Trotz aller Verlautbarungen auf ungezählten Klimagipfeln steigen die CO2 – Emissionen weltweit nach wie vor an. Es gab lediglich eine kurze Unterbrechung durch die Finanzkrise im Jahr 2008/2009. Und in diesem Jahr wird das Coronavirus wohl eine kleine Kerbe in der nach oben zeigenden Kurve hinterlassen.

Die letzte UN-Klimakonferenz 2019 in Madrid hat ein weiteres Mal gezeigt, dass die Welt offensichtlich nicht fähig und nicht willens ist, sich auf wirksame CO2-reduzierende Maßnahmen zu einigen. Und wie sollte es auch anders sein? Mittlerweile setzen die meisten Länder auf ein System, das davon lebt, immer mehr zu produzieren, um die mittels gigantischer Marketingmaßnahmen künstlich geschaffenen Bedürfnisse von immer mehr Menschen zu befriedigen. Dass diese kapitalistisch-technische Zivilisation nicht überlebensfähig ist, da sie ihre eigenen Grundlagen aufzehrt, sollte in der Zwischenzeit eigentlich auch der oder die Dümmste verstanden haben. Leider glaubt eine Mehrheit der Menschen, vor allem in den wohlhabenden Ländern des Westens, noch immer an dieses »Erfolgsmodell«, das seinen Reichtum in Wahrheit der Zerstörung der Natur und der Versklavung von Millionen von Menschen verdankt. Bedauerlicherweise haben auch die meisten sogenannten Schwellenländer, wie China, Brasilien, Mexiko und viele andere, dieses destruktive Wirtschaftssystem adaptiert.

Den Keim für einen Neuanfang legen

Einer, der den Glauben an ewiges Wachstum und Fortschritt hinter sich gelassen hat, ist der englische Philosoph Rupert Read. Read lehrt Philosophie an der University of East Anglia in Norwich, ist Mitglied der britischen Grünen und seit 2018 aktiv bei der Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion (XR). Im Gespräch mit dem Nachhaltigkeitsforscher Samuel Alexander analysiert er den gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft und kommt zu dem Schluss, »dass diese Zivilisation sich im Niedergang befindet. Sie wird nicht fortdauern. Sie kann nicht, denn sie zeigt keine Anzeichen dafür, dass sie die radikale Klimakrise – geschweige denn die umfassende ökologische Krise – als das wahrnimmt, was sie ist: als umfassenden, globalen Notstand, als existentielle Bedrohung.«

Wir müssten jetzt, so Read, den Keim dafür legen, dass diese Gesellschaft nach ihrem unvermeidlichen Zusammenbruch in der Lage ist, aus den Trümmern dieser Zivilisation etwas Neues und möglichst Besseres zu schaffen. Diese fundamentale Anpassung an radikale Veränderungen nennt Read deep adaptation. Ein Begriff, der auf den Aufsatz Deep Adaptation: A Map for Navigating Climate Tragedy des Nachhaltigkeitsforschers Jem Bendell aus dem Jahr 2018 zurückgeht. Diese deep adaptation, so Read, umfasst dabei die sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke sowie die Sicherung des bereits produzierten Atommülls. Auch beinhaltet sie die Ablehnung jeder Form des Geo-Engineerings. Denn nach dem Zusammenbruch wird es niemanden mehr geben, der die hochkomplexen Eingriffe in die Natur noch steuern könnte. Und somit wäre es »zutiefst unverantwortlich, zu diesem Zeitpunkt der Geschichte Technologien auszubauen, die den fortlaufenden Einsatz von Hightech oder hohe Organisationsstandards benötigen, um sicher zu sein.«

(Foto: Meiner Verlag)

Read wendet sich generell gegen den Fortschrittsglauben des Humanismus und ist nicht davon überzeugt, dass die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte wirkliche Fortschritte gemacht hat. Die Jäger – und Sammler-Kulturen, so Read, verfügten über viel Freizeit und litten keinen Mangel. Erst mit Beginn der neolithischen Revolution hätten die Probleme, mit denen wir bis heute konfrontiert sind, ihren Anfang genommen. In diesem Zusammenhang kritisiert er vor allem den Glauben an die Technik und ihre vermeintlich erlösende Funktion. Auch das weitgehende Fehlen einer spirituellen Dimension, die dem Humanismus und vor allem der Aufklärung zum Opfer gefallen ist, sieht Read als ein fundamentales Problem moderner Gesellschaften. Denn für ihn ist die gegenwärtige Krise nicht zuletzt auch eine spirituelle Krise und der »Begriff des Glaubens kann und sollte in dieser Diskussion eine Schlüsselrolle spielen.«

Read plädiert für die Schaffung regionaler Strukturen

Leider wirft Read in diesem Zusammenhang kaum einen Blick auf die Habenseite der humanistischen Bilanz. So sorgt er sich bei der bevorstehenden gesellschaftlichen Transformation vor allem darum, ob es möglich sein wird das Internet zu bewahren und erwähnt mit keinem Wort Errungenschaften der Moderne, wie Demokratie, Menschenrechte, unabhängige Justiz, Religionsfreiheit und vieles andere mehr, die zu erhalten doch mindestens ebenso erstrebenswert wären, um es bescheiden zu formulieren.

Ähnlich wie der Wirtschaftswissenschaftler und Postwachstumsökonom Niko Paech (das Interview finden Sie hier) sieht Read in der Schaffung regionaler Strukturen eine Möglichkeit, der ökologischen Katastrophe etwas entgegenzusetzen. Denn so könne man sich von den immer komplexer und gegenüber äußeren Störungen anfälliger werdenden Produktions- und Lieferketten unabhängig machen. Wir müssen, so Read, »damit beginnen, uns lokale Orte vorzustellen, die wieder weitgehend selbstversorgend sind und sich selbst verwalten. Wir müssen in diesem Sinne wirklich die Kontrolle wiedergewinnen.« Hier stellt sich allerdings die Frage, wie übergeordnete Institutionen, wie zum Beispiel im Bereich der Rechtsprechung, aber auch Institutionen auf multinationaler Ebene, transformiert und erhalten werden könnten. Davon abgesehen besteht die Gefahr, dass die von Read favorisierten »selbstverwalteten lokalen Orte« Provinzialität oder im schlimmsten Fall nationalistische Tendenzen fördern, und so der Idee einer weltoffenen Gesellschaft entgegenstehen. Die entscheidende und wirklich fundamentale Frage, wie wir die Errungenschaften der Moderne durch die Transformation unserer Gesellschaft hindurch retten können, bleibt so unbeantwortet.

Beiden Autoren ist dabei klar, dass eine Analyse allein auf Konsumentenseite nicht weiterführt. »Sie reflektiert liberal-individualistische Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft, die entpolitisierend wirken und eine wirkliche Veränderung unmöglich machen.«  Durch verändertes Verhalten allein auf individueller Ebene seien demnach keine tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen zu erwarten. Diese wichtige Erkenntnis unterscheidet die beiden wiederum deutlich von Niko Paech, der sich vom Glauben an die Gestaltungskraft der Politik gänzlich verabschiedet hat und ausschließlich das Individuum zum Subjekt der gesellschaftlichen Transformation erklärt.

Das System muss »zerlegt« werden

Read wendet sich auch gegen die (ohnehin nur halbherzigen) Versuche, den ärmeren Teil der Menschen auf unser Konsumniveau zu heben. Sondern »wir sollten eher darüber nachdenken, wie wir das System zerlegen können, als darüber, wie der Reichtum geteilt werden könnte.« Er hat in diesem Zusammenhang klar erkannt, dass die Armut in vielen Ländern nicht zuletzt auch ein Produkt unseres Wirtschaftssystems ist und somit nicht mit dem Instrumentarium beseitigt werden kann, durch das sie doch eigentlich erst entstanden ist.

An dieser Stelle hätte der Autor ergänzend erwähnen können, dass Wohlstandsgesellschaften immer und ohne Ausnahme Externalisierungsgesellschaften sind. Sie sind fundamental darauf angewiesen, sowohl einen Teil ihrer Abfallprodukte als auch schmutzige Arbeit und umweltschädigende Produktionsmethoden in andere und in der Regel ärmere Länder auszulagern. Wenn diese Länder nun ihrerseits beginnen in dieser Art und Weise zu wirtschaften, gibt es keine Räume mehr, in die externalisiert werden könnte. Schon aus diesem Grund ist dieses Modell zum Scheitern verurteilt. Und Read liegt absolut richtig mit seiner Forderung, dieses, Mensch und Natur verachtende, Wirtschaftssystem zu zerschlagen. (Der Soziologe Stephan Lessenich hat hierzu ein wegweisendes Buch geschrieben: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis).

Read glaubt an die Chance in der Krise

Auch wenn Read der Überzeugung ist, dass diese Zivilisation scheitern wird, hat er doch kein hoffnungsloses Buch geschrieben. Denn er glaubt zumindest noch daran, dass sie nicht unvermeidlich im völligen Chaos enden muss. Er hält es für durchaus möglich, dass die Menschen in der Lage sind, »den Keim für (eine) zukünftige Nachfolge-Zivilisation(en) zu legen.« Allerdings müssten wir in diesem Fall dazu bereit sein, uns der Wahrheit zu stellen. Denn die ökologische Krise würde auch die große Chance für tiefgreifende Veränderungen beinhalten, da in Krisensituationen, so der Autor optimistisch, die besten Seiten des Menschen zutage treten und »dass es in der entstehenden weniger geordneten Situation eine sehr reale Chance dafür gibt, dass wir zueinander und zu einer tieferen Zusammengehörigkeit finden.« Darin besteht die Hoffnung des Philosophen und er verschweigt wohlwollend, dass der Mensch in Krisen ebenso seine schlechtesten Seiten zeigt.

Darüber hinaus ist dieses Buch nicht zuletzt auch ein Appell, sich der fortgesetzten Zerstörung unseres Planeten aktiv entgegenzustellen. »Wir müssen uns erheben und ihn auf angemessene Weise verteidigen.« Und solange das bestehende Recht »uns und unsere Kinder auf die Verwüstung verpflichtet«, so Read, seien wir auch nicht verpflichtet, diesem Gesetz uneingeschränkt zu gehorchen. In diesem kaum verklausulierten Aufruf zum zivilen Ungehorsam zeigt sich auch in aller Deutlichkeit der Aktivist und Sprecher von Extinction Rebellion.

Höchste Zeit, diesem Aufruf zu folgen.

Rupert Read/Samuel Alexander: Diese Zivilisation ist gescheitert. Meiner Verlag, Hamburg 2020, 134 Seiten, 14,90 Euro

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