messbar ist und messbar machen, was es nicht ist«, wohl nie gesagt oder geschrieben hat, spiegelt er seine Einstellung doch sehr gut wider. Er kann zweifellos als der Begründer der exakten Forschung gelten, da er vorschlägt, die zu untersuchenden Phänomene zu isolieren und das Subjekt – und die damit verbundenen qualitativen Aspekte – aus der Untersuchung auszuklammern. Die so erzielten Resultate sollen schließlich in allgemeingültige mathematische Formeln gefasst werden. So hat Galilei die seit der Antike vorherrschende Trennung von Technik und Wissenschaft aufgehoben. Die heutige Forschung und die daraus resultierenden technischen Anwendungen sind ohne diese geistige Vorarbeit kaum zu denken.
Darüber hinaus riss er die Grenze zwischen der sublunaren und der supralunaren Welt – den darüberliegenden himmlischen Sphären – ein, indem er durch die Weiterentwicklung des Fernrohrs bewies, dass die Planeten Gestirne sind, wie die Erde auch. Er konnte zeigen, dass der Mond keine glattpolierte Billardkugel ist, sondern ähnlich der Erde eine ungleiche Oberfläche hat. Dadurch zerstörte er das auf Aristoteles zurückgehende Weltbild und entzauberte den »Himmel«, der bis dahin das unerkennbare Reich Gottes war, und machte ihn zum Objekt seiner Forschung. Er entheiligte die Natur und beraubte sie ihrer spirituellen Dimension, indem er sie mit einem Buch verglich, das in der Sprache der Mathematik geschrieben ist. Damit verlagerte sich die Aufgabe, das Wesen Gottes zu erkennen, von der Theologie auf diejenigen, die diese Sprache lesen konnten: die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Der Prophet der modernen Wissenschaften war zweifellos Francis Bacon, Baron von Verulam. Während für die antike Philosophie, vertreten durch Platon und Aristoteles, die reine Theorie und damit die Methode der Deduktion an oberster Stelle standen, wird er zum Begründer einer neuen Methode – der empirischen Methode der Induktion. Er ist somit ein dezidierter Fürsprecher des Experiments. Sein Hauptwerk trägt den selbstbewussten Titel Instauratio magna (die Große Erneuerung). »Denn die Sinne für sich allein«, schreibt Bacon, »sind ein gar schwaches und irrtum-gebundenes Ding. Auch vermögen Werkzeuge zur Erweiterung und Schärfung der Sinne nicht viel; sondern alle richtigere Interpretation der Natur kommt durch Einzelfälle und geeignete durchführbare Experimente zustande; wo der Sinn nur über das Experiment, das Experiment über die Natur und die Sache selbst entscheidet.«
Dabei geht es ihm vor allem um die praktische Nutzbarmachung der aus dem Experiment gewonnenen Erkenntnis. Nicht Wissen um seiner selbst willen, sondern einzig und allein zum Zweck der Naturbeherrschung ist die Devise. Von ihm stammt das berühmt gewordene Diktum, das sich unter anderem in seinen meditationes sacrae findet: et ipsa scientia potestas est (Wissen ist Macht). An anderer Stelle – im ersten Band der Instauratio magna – klingt es ein wenig geschmeidiger: »Scientiae et Potentiae, vere in idem coincidunt« (Wissen und Macht fallen zusammen). Nach Bacon muss man der Natur ihre Gesetzmäßigkeiten abzwingen. Nur indem man sie seziert, zerstückelt und unter Druck setzt, kann man ihr die Geheimnisse entreißen. Das alles selbstverständlich nur zum Wohle der Menschheit. Auch das eine Sichtweise, die sich bis in das heutige Wissenschaftsverständnis durchgehalten hat. Jedes Tierversuchslabor ist hierfür ein beredtes Zeugnis.
Außerdem sprach er der Natur ein Ziel und damit die Zweckhaftigkeit ab. Während Aristoteles noch allen Dingen eine causa finalis zugestand und mit seinem Begriff der Entelechie die Kraft bezeichnete, die allem Lebendigen innewohnt und alle potenziell vorhandenen Möglichkeiten zur Verwirklichung bringen will, leugnete Bacon die Naturteleologie, weil sie für ihn eine unerlaubte Übertragung des zweckgerichteten Denkens und Handelns des Menschen auf die Natur ist. Die beiden Philosophen Robert Spaemann und Reinhard Löw haben gezeigt, dass das eine wissenschaftlich kaum zu haltende Position ist: »Denn wenn Philosophen häufig gesagt haben, Teleologie im eigentlichen Sinne sei nur für menschliches Zweckhandeln die angemessene Deutung, sonst aber eine unzulässige Analogiebildung, so ist das eine wissenschaftlich schwer plausibel zu machende Position. Denn es läßt die Dimension der Finalität mit dem Menschen plötzlich sozusagen vom Himmel fallen und nimmt den Menschen aus dem Naturzusammenhang heraus. Die Alternative ist also die: entweder ist menschliches Zweckhandeln selbst ontologisch sekundär, letzten Endes Produkt einer zufälligen, durch Selektion ausgezeichneten Konstellation deterministischer Kausalprozesse, also teleonomisch interpretierbar, oder aber die kategoriale Struktur des Aus-seins-auf ist auf verschiedenen Stufen der Komplexität konstitutiv für natürliches Sein überhaupt, dieses Sein ist also von Anfang an mehr als pure Positivität und Gegenständlichkeit. Und alle Rekonstruktion von Zielgerichtetheit ist überhaupt nur möglich, weil wir über die Dimension des Aus-seins-auf bereits verfügen.«
Diese Entteleologisierung der Natur durch Francis Bacon wurde gut zweihundert Jahre später durch Charles Darwin und seine Theorie der natürlichen Auslese auf dem Gebiet der Biologie wiederholt. Sie ist wohl eine der folgenreichsten Taten der Philosophie und später der modernen Wissenschaften. Friedrich Engels hat das in Bezug auf Darwin sofort erkannt und schrieb im Dezember 1859 voller Freude an Karl Marx: »Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaputt gemacht, das ist jetzt geschehn.« Und hat man der Natur erst einmal ihre teleologische Verfasstheit und damit auch ihren Eigenwert abgesprochen, ist ihre Zerstörung mit keinerlei ethischen Bedenken mehr verbunden.
Der wohl wirkungsmächtigste Denker im Club der Wissenschaftstheoretiker dieser Zeit ist der 1596 geborene französische Philosoph und Mathematiker René Descartes. Er verschaffte den Gedanken und Theorien Galileis und Bacons die philosophische Grundlage und erhöhte damit ganz gewaltig ihre historische Durchschlagskraft. Descartes teilte die Wirklichkeit in zwei Bereiche, die er res extensa (ausgedehnte Substanz) und res cogitans (denkende Substanz) nannte. Die Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten, die bereits Galilei vorgenommen hatte, erfährt hier eine Radikalisierung. Die Welt wird bei Descartes auf die res extensa, das heißt auf Ausdehnung und Bewegung reduziert, während alle qualitativen Eigenschaften der Welt, wie Farbe, Geruch, Wärme oder Geschmack ausschließlich als lediglich Vorgestelltes in das subjektive Bewusstsein verlagert werden. Damit negiert er die Fülle der menschlichen Erfahrung und lässt die lebendige Wirklichkeit zur bloßen Realität erstarren. So schreibt der englische Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead: »Die Natur ist eine öde Angelegenheit, tonlos, geruchlos und farblos; nichts als das endlose und bedeutungslose Vorbeihuschen von Material. Dies ist das ungeschminkte praktische Ergebnis der tonangebenden wissenschaftlichen Philosophie, mit der das siebzehnte Jahrhundert ausklang.« Tiere werden von Descartes konsequent zu gefühl- und geistlosen Maschinen degradiert. Auch dieses Maschinenparadigma findet sich bis heute in der Biologie. Der britische Neurobiologe und Biochemiker Paul Nurse, der im Jahr 2001 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt, schrieb in seinem 2021 erschienenen Buch Was ist Leben? (und damit vierhundert Jahre nach Descartes): »Die Vorstellung, Zellen, und daher lebende Organismen, seien zwar ziemlich komplizierte, aber letztlich verständliche chemische und physikalische Maschinen, ist gegenwärtig die vorherrschende Auffassung vom Leben.«
Neben die Entheiligung und Entteleologisierung der Natur tritt jetzt also ihre Entgeistigung. Es ist nur konsequent, dass in dieser Philosophie auch die Tiere zu Automaten reduziert werden, ohne Geist, Bewusstsein oder die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden. Es ist somit diese Trias aus Entheiligung, Entgeistigung und Entteleologisierung der Natur, die bis heute das Selbstverständnis der abendländischen Zivilisation prägt und zweifellos die Entfremdung des Menschen von der Natur bis zum Äußersten getrieben hat.
Eine Kultur des Todes
Was die gesamte abendländische Philosophie bis heute kennzeichnet, ist die Abwertung der Natur im Allgemeinen und der Tiere im Besonderen sowie eine eklatante Vernachlässigung von individueller Erfahrung, Empathie, Intuition und Gefühl bei gleichzeitiger Überbewertung der Ratio. Letzteres verbindet sie im Übrigen auch mit den Protagonisten (es handelt sich fast ausschließlich um Männer) der transhumanistischen Bewegung, die unter der Verbesserung des Menschen in der Regel die Verbesserung seiner kognitiven Fähigkeiten verstehen. Von einer Verfeinerung und Intensivierung unseres Gefühls, unserer Empathie, unserer Fähigkeit zur Kooperation oder unserer Liebesfähigkeit ist hier nie die Rede. Dabei wären es genau diese Eigenschaften, die wir so dringend benötigen, um die aktuellen Krisen zu meistern.
Die Folgen dieses defizienten Weltbildes sind heute unübersehbar geworden. Klimawandel, Artensterben, Versauerung, Verschmutzung und Überhitzung der Meere, degradierte Böden, mit Chemikalien und Mikroplastik verunreinigtes Trinkwasser, verschwindende Regenwälder, Massentierhaltung, Tierversuchslabore und so weiter und so fort. Wir haben eine Kultur des Todes und damit eine Unkultur geschaffen. Wir sind eine nekrophile Gesellschafft, die das Tote verehrt und das Lebendige verachtet. Man kann heute ernsthaft die These vertreten, ein Chatbot verfüge möglicherweise über Bewusstsein und Gefühle, ohne dafür ausgelacht zu werden. Aber wer mit Pflanzen spricht, gilt noch immer als esoterischer Spinner. Eine derart lebensfeindliche Zivilisation, die auf der gnadenlosen Ausbeutung der Natur und der Tiere beruht und ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört, ist keine Zivilisation. »Unser Verhältnis zu den Tieren«, schreibt Corine Pelluchon, »ist ein Spiegel, der uns zeigt, wozu wir in den letzten Jahrhunderten geworden sind. In diesem Spiegel sehen wir nicht nur die Schrecken, die unsere Spezies sich bei der Ausbeutung anderer empfindungsfähiger Lebewesen zuschulden kommen lässt, sondern auch das bleiche Gesicht einer Menschheit, die ihre Seele zu verlieren droht.«
Am Ende ist es auch der fast ausschließlich androzentrische Blick auf die Welt, der ganz maßgeblich zur Entfremdung des Menschen von der Natur und damit zu ihrer Zerstörung beigetragen hat. So ist die Krise der Moderne nicht zuletzt eine männliche Krise. Figuren wie Donald Trump, Vladimir Putin, Elon Musk, J.D. Vance, Peter Thiel und wie sie alle heißen mögen, zeigen das gerade in zum Teil monströser Deutlichkeit. Auch Friedrich Merz fügt sich hier hervorragend ein. Aber diese Form toxischer Männlichkeit ist ganz sicher nicht die Zukunft. Oder anders formuliert: wenn das die Zukunft ist, dann haben wir keine mehr.
Gerade in der Philosophie gibt es aber inzwischen viele weibliche Stimmen, die einen völlig anderen Blick auf diese Welt haben. Philosophinnen wie die eben zitierte Corine Pelluchon, daneben Christine Korsgaard, Martha Nussbaum, Angelika Krebs, Barbara Muraca und viele andere zeigen mit Nachdruck, was Philosophie heute im Bereich der Tier- und Umweltethik und darüber hinaus leisten kann. Langsam, aber unaufhaltsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, sondern eingebettet in ein komplexes Netzwerk des Lebens. Es wird höchste Zeit, allen Lebewesen unabhängig von uns einen eigenen, intrinsischen Wert zuzugestehen. Das heißt nichts anderes, als zu erkennen, dass alle Lebewesen von Werten und Zielen geleitet sind. Wir selbst haben Werte und Ziele nicht lediglich aufgrund der Tatsache, dass wir Menschen sind, sondern deshalb, weil Werte und Ziele existieren, die älter sind als wir und sich seit jeher in der Natur manifestieren und offenbaren. Mehr noch ließe sich sagen, dass die Natur – und mit ihr alle Lebewesen – selbst verkörperte Werte repräsentieren. Die alte anthropozentrische und androzentrische Philosophie, die sich kaum mit umweltethischen oder tierethischen Fragen auseinandergesetzt hat, ist Vergangenheit. Die einseitige Fokussierung auf die kalte Ratio, die instrumentelle Vernunft unter Ausklammerung der Erfahrung, der Intuition, der Lebendigkeit, der Empfindsamkeit und der Spiritualität ist tot. Die neue Philosophie, die sich zunehmend durchsetzt, wird unseren Blick auf die Natur grundlegend wandeln. Sie führt zu einer ebenso tiefgreifenden Veränderung unseres Bewusstseins, wie es einst die großen Denker der Vergangenheit bewirkt haben. Es beginnt eine neue Ära des Denkens, die das Leben in all seinen Facetten würdigt.

