Es geht in diesem Kommentar um die Skizze zu einer Idee, den von Hannah Arendt im Sokrates (1954) verteidigten Begriff der Pluralität als einen Perspektivismus zu verstehen, der sowohl das politisch-philosophische Denken als auch den politischen Handlungsraum umfassen soll. Ausgangspunkt ist Arendts Intuition, dass die Sokratische Dialektik einen pluralistischen Modus eines dem politischen Handeln nahen Philosophierens darstellt. Eine einprägsame Passage formuliert eine Version dieser Intuition wie folgt:

»Das politische Element der Freundschaft liegt darin, dass in einem wahrhaftigen Dialog jeder der Freunde die Wahrheit begreifen kann, die in der Meinung des anderen liegt. Der Freund begreift nicht so sehr den anderen als Person – er erkennt, auf welche besondere Weise die gemeinsame Welt dem anderen erscheint, der als Person ihm selbst immer ungleich und verschieden bleibt. Diese Art von Verständnis – die Fähigkeit, die Dinge vom Standpunkt des anderen aus zu sehen […] – ist die politische Einsicht par excellence. Wenn wir die wichtigste Tugend eines Staatsmannes auf traditionelle Weise definieren wollten, könnten wir sagen: Sie besteht darin, die größtmögliche Zahl und die verschiedensten Arten von Wirklichkeiten (nicht von subjektiven Standpunkten, die es natürlich auch gibt, die hier aber nicht interessieren) zu verstehen – zu verstehen, wie diese Wirklichkeiten sich den jeweiligen doxai, den Meinungen der Bürger, eröffnen, und gleichzeitig zwischen den Bürgern mit ihren Meinungen kommunikativ so zu vermitteln, dass die Gemeinsamkeit der Welt erkennbar wird.«[1]

Dass dieser Modus verteidigt werden muss, zeigt sich im Appell, ihn für unsere Gegenwart, der er offenbar verlustig ging, zu aktualisieren. Andererseits zeigt es sich anhand einer bereits mit Platon beginnenden Abspaltung des philosophischen Denkens vom politischen Handeln: Weniger als epistemisches Moment, sondern als realpolitisches Moment, als Erlebnishorizont, begleite diese Abspaltung die Anfänge des europäischen politischen Denkens: Das Scheitern der Sokratischen Überredungskunst im politischen Handlungsraum; die konkrete Lebensgefahr für die philosophische Rede im politischen Diskurs; die Gefahr, dass philosophische Meinungen kein besonderes qualifizierendes Merkmal gegenüber anderen Meinungen ausbilden können und die Beobachtung, dass das Sokratische Meinungsspiel die Meinungen des Gesprächspartners eher zerstört als aufwertet oder festigt – all das führte zu einer Überdachung des Politischen durch die Philosophie, namentlich zur Subsumierung des Politischen unter die Idee eines allgemeinen Guten, oder wie Arendt es ausdrückt, zur Sehnsucht nach »absoluten Maßstäben«, wie sie im Begriff der einen Wahrheit und einem dem bloßen Meinen gegenübergestellten Wissen zum Ausdruck kommt. Resultat sei in aller Radikalität ein anti-pluralistisches ethos bzw. eine demokratieabgewandte philosophische Lebensform (»Tyrannei der Wahrheit«) als »bios theoretikos«, der sich im Hinblick auf den politischen Handlungsraum als zweifacher Verlust darstellt: Erstens ein Verlust der Philosophen, ihre Erkenntnisse den Mitbürgern mitteilen zu können. Er, der aus dem Reich der Ideen zurück in die Höhle kehrt, wird nicht mehr das haben, »was wir den gesunden Menschenverstand nennen würden«. Zweitens besteht dieser Verlust darin, philosophisches Erkennen mit Anderen gemeinsam vornehmen, gemeinsam Staunen zu können: Die Philosophie verliert hier den Dialog als alltägliche Tätigkeit im politischen Raum ebenso wie den Anspruch, eine philosophische Erkenntnis solle unmittelbar dort mitwirken, wo in dieser Gemeinsamkeit ein Gemeinwesen gestiftet, also die gemeinsame Welt gestaltet wird.

In diesem Rahmen, der Gründe gegen und für die Sokratische Dialektik nennt, ist es kaum verwunderlich, dass ihre Verteidigung zunächst ein ganz bestimmtes Missverständnis aus dem Weg räumen muss. Platon verdächtige den Sokratischen Dialog, er bleibe bei einem Spiel der bloß subjektiven Meinungen stehen. Es geht um den Verdacht, es handle sich um die Befürwortung eines Relativismus mit dem Ergebnis, dass alle Meinungen ohne jeden Maßstab ‚gleichwertig‘ nebeneinander stehen bleiben oder zu Gunsten einer Meinung aufgegeben werden. Dieses Aufgeben ist dann aber kein Resultat einer philosophischen Überzeugung, also ein Aufgeben einer Meinung (doxa) zugunsten von Wissen (episteme als wahre, begründete Meinung), sondern schlicht und ergreifend das einer sophistischen Überredung: bloße Meinung gegen bloße Meinung.

Dagegen merkt Arendt an, dass das Ziel des Sokratischen Dialogs aber vor allem darin besteht, eine gemeinsame Grundlage aus den verschiedenen Perspektiven zu gewinnen, also eine Grundlage, die sich aus der Verständigung pluraler Sichtweisen auf die Welt ergibt. Der Pluralismus formiert sich dementsprechend als ein spezifischer Perspektivismus in einem zwischenmenschlichen, einem öffentlichen Raum. Anstatt des Aristotelischen Begriffs des »eikos«, des Wahrscheinlichen, zieht zwischen die eine objektive, absolute Wahrheit einerseits und die bloß subjektiven Meinungen andererseits, nun das Kriterium der Wahrhaftigkeit: Die Perspektive ist eine wahrhafte Meinung. Es geht im Sokratischen Dialog um die gegenseitige Hilfe dabei, Meinungen zu widerspruchsfreien Perspektiven über die Welt zu machen. Dabei macht es nur Sinn von einer Perspektive, also von einem ‚Blick-Winkel‘ zu reden, wenn dabei andere Perspektiven bereits mitgedacht werden. Eine Perspektive versteht sich nur als Perspektive, wenn sie sich gegen andere abgrenzt oder sich ihnen annähert, über das Gemeinsame, das darin liegt, dass wir trotz unterschiedlicher Stellung in der Welt »du und ich beide Menschen sind«. Diesem »Gemeinsamen« kommt im Sokrates darüber hinaus kaum mehr Inhalt zu.[2] Es soll an dieser Stelle lediglich daran erinnern, dass der Wert von Vielfalt und Verschiedenheit im öffentlichen Raum weniger von einem epistemisch strengen Wahrheitskriterium als vielmehr von den Kriterien des Zusammenlebens abhängt, das vor allem ein Zusammenhandeln und Zusammensprechen ist.

Das Gemeinsame ist das Maß für die Wahrhaftigkeit einer Perspektive. Es garantiert meiner Weltansicht, dass sie im Dialog weder als bloße Meinung relativiert oder zugunsten einer objektiven Wahrheit aufgegeben werden muss. Es geht andererseits darum, mit dem Sokratischen Dialog eine »Fähigkeit« zu fördern, »die Dinge vom Standpunkt des Anderen aus zu sehen«, ohne diesen Standpunkt mit der eigenen Meinung zu relativieren, und ohne sie unter dem Anspruch einer höheren Wahrheit zu verabsolutieren. Sein Prinzip ist die freundschaftliche Annäherung der Perspektiven hin auf eine gemeinsame Welt, ohne dass die unterschiedlichen Blickwinkel auf die Welt dabei verloren gehen.[3] Denn Jemandem näher zu kommen, heißt nicht, mit ihm deckungsgleich zu werden. Die Annäherung an den Anderen erfolgt im gemeinsamen Dialog immer auf der Grundlage meiner gewissenhaften Selbstprüfung (einer im Selbstgespräch ausgehandelten, eigenen Widerspruchsfreiheit)[4], die mir überhaupt erst das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gibt, mich ohne »Angst« den Weltansichten anderer zu öffnen und meine Weltansicht zu eröffnen, und zwar durchaus mit einem sowohl für mich wie für ihn/sie kritischen, das heißt stets revidierbarem Anspruch.

Die Sokratischen Dialogpartner bilden bei der Verständigung verschiedener Weltansichten daher in erster Linie keinen Modus des Antwortens, sondern des Fragens, also des ständigen Irritierens, des Immer-wieder-Versicherns, des Enthüllens des Wahrhaftigen in den bloß subjektiven Meinungen. Dabei ist der Verweis, es handle sich um eine »Hebammenkunst« mehr als ein allegorischer, sondern eine tatsächliche Gleichsetzung mit einer politischen Aktivität: Der sokratische Austausch ist eine Kunst, eine politische téchne und Aktivität, die hilft, das Wahrhafte, das Gemeinsame in den Weltansichten ans Tageslicht (in die Öffentlichkeit) zu bringen. Wenn der Philosoph hier ein Geburtenhelfer ist, dann hat er alles andere im Sinn als bloße paternalistische »Überredungskunst«. Und mit Michel Foucault möchte man ergänzen, dass es sich nicht um eine paternalistische Sorge des Philosophen um den Anderen handelt, sondern um eine Sorgepraxis, die dem anderen dabei hilft, sich um sich selbst, sich selbst um die Wahrhaftigkeit seiner Meinung sorgen zu können.[5]

Deshalb geht es mehr um ein sorgendes Fragen als um ein überfürsorgliches Antworten. Das betont Arendt auch, wenn sie sagt, dass diese sokratische Verständigung ein ergebnisoffener Prozess ist, der sich am freundschaftlichen Prinzip der Angleichung an Gemeinsames, an die Bildung eines »Gemeinwesens« orientiert. Die Idee ist, dass das Gespräch unter Freunden über die Gemeinsamkeiten der Weltansichten letztlich diese Gemeinsamkeit nicht nur aushandelt, sondern stiftet – und das ist eben ein politisches und aktives Element innerhalb eines philosophischen Denkens. Die andauernde Veränderung dieses Gemeinwesens, sofern es eine notwendige Grundlage dafür ist, um auf die sich ständig ändernden zwischenmenschlichen Verhältnisse reagieren und mit ihnen agieren zu können, setzt also voraus, dass die freundschaftliche Annäherung der Verschiedenheiten ein andauernder Prozess bleibt, der von keinem normalisierenden und uniformierenden Machtmechanismus an ein totales Ende getrieben werden darf. Die dadurch verschwundene Pluralität hinterließe in der Tat jene starre und bewegungslose Masse angeketteter Höhlenmenschen aus der Politeia. Der Arendtsche Perspektivismus erscheint dann ironischerweise als recht alternativlos.

In einer Gegenwart, deren öffentliche und politische Diskurse sich weltumspannend mit der Erstarkung eines populistischen Meinens oder der Integration szientifischer Objektivität auseinandersetzen müssen, bietet Arendts Idee einer perspektivischen Pluralität den zentralen Ort einer Werkschau an, die nach der Aktualität ihrer Gedanken fragt. Womöglich ist die Pluralität im politischen Denken der Philosophie sogar die Grundintuition in Arendts Oeuvre, von der aus viele Schwerpunkte insbesondere der Vita activa, der Fragmente Was ist Politik?, dem Essay Die Freiheit, frei zu sein und dem Artikel Freiheit und Politik aktuell werden: Die Pluralität versucht die Spaltung zwischen Handeln und Denken zurückzubinden; sie macht deutlich, was spontanes Handeln in seiner kreativen Offenheit gegenüber heteronomen, uniformierenden Geschichtsverläufen und sowohl finalistischen und mechanistischen (ziel- und wirkkausal determinierten) Prozessen überhaupt ausmacht. Der Gedanke der Pluralität begleitet ebenfalls den Versuch, die Freiheit zurück aus dem Primat der Willens- und Denkfreiheit an die Handlungsfreiheit zu koppeln. Die Pluralität hebt auch die Bedeutsamkeit des öffentlichen Raumes hervor (gerade gegenüber dem Privaten und Individualistischen) und sie verstärkt als positiver Gegenpol die Aversion gegenüber den Elementen totalitärer Herrschaft. Kurz um, die perspektivische Pluralität ist aufschlussreich für die werkimmanenten Begriffe »Handlung«, »Geschichte«, »Freiheit«, »Politik« und »Macht«.

Quellen:

  • Arendt, Hannah: Die Freiheit, frei zu sein (10. Auflage). München: dtv, 2019.
  • Arendt, Hannah: Freiheit und Politik. In: Die neue Rundschau 69, Heft 4, 1958, S. 670 – 694.
  • Arendt, Hannah: Apologie der Pluralität (4. Auflage). Berlin: Matthes & Seitz, 2019.
  • Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben (20. Auflage). München: Piper, 2019.
  • Arendt, Hannah: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass: München: Piper, 1993.
  • Foucault, Michel: Hermeneutik des Subjekts. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009.

[1] Sofern nicht anders ausgewiesen, verweisen alle Zitate auf: Hannah Arendt: Sokrates. Apologie der Pluralität (4. Auflage). Berlin: Matthes & Seitz, 2019.

[2] Dafür aber zweifellos in der Vita activa, vor allem im Abschnitt »Der öffentliche Raum: Das Gemeinsame« wird der Begriff der Perspektive insbesondere im Hinblick auf seine ständige Differenzdynamik zwischen Verschiedenheit und Gemeinsamkeit (Distanzierung und Annäherung) pointiert: »Nur wo Dinge, ohne ihre Identität zu verlieren, von Vielen in einer Vielfalt von Perspektiven erblickt werden, so daß die um sie Versammelten wissen, daß ein Selbes sich ihnen in äußerster Verschiedenheit darbietet, kann weltliche Wirklichkeit eigentlich und zuverlässig in Erscheinung treten.« (S. 72)

[3] Womöglich kann man sogar sagen, es geht bei der wahrhaften Meinung nicht um eine Erkenntnis, sondern um ein Bekenntnis, um eine dem anderen als glaubwürdig vermittelte Meinung.

[4] Im Sokrates spricht Arendt von der sogenannten »Pluralität-in-mir« und darüber, dass ich »mit mir selbst zusammenstimme« als Bedingung dafür, überhaupt erst in einem gemeinsamen Dialog treten zu können, der das besagte perspektivische Ziel verfolgt.

[5] Dieser Gedanke durchzieht im Grunde die gesamte Hermeneutik des Subjekts, wenn es um die Charakterisierung der sogenannten antiken »Sorge um sich selbst« geht.

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René Pikarski wird derzeit an der Hochschule für Philosophie in München am Lehrstuhl für Praktische Philosophie mit dem Schwerpunkt Völkerverständigung (Prof. Dr. Michael Reder) promoviert und schreibt seine Dissertation zur Philosophie von Henri Bergson und Michel Foucault hinsichtlich der Frage nach einem biophilosophischen Intuitionsbegriff für gegenwärtige sozialkritische Diskurse und für ethopoietische Prozesse. In Berlin arbeitet er als Moderator und Autor zur Aufarbeitung des deutschen Filmerbes, insbesondere des DEFA-Filmbestandes und ist u. a. Redakteur des Journals der DEFA-Stiftung.

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