Die gegenwärtige Situation der Menschheit verlangt von uns Verzicht, Askese im Großen bei der Planung künftiger Gesellschaftssysteme, Askese der reichen Länder zugunsten der Entwicklungsländer, sie verlangt aber auch von jedem einzelnen eine neue Einstellung zum Kultur- und Zivilisationsprozeß (…)«. Auch wenn es so klingt, ist das noch nicht Niko Paech oder Manfred Folkers, sondern ein Zitat aus dem Buch Fortschritt durch Verzicht von Friedrich Cramer, erschienen im Jahr 1975!

Drei Jahre später veröffentlicht der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker das Essay Gehen wir einer asketischen Weltkultur entgegen? und stellt darin die Frage, »ob nicht von uns allen eine grundsätzliche Verweigerung gefordert ist, eine radikale Abwendung von der konsumtiv-technokratischen zu einer asketischen Kultur?«

Doch wie wir alle wissen, sind diese Forderungen nach Verzicht im weiten Raum der konsum- und wachstumsorientierten Gesellschaft ungehört verhallt. Mehr noch, haben wir heute ein Konsum- und Wohlstandsniveau erreicht, das sich Anfang der Siebzigerjahre noch kaum jemand auch nur im Entferntesten vorstellen konnte.

Der Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech hat jetzt zusammen mit Manfred Folkers ein Buch geschrieben, in dem die beiden Autoren noch einmal versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass die einzige Möglichkeit für ihr Überleben in einer suffizienten, das heißt genügsamen Lebensführung liegt. Die Autoren kommen dabei aus völlig unterschiedlichen Lebensbereichen. Manfred Folkers arbeitet seit vielen Jahren als Dharma-Lehrer und hat bereits zwei Bücher zum Thema Achtsamkeit und Entschleunigung veröffentlicht. Niko Paech bezeichnet sich selbst als Postwachstumsökonomen und hat eine außerplanmäßige Professur für Plurale Ökonomik an der Universität Siegen inne. Im Jahr 2012 erschien sein viel rezipiertes Buch Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie.

Manfred Folkers plädiert für eine säkulare Spiritualität

So unterschiedlich die Biografien der beiden Autoren sind, so treffen sie sich doch in einem Punkt: Für beide ist die Veränderung des individuellen Verhaltens die alleinige Voraussetzung für die Veränderung der Gesellschaft. Folkers plädiert dabei für eine säkulare Spiritualität, die er im Buddhismus zu finden glaubt. Er sieht die Ursachen der Krise der Moderne in Gier, Hass und Verblendung. Unter Hass versteht Folkers dabei den Kampf aller gegen alle in der Konkurrenzwirtschaft. Verblendung bedeutet für ihn die Verdrängung der negativen Folgen unserer Handlungen.

Auch wenn Folkers vor allem auf die Veränderung des persönlichen Verhaltens setzt, scheint er doch zu wissen, dass Suffizienz nicht nur eine private Angelegenheit des Einzelnen sein kann, sondern auch politische Strukturen verändert werden müssen. Allerdings taucht diese im vorangestellten Interview mit dem Journalisten Barthel Pester geäußerte Erkenntnis im weiteren Verlauf seiner Ausführungen nicht mehr auf. So verbleibt bei ihm alles auf der Ebene des Persönlichen. Er glaubt an einen »vernünftig geplanten und freiwillig durchgeführten großen Wandel.« Die Voraussetzung für diesen Wandel liegt für Folkers in einer Lebensführung, die von Achtsamkeit und Innerlichkeit geprägt ist. Eine Möglichkeit diese Achtsamkeit zu lernen, sieht er unter anderem in der Praxis der Meditation.

Für Folkers liegt die Lösung der ökologischen und sozialen Probleme im »konsequenten und solidarischen Miteinander unter Einbeziehung der Erde und der Zukunft.« Dabei geht er, wie es auch Buddha getan hat, von der »vollständigen Verbundenheit des Menschen mit der Natur« aus. Dass der Mensch aufgrund seines besonderen ontologischen Status, der in seiner Selbstreflexivität und Freiheit gründet, der Natur auch zwangsläufig fremd gegenübersteht, spielt in seinen Überlegungen keine Rolle. Das ist schade, denn genau hier würde es anfangen interessant zu werden.

Er hat immerhin erkannt, dass wir ein neues Wirtschaftssystem finden müssen, das aber gleichzeitig die Errungenschaften der Moderne bewahrt. Die zentrale Forderung Folkers` ist somit die nach »genug«. Doch diese »Kultur des Genug« könne, so Folkers, nur vom Individuum verwirklicht werden. »Von der Gier-Wirtschaft ist in dieser Hinsicht allerdings kein Beitrag zu erwarten, denn sie hat keinen Plan B. Obwohl sie am Abgrund steht, sucht sie nicht einmal danach. Sie sieht sich weiterhin ohne Alternative.«

Außerdem plädiert er für eine Reduktion des grenzenlosen Individualismus zugunsten von Gemeinsamkeit. Er hofft dabei, dass die »Suche nach behutsameren Formen des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Miteinanders nicht aus Furcht vor dem Crash, sondern aus der Attraktivität der neuen Perspektive entsteht.« Dabei ist Folkers ehrlich genug zu sagen, dass auch er nicht weiß, wie eine Alternative zur Wachstumsgesellschaft aussehen könnte und ahnt, dass das ein »anspruchsvolles Projekt« sein wird. Und so vertraut Folkers letztlich auf die spirituelle Kraft der Menschen und ihrer Fähigkeit zu eigenverantwortlichem Handeln. Wie »eigenverantwortlich« Menschen handeln, konnte man gerade live in den deutschen Supermärkten beobachten.

Am Ende schreibt Folkers auch konsequent: »Es reicht, absichtslos das Beste zu geben. Freundlich und authentisch agieren und sich unaufdringlich und mit Gleichmut in eine Kommunikation oder Zusammenarbeit einbringen – das ist wahrlich genug (…).« »Nein, ist es nicht!«, möchte man ihm hier gerne hinterherrufen. Sein Vorschlag bleibt ein zwar gut gemeintes und wichtiges, aber letztlich unzureichendes Mittel zur Lösung der gewaltigen Probleme, mit denen wir sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene konfrontiert sind. Hier sieht es doch sehr danach aus, als unterläge Folkers, wie viele spirituelle Menschen, dem Irrglauben, es würde ausreichen das eigene Verhalten zu ändern, um die Gesellschaft als Ganzes umzugestalten.

Niko Paech und die »Suffizienzavantgarde«

In diesem Aspekt wird er allerdings von seinem Mitautor Niko Paech noch getoppt, wenn auch gänzlich ohne Spiritualität. Paech scheint den Glauben in die Gestaltungskraft der Politik vollständig verloren zu haben und setzt einzig und allein auf das moralisch richtige Handeln des Individuums. Er ignoriert in seinen über weite Strecken sehr überzeugenden und scharfsinnigen Ausführungen und Analysen die politischen und sozialen Verflechtungen des Einzelnen. Es wäre aber beides wichtig: Persönliche Veränderung und gleichzeitige Veränderung des politischen und gesellschaftlichen Systems. Individuum und Gemeinwesen sind aufeinander angewiesen und nicht voneinander zu trennen, und so muss es auch, und vielleicht sogar in erster Linie, darum gehen, Gesetze und Institutionen zu verändern oder, wenn es sein muss, gänzlich abzuschaffen.

Davon will der Autor aber nichts wissen und glaubt, in diesem Zusammenhang das dahinterstehende Dilemma zu erkennen: Menschen, die selbst nicht willens oder in der Lage sind, suffizient und ökologisch nachhaltig zu leben, müssten eine Regierung wählen, die ihnen genau diese Art der Lebensführung vorschreibt. Das dürfte in der Tat ein aussichtsloses Unterfangen sein. Was hier aber ignoriert wird ist die Tatsache, dass es neben den alle vier Jahre stattfindenden Wahlen noch viele andere Möglichkeiten gibt, auf politische Entscheidungsprozesse Einfluss zu nehmen und Politik zu gestalten. Das fängt bei Bürgerinitiativen an, geht über die Mitarbeit in NGOs bis hin zu Demonstrationen und kann im Extremfall auch in einer Revolution enden.

Den Versuch, durch sogenanntes grünes Wachstum den Konsum durch effizientere Technologien vom Ressourcenverbrauch weitgehend zu entkoppeln, sieht Paech zurecht als grandios gescheitert an. Deshalb könne die Antwort auf die ökologische Krise nur Suffizienz heißen. Die Ausbreitung suffizienten Handelns scheiterte bisher lediglich, so Paech, an fehlenden Vorbildern. Dieses Vorbild könne nur eine »Suffizienzavantgarde« sein, deren Mitglieder diesen Lebensstil wirklich glaubhaft verkörpern. Denn »Suffizienz kann nur aus subkulturellen Praktiken hervorgehen und von Individuen oder Netzen verbreitet werden, die bereit sind, individuelle Verantwortung zu übernehmen, statt auf einen politischen Godot zu warten.« Gesellschaftliche Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion sind für ihn in diesem Zusammenhang mehr oder weniger sinnfreie Veranstaltungen, die, schlimmer noch, den Status quo zementieren würden. Denn Betroffenheitsbekundungen, so Paech, waren schon immer Teil der Gesellschaft, ohne ihre Wachstumslogik in irgendeiner Form zu durchbrechen.

Die freiwillige Begrenzung der individuellen Freiheit

Für Paech sind deshalb alle Bemühungen um Nachhaltigkeit »nichts anderes als ein Fanal an symbolischen Ersatzhandlungen«. Denn der »moderne Moralmodus ist dadurch geprägt, dass er keine Freiheiten unterbindet.« Und hier ist Paech auch schon bei seiner zentralen Forderung: der freiwilligen Begrenzung unserer individuellen Freiheit. Wer jetzt sofort Ökodiktatur! schreit, liegt hier allerdings falsch. Paech hat klar erkannt, dass unser pervertierter Freiheitsbegriff, der offensichtlich auch die Freiheit einschließt diesen Planeten zu zerstören, sich über kurz oder lang selbst ad absurdum führen muss. Denn, »dem Gewinn an Handlungsfreiheit und egalitärem Chancenzugang steht ein Orientierungsverlust hinsichtlich materieller Angemessenheit gegenüber, der lebensbedrohend geworden ist. (…) Wer also die Freiheit bewahren will, darf sie nicht missbrauchen oder überstrapazieren, sondern muss sie vorsorglich freiwillig begrenzen.«

Was in diesem Kontext stutzig macht, ist die Wendung egalitärer Chancenzugang. Wie sonst sollte ein Zugang zu Chancen beschaffen sein, wenn er nicht gleichermaßen allen Mitgliedern der Gesellschaft offen steht? Hier scheint dann doch kurz ein antidemokratisches Moment sichtbar zu werden, für das Paech bereits in anderem Zusammenhang kritisiert wurde.

Es verwundert, dass ein so intelligenter Autor wie Paech tatsächlich glaubt, eine avantgardistische Gruppe von suffizient lebenden Menschen könnte diese Gesellschaft und ihre Art des Wirtschaftens im Kern infrage stellen. Es gab schon einmal eine solche Avantgarde, die sich in Deutschland seit den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zunehmend bemerkbar machte: Die anfangs kleine Gruppe der Vegetarier und Veganerinnen. Obwohl es in Deutschland mittlerweile zirka sechs Millionen Menschen gibt, die sich fleischlos ernähren, ist der Fleischkonsum seit Beginn der Sechzigerjahre doch stetig angestiegen.

Zu glauben, allein auf individueller Ebene ließen sich gesellschaftliche Probleme lösen ist naiv

Das deutet darauf hin, dass die suffiziente Lebensweise einer Gruppe in einer ansonsten unveränderten Gesellschaft sogar einen negativen Effekt haben und zu einer Art Rebound-Effekt führen könnte. Denn aufgrund der Einsparungen eines Teils der Gesellschaft könnte sich der andere Teil berechtigt fühlen noch mehr zu konsumieren, da die Gesamtbilanz ja die gleiche bliebe. Im Fall des Vegetarismus scheint genau das der Fall zu sein.

Man kann es demnach drehen und wenden wie man will: Wer die Gesellschaft verändern will, muss das neben der Veränderung des individuellen Verhaltens auch auf politischer Ebene tun. Paech hat vollkommen Recht mit seiner Forderung nach Konsumverzicht und freiwilliger Beschränkung unserer Freiheiten. Wir können unmöglich auf diesem Konsumniveau verbleiben, ohne in naher Zukunft die Grundlagen unseres Lebens im Allgemeinen und damit auch unserer liberalen Gesellschaft im Speziellen zu zerstören. Seine Analysen dazu sind weitgehend überzeugend. Leider unterläuft ihm in diesem Zusammenhang der schwerwiegende Fehler, sich an den politischen Institutionen vorbeimogeln zu wollen. Den Versuch, die Gesellschaft ausschließlich auf individueller Ebene zu verändern kann man anarchistisch nennen, wie Paech selbst es tut, oder einfach nur naiv. Trotz dieser Einschränkung ist dieses Buch ein wichtiger und dringend nötiger Beitrag für alle Bemühungen, diese Gesellschaft überlebens- und zukunftsfähig zu gestalten.

Manfred Folkers/Niko Paech: All you need is less. Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht. Oekom Verlag, München 2020, 254 Seiten, 20 Euro

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