Die Wissenschaften, und in ihrem Gefolge die Technik, sind in einigen Bereichen zweifellos ein Segen für die Menschheit. Doch dass sie sich auch sehr schnell in einen Fluch verwandeln können, weiß man spätestens seit dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945.

Heute sind es neun Länder, die über Atomwaffen verfügen. Obwohl auch das schon eine erhebliche Gefahr für die Menschheit darstellt, lässt sich diese Bedrohung noch relativ gut kontrollieren, da es sich um nur wenige staatliche Akteure handelt. Was aber, fragt sich der Philosoph Nick Bostrom, wenn die Wissenschaftler eines Tages eine Erfindung machen sollten, die es vielen unterschiedlichen Akteuren erlaubt, mit wenig Aufwand eine Massenvernichtungswaffe herzustellen, sei es atomar, biologisch oder chemisch? Und was tun wir, wenn sich die technologischen Rahmenbedingungen derart verändern, dass ein vernichtender atomarer Erstschlag für einen einzelnen Staat wieder attraktiv würde? Und natürlich geht es in diesem Buch auch um die Klimakrise, die von einer Vielzahl von Akteuren verursacht wird und die ebenfalls, wenn auch auf längere Sicht, zur Auslöschung der Menschheit führen könnte. Diesen gesamten Komplex nennt der Autor die »Verwundbare-Welt-Hypothese«.

Bostrom ist Professor an der Universität Oxford und Direktor des Future of Humanity Institute sowie des Programme on the Impact of Future Technology. In seinem aktuellen Buch geht es ihm vor allem darum, Möglichkeiten zu untersuchen, die solche die Welt bedrohenden Szenarien erst gar nicht Wirklichkeit werden lassen. Er plädiert deshalb besonders für die verstärkte Zusammenarbeit der Staaten (Global Governance) und hier kann man dem Autor noch vorbehaltlos zustimmen. Denn schon der sich verschärfende Konflikt zwischen Amerika und der aufstrebenden Weltmacht China birgt ein enormes Gefahrenpotenzial. Auch der dauernde Konflikt mit Russland und Nordkorea, ist nur durch Global Governance in den Griff zu bekommen. Dazu kommen die immer sichtbarer zu Tage tretenden Probleme der Globalisierung, die ebenfalls nur durch die konstruktive Zusammenarbeit der Länder gelöst werden können. Und der Klimakrise kann ebenfalls nur multilateral begegnet werden.

»Freiheitskettchen« und das Ende des liberalen Rechtsstaates

Verwundert reibt man sich allerdings die Augen über Bostroms Vorschlag, die präventive Polizeiarbeit radikal auszubauen. Denn genauer gesagt schwebt dem Autor hier ein System der Totalüberwachung der Bürger vor. Und wie das Ganze im Detail aussehen soll, hat sich der findige Philosoph auch schon überlegt:

»Das Freiheitskettchen […] wird um den Hals getragen und ist mit multidirektionalen Kameras und Mikrophonen ausgestattet. Verschlüsselte Bild- und Tonsignale werden unabhängig vom Gerät in die Cloud hochgeladen und in Echtzeit interpretiert. KI-Algorithmen klassifizieren die Aktivitäten des Trägers, seine Handbewegungen, Objekte in der Umgebung und andere situative Hinweise. Bei verdächtigen Aktivitäten werden die Daten an eine von mehreren Überwachungsstationen weitergeleitet […]. Dort überprüft eine Freiheitsbeauftragte den Videofeed auf mehreren Bildschirmen und hört sich den Ton über Kopfhörer an. Dann ergreift sie eine geeignete Maßnahme […].« Das Ganze beinhaltet selbstverständlich auch die vorsorgliche Inhaftierung verdächtiger Personen. Und an den Schutz der Privatsphäre ist auch gedacht: Durch eine »automatische Verpixelung des Intimbereichs.«

Das alles wäre nicht weniger als die Ersetzung des liberalen Rechtsstaates durch einen totalitären Polizei- und Überwachungsstaat, gegen den sich die existierenden totalitären Regime, was die Überwachung ihrer Bürger*innen betrifft, vergleichsweise harmlos ausnehmen. Und da man mit der Errichtung eines solchen Staates nicht erst warten sollte bis etwas passiert, müsste, so Bostrom, »die intensive Kontrolle quasi sofort erfolgen.«

Das ist nicht nur inhaltlich abstoßend, sondern auch sprachlich. Wenn Bostrom die Vorrichtung zur Kontrolle der Menschen »Freiheitskettchen“ nennt und die Stasi- oder Gestapobeamtin »Freiheitsbeauftragte«, bedient sich Bostrom hier einer Sprache, die in George Orwells berühmtem Roman 1984 »Neusprech« hieß. In einer Zeit, in der gerade wieder Sprache dazu missbraucht wird, Lügen als Wahrheit auszugeben, fragt man sich während des Lesens, ob der Mann das alles wirklich ernst meint oder schlicht und ergreifend seinen philosophischen Verstand verloren hat?

Bostrom verzichtet auf eine Analyse der Problemursachen

Noch dazu befänden wir uns, so Bostrom, in einem »semi-anarchischen Ausgangszustand«, der durch drei Eigenschaften gekennzeichnet ist: Mangelnde Überwachung, unzulängliche Kooperation auf staatlicher Ebene und unterschiedliche Motive einer Vielzahl von Akteuren. Einen liberalen und freiheitlichen Staat, der nicht auf die totale Überwachung seiner Bürger setzt, als semi-anarchisch zu diskreditieren zeigt, in welche Richtung Bostroms Denken offensichtlich tendiert.

Ärgerlich ist auch, dass alle von Bostrom vorgeschlagenen Maßnahmen nur darauf abzielen, die Symptome einer destabilisierten Gesellschaft in den Griff zu bekommen. Er thematisiert an keiner Stelle, dass ein großer Teil des Gefährdungspotenzials auf diesem Planeten in einer zutiefst ungerechten Weltordnung liegt. Dazu kommt, vielleicht noch wesentlicher, die Nichtanerkennung und Entwürdigung breiter Bevölkerungsschichten und ganzer Völker durch eine fehlgeleitete Globalisierung und die daraus entstehenden Ressentiments. Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat zu diesem Thema erst vor kurzem ein lesenswertes Buch veröffentlicht. (Identität, Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Hoffmann und Campe 2019) Es wäre demnach die erste Aufgabe der Staatengemeinschaft, eine Welt zu schaffen, die den entsprechenden Akteuren keine oder zumindest weniger Gründe liefert, diese Zivilisation zu schädigen oder gar zerstören zu wollen.

Zumindest was die Kontrolle der Wissenschaften betrifft, hat Bostrom am Ende seiner zum Teil kruden Ausführungen eine Idee: »Anstatt also eine äußerst effektive präventive Polizeiarbeit oder eine starke Global Governance direkt realisieren zu wollen, könnte man versuchen, diejenigen Bereiche zu immunisieren, in denen schwarze Kugeln [so nennt der Autor menschheitsbedrohende Erfindungen] am ehesten auftauchen mögen. So könnten beispielsweise biotechnologische Aktivitäten strenger kontrolliert werden, indem bessere Möglichkeiten zur Nachverfolgung wichtiger Materialien und Gerätschaften entwickelt und Forscher in den Laboratorien überwacht werden.«

Wir dürfen nicht alles tun, was wir können

Kein wirklich origineller, aber doch ein halbwegs konstruktiver und vor allem realisierbarer Vorschlag. Abgesehen davon ist es ja nicht so, als würde es keinerlei ethische Standards in den Wissenschaften geben. Der chinesische Biophysiker He Jiankui, dem es im Jahr 2018 wohl gelungen ist, das Erbgut zweier Kinder noch im Embryonalstadium zu modifizieren, ist dafür zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt und mit Berufsverbot belegt worden. Unbestritten bleibt aber, dass die ethischen Maßstäbe und ihre Überwachung in vielen Bereichen noch unzulänglich sind. Die Schaffung eines verbindlichen ethischen Rahmens in den Wissenschaften und die Einhaltung und Überwachung moralischer Standards bleibt in der Tat eine der großen Herausforderungen der Zukunft.

Mehr noch, muss es generelle Grenzen für die Forschung geben. Wir dürfen nicht alles tun, was wir können. Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker hat sich bereits 1979 in einem sehr weitsichtigen Essay dazu geäußert: »Aber der Mensch kann nicht bestehen, wenn er den Unterschied von Spiel und Ernst nicht begreift: das nennt man Erwachsensein. Alles zu machen, was technisch möglich ist, ist ein letztlich untechnisches Verhalten, eine Kinderei. Erwachsener Gebrauch der Technik verlangt die Fähigkeit, auf technisch Mögliches zu verzichten, wenn es dem Zweck nicht dient. Es verlangt Selbstbeherrschung. Technik ist als Kulturfaktor nicht möglich ohne die Fähigkeit zur technischen Askese.«

Von diesem Niveau der Auseinandersetzung mit derart schwierigen Fragen ist Nick Bostrom allerdings weit entfernt. Doch bei aller Kritik gebührt dem Autor zumindest das Verdienst, noch einmal ausdrücklich auf die Gefahren aufmerksam gemacht zu haben, die von einer nicht oder nur mangelhaft kontrollierten Wissenschaft ausgehen. Wie der letzte Vorschlag des Autors bereits andeutet, gibt es – neben Global Government – andere Möglichkeiten, die zukünftigen Probleme der Wissenschaften in den Griff zu bekommen, ohne gleich die ganze Menschheit in Ketten zu legen.

Nick Bostrom: Die verwundbare Welt. Eine Hypothese. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 112 Seiten, 12 Euro

close
Vorheriger Artikel»Das Etikett des Humanismus abstreifen«
Eckart Löhr ist Initiator und verantwortlicher Redakteur des re-visionen Magazins und lebt als freier Publizist in Essen. Beiträge für: Neue Zürcher Zeitung (NZZ), Spektrum der Wissenschaft, Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, Psychologie Heute, Tabularasa Magazin, Literaturkritik, Kritische Ausgabe, re-visionen Magazin, Titelmagazin sowie Veröffentlichungen im Deutschen Wissenschafts-Verlag und im Patmos Verlag. Seine thematischen Schwerpunkte liegen im Bereich Umweltethik, Ökologie und Biophilosophie.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Kommentar hinterlassen
Name einfügen