DIE GEGENWÄRTIGE GLOBALE KRISE, die sich nicht nur auf ökologischer Ebene, sondern in zahlreichen weiteren sozialen, ökonomischen und politischen Verwerfungen zeigt, ist das Ergebnis unseres kollektiven Denkens und Handelns. Sie ist nicht zuletzt Ausdruck einer Weltordnung, die der Soziologe Jean Ziegler treffend als »kannibalisch« bezeichnet hat – ein System, das wenigen enormen Reichtum beschert, während jedes Jahr rund eine Million Kinder an Mangelernährung sterben.

Diese ungerechte Welt(un)ordnung ist menschengemacht – und genau darin liegt auch unsere Chance: Was von uns geschaffen wurde, kann von uns verändert werden. Das betrifft vor allem das dieser Weltordnung zugrunde liegende Wirtschaftssystem. Der Kapitalismus neoliberal-libertärer Ausprägung steht in direktem Zusammenhang mit der fortschreitenden Zerstörung unseres Planeten. Seine Logik der endlosen Ausbeutung ist unvereinbar mit ökologischer und sozialer Gerechtigkeit. »Dieses System ist nicht reformierbar. Es muss entmachtet, delegitimiert und überwunden werden.« (Marc Chesney).

»Wir müssen alles tun, was in unserer Macht steht, um unsere Vorstellungskraft für radikal andersartige zukünftige Möglichkeiten zu öffnen.«

Jonathan Lear

Voraussetzung für eine solche radikale Veränderung ist, dass wir – als globale Zivilgesellschaft – die Kontrolle über unsere Zukunft zurückgewinnen, die wir einigen Tech-Oligarchen und weithin unfähigen und in Teilen korrupten Politikern und Politikerinnen überlassen haben. Wir brauchen Mut und müssen uns über die Ursachen der heutigen Krisen klar werden. Vor allem müssen wir eine positive Vision davon entwickeln, wie wir leben möchten. Nur so können wir unsere Gesellschaft so transformieren, dass sie zukunftsfähig wird – ohne dabei die wertvollen Errungenschaften der Vergangenheit aufzugeben.

So bin ich davon überzeugt, dass eine echte, tiefgreifende und dauerhafte ökonomische und sozial-ökologische Transformation – bzw. Revolution – auch einen Wandel unseres Bewusstseins erfordert. Deshalb beschäftige ich mich neben umweltethischen und naturphilosophischen Fragen auch mit den spirituellen Dimensionen des Menschseins. Ontologie, Erkenntnistheorie, Ethik, Ökonomie, Ökologie, Politik, Kunst und Soziales – all diese Bereiche sind untrennbar miteinander verbunden und müssen, wenn nötig, neu gedacht werden.

Vor allem aber gilt es, zu den Quellen unseres Menschseins zurückzukehren. Diese Quellen liegen in unserer tiefen Verbundenheit mit der Natur, mit unseren Mitmenschen und nicht zuletzt mit dem Göttlichen als Urgrund allen Seins. Die Aufgaben, die vor uns liegen, sind gewaltig. Ihre Lösung wird darüber entscheiden, ob unsere Spezies die Bezeichnung Homo sapiens wirklich verdient.

Aufbau eines Netzwerks

Gerade in solchen Krisenzeiten brauchen wir neue Räume des Denkens, des Austauschs und des gemeinsamen Gestaltens. Aus diesem Bedürfnis heraus entsteht die Initiative, ein Netzwerk aufzubauen, dessen Mitglieder sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Fragen der gesellschaftlichen Transformation (die wohl eher eine Revolution sein wird) befassen. Es soll vor allem um die ernsthafte, kritische und radikale Auseinandersetzung mit der Frage gehen, wie ein tiefgreifender Wandel unseres Lebensmodells gelingen kann – sozial, ökologisch, kulturell, künstlerisch, wissenschaftlich und wirtschaftlich.

Ob aus Philosophie, Kunst, Kultur, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft oder aktivistischem Engagement: Gesucht werden Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die bereit sind, sich über disziplinäre Grenzen hinweg intellektuell aber auch ganz praktisch auszutauschen. In einer Zeit fortschreitender Individualisierung und gesellschaftlicher Entsolidarisierung wird gemeinsames Denken und Handeln umso wichtiger. Da gegenseitige Inspiration und Kritik dabei im Mittelpunkt stehen, sind regelmäßige Treffen ein wesentlicher Bestandteil eines solchen Netzwerks.

Am Ende geht es darum, unsere Arbeit in unterschiedlichster Form öffentlich sichtbar zu machen und so gesellschaftliche Impulse zu setzen. Das können Seminare sein, Vorträge, Podiumsdiskussionen und natürlich entsprechende Artikel auf dieser Seite. Kannst Du Dir vorstellen, Teil eines solchen Netzwerks zu werden? Dann freue ich mich auf Deine Mail an redaktion@re-visionen.net | Eckart Löhr

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Mut zu träumen

Jonathan Lear ist am 22. September 2025 gestorben. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir hier noch einmal die Besprechung seines Buches »Radikale Hoffnung« aus dem Jahr 2020, das sich wie eine Allegorie auf unsere Zeit liest