Es steht nicht gut um uns. Die Hoffnung, daß wir noch einmal, und sei es um Haaresbreite, davonkommen könnten, muß als kühn bezeichnet werden.« So beginnt Hoimar von Ditfurths im Jahr 1985 veröffentlichtes Buch So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen, mit dem vielsagenden Untertitel Es ist soweit. Hier zeigt er bereits eindringlich die wesentlichen Gefahren auf, die das Überleben der Menschheit bedrohen: Klimawandel, Artensterben, Luftverschmutzung, Waldsterben, Verschmutzung und Verknappung des Trinkwassers, übermäßiger Pestizideinsatz, nuklearer Krieg.

Heute, fünfunddreißig Jahre später, haben sich die ökologischen Bedingungen weltweit noch weiter verschlechtert und seine als pessimistisch und apokalyptisch bezeichneten Prognosen sind zum Teil noch weit übertroffen worden. Wahrscheinlich wäre er in Anbetracht des heutigen Zustands der Welt aber nicht sonderlich überrascht. Denn er befürchtete schon, dass die Menschen, obwohl »die Notausgänge so weit offen stehen wie Scheunentore«, von all den Möglichkeiten, die sie hätten, die ökologische Katastrophe noch abzuwenden, letztlich keinen Gebrauch machen werden.

Wir sind bis heute nicht in der Lage, unsere Art des Wirtschaftens grundlegend zu ändern

Hoimar von Ditfurth (15.10.1921 – 1.11.1989) war nicht optimistisch, was das Überleben der Menschheit betrifft. Foto: United Archives GmbH. Alamy Stock Photo

So schwer nachvollziehbar dieses selbstzerstörerische Verhalten der Spezies Homo sapiens ist, so hat sich Ditfurths Prognose doch leider als absolut wahr herausgestellt. Wir kennen seit vielen Jahrzehnten die von uns verursachten ökologischen Schäden und auch die Tatsache des Klimawandels ist lange bekannt. Doch waren und sind wir bis heute nicht in der Lage, oder nicht willens, an unserer Art zu leben und zu wirtschaften grundsätzlich etwas zu verändern. Ganz im Gegenteil wurden viele ökologisch schädliche Verhaltensweisen weiter forciert und – Stichwort Fracking – noch um zusätzliche Zerstörungstechniken erweitert. Die erst vor kurzer Zeit entstandenen und weltweit agierenden Umweltbewegungen wie Fridays-for-Future und Extinction Rebellion machen Hoffnung, dass wir uns in letzter Minute vielleicht doch noch für einen der vielen Notausgänge entscheiden könnten.

Schon sehr früh hat sich Hoimar von Ditfurth für ökologische und politische Fragen interessiert und diese in seinen Büchern und Essays zu beantworten versucht. Sein thematischer Schwerpunkt lag anfangs aber noch auf anderen Gebieten. Mit Beginn der Achtzigerjahre sollte sich das ändern, nicht zuletzt auch durch den Einfluss seiner Kinder. Hier ist wohl vor allem seine Tochter Jutta Ditfurth zu nennen, eine Mitbegründerin der Grünen, die die Partei 1991 aus Protest gegen eine, ihrer Meinung nach, zunehmend konservative Ausrichtung verließ.

Geboren wurde Hoimar von Ditfurth 1921 in Berlin. Nach dem Abitur am altsprachlichen Viktoria-Gymnasium in Potsdam (»ein humanistisches Gymnasium strengster Observanz«) studierte er Medizin, Psychologie und Philosophie an den Universitäten Berlin und Hamburg, wo er im Juli 1946 zum Dr. med. promovierte. Von 1948 bis 1960 war Hoimar von Ditfurth an der Würzburger Universitätsklinik beschäftigt. Dort habilitierte er sich und wurde Privatdozent für Psychiatrie und Neurologie. 1967 ernannte ihn die Universität Würzburg und 1968 die Universität Heidelberg zum außerordentlichen Professor der Medizinischen Fakultät.

1960 wechselte Hoimar von Ditfurth zum Pharmakonzern C. F. Boehringer in Mannheim – ein Entschluss, der ihn nach eigener Aussage große Überwindung kostete – und war dort bis 1969 Leiter des sogenannten Psycholabors zur Entwicklung, bzw. klinischen Erprobung, von Psychopharmaka. In diese Zeit fiel auch seine Herausgeberschaft der Zeitschrift n+m (Naturwissenschaft und Medizin, von 1964 bis 1971), die ab 1972 unter dem Namen Mannheimer Forum fortgeführt und von Ditfurth bis zu seinem Tod herausgegeben wurde.

1969 lehnte er das verlockende Angebot einer Führungsposition ab (»es war der glücklichste Entschluss, den ich in meinem Leben, wenn auch unter Bangen, getroffen habe«) und begann, fast fünfzigjährig, seine zweite Karriere als Dozent, Wissenschaftsjournalist und Moderator einer wissenschaftlichen Sendung (Querschnitte), die von 1971 bis 1983 im ZDF zu sehen war und ihn einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte.

1970 erschien sein erstes Buch Kinder des Weltalls – Der Roman unserer Existenz, das so erfolgreich war, dass er im Folgenden die finanzielle Unabhängigkeit hatte, ein Leben als freier Autor zu führen.

Warum soll es überhaupt eine Menschheit geben?

Bevor man über Ethik im Allgemeinen und hier Umweltethik im Speziellen reden kann, muss man erst einmal klären, warum der Mensch überhaupt sein soll und warum eine Verpflichtung unsererseits besteht, die Natur zu schützen und zu bewahren. Dabei gelangt Ditfurth zu einer interessanten Begründung, die er sozusagen evolutionär herleitet. Es ist die ethische Minimalforderung, den Strom des Lebens nicht abreißen zu lassen. Denn, so Ditfurth in einem Interview: »Wir haben nicht so etwas wie eine Überlebensgarantie. Es obliegt unserer alleinigen Verantwortung, ob wir an dieser Geschichte weiter teilnehmen; ob wir unsere verantwortliche Aufgabe als Übergangsglieder, die zumindest die Pflicht haben, die moralische Verpflichtung haben, dafür zu sorgen, dass diese Kette hier auf der Erde nicht abreißt, ob wir der gerecht werden.«

Diese auf den ersten Blick bescheidene Forderung entpuppt sich allerdings bei näherer Betrachtung als die alles entscheidende Frage der Menschheit, denn hier werden zentrale Probleme, wie Umweltzerstörung, Überbevölkerung, Aufrüstung, Ernährung, etc., berührt. Da menschliches Handeln in natürliche Abläufe eingreift und sie dadurch verändert, muss vor dem Hintergrund dieses Gedankens alles Handeln darauf hin befragt werden, inwieweit es der weiteren Entwicklung dient, sie behindert oder gar unmöglich macht. Hier sieht er die Menschheit vor die gewaltige Aufgabe des Umdenkens und Umlernens gestellt. Denn »die expansive, aggressive, spezies-egoistische Art unseres Umgangs mit der uns ausgelieferten übrigen lebenden Natur«, die über lange Zeit unser Überleben gesichert hat und »unbestreitbar Voraussetzung unseres Überlebenserfolges gewesen ist, hat von Stund an als Ursache drohenden Aussterbens zu gelten.«

Ditfurths Kritik an der Externalisierungsgesellschaft

Ditfurth geht es in diesem Zusammenhang nicht zwangsläufig um die Abschaffung der freien Marktwirtschaft und er betont ausdrücklich, dass dieses Wirtschaftsprinzip auch dazu beigetragen hat, Hungersnöte und Massenelend zu besiegen, die »vor kaum mehr als hundert Jahren auch in unserem Kulturkreis noch schicksalhaft hingenommene ›Menschheitsgeißeln‹« waren. Genauso ausdrücklich weist er aber auch darauf hin »daß die freie Entfaltung dieser ›marktwirtschaftlichen Intelligenz‹ mit der Zunahme ihres Einflußbereichs zunehmend auch verheerende Konsequenzen für ökologische Zusammenhänge mit sich bringt.« Und das schrieb Ditfurth im Jahr 1985, also noch einige Zeit vor dem vermeintlichen Ende der Geschichte (Fukuyama) und der totalen Entfesselung des Kapitalismus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Ein Grund für diese »verheerenden Konsequenzen für ökologische Zusammenhänge« liegt für Ditfurth in der Tatsache begründet, dass die Natur innerhalb dieses Wirtschaftssystems gleichsam rechtlos ist. Da die Natur keine Rechte hat, können wir ihr ungestraft so viele Rohstoffe entnehmen wie wir wollen, ohne dafür in irgendeiner Form bezahlen zu müssen. Noch dazu belasten wir unsere Umwelt, die eigentlich Mitwelt heißen sollte, mit den Abfallprodukten unseres hyperkonsumtiven Wirtschaftssystems, ohne dass sich diese Kosten in unseren Bilanzen wiederfänden. Das heißt, wir lagern so viele Kosten aus wie möglich und stellen letztlich nur das in Rechnung, was sich nicht externalisieren lässt.

Die Folgen unseres Wirtschaftens schlagen auf uns zurück

Diese Art des Wirtschaftens lässt sich allerdings nicht ewig aufrechterhalten. Denn zum einen brauchen Externalisierungsgesellschaften Räume, in die sie die negativen Begleiterscheinungen ihres Konsums auslagern können. Und diese Räume werden zunehmend weniger. Zum anderen wird eine Gesellschaft, die derart verantwortungslos wirtschaftet, früher oder später von den negativen Auswirkungen ihres eigenen Handelns betroffen sein, wie in Form von Mikroplastik im Trinkwasser oder Glyphosat in der Nahrung. Die Menschen, die nach Europa drängen, und nicht selten Klimaflüchtlinge sind, die in ihrer Heimat aufgrund des fortschreitenden Klimawandels keine Zukunft mehr sehen, sind eine weitere Folge unserer Externalisierungswirtschaft. Wir müssen somit endlich die Kosten für den Verbrauch der Natur und alle anderen ausgelagerten Kosten in unsere Haushaltsführung mit einbeziehen. Der Soziologe Stephan Lessenich hat in seinem Buch Neben uns die Sintflut – Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis eindrucksvoll beschrieben, wie wir durch unsere imperiale Lebensweise nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse der anderen leben.

Würden wir die Folgekosten unseres Wirtschaftens in die Bilanzen aufnehmen, dürfte ein nicht geringer Teil unseres Konsums dadurch sehr viel teurer werden und stellenweise wohl kaum mehr bezahlbar sein. Billigflüge nach Mallorca oder Fleisch, das weniger kostet als Katzenfutter, dürften unter diesen Voraussetzungen der Vergangenheit angehören. Natürlich weiß Ditfurth, dass gerade die ärmeren Länder kaum die Möglichkeit haben, externe Folgekosten zu internalisieren und macht für diese Umstände auch die reichen westlichen Nationen verantwortlich. Denn unser Prinzip, Kosten auszulagern, das »Erfolgsrezept unserer freiheitlichen Wirtschaftsordnung, führt gleichsam selbsttätig zur Ausplünderung der Entwicklungsländer. Indem wir auch ihren Boden, ihre Rohstoffe und ihre Wälder für vogelfrei erklären, können diese zu den für uns vorteilhaftesten Preisen unseren Wohlstand mehren. Die externalisierten Kosten dieses ganz legalen ›Tauschgeschäfts‹ werden den Entwicklungsländern aufgehalst. Ihre Ressourcen jedoch und die auf ihren Äckern auf unseren Wunsch gepflanzten Produkte … fallen uns zu.« Eine Analyse die auch im Jahr 2019 nichts von ihrer Wahrheit eingebüßt hat.

Ditfurth bezweifelt dabei zu Recht, ob unser christliches Selbstverständnis mit einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung dieser Ausprägung vereinbar ist. Denn »angesichts dieser Tatsachen muß sich unsere Gesellschaft in absehbarer Zeit entscheiden, ob sie ihren Anspruch auf ein christliches Selbstverständnis aufgeben oder ob sie ihre Wirtschaftsordnung in einer Weise reformieren will, die derartige Konsequenzen ausschließt.«

Das Problem des rasanten Bevölkerungszuwachses

Ein weiteres, wesentliches Problem – auf das sich, so Ditfurth, letztlich alle Folgeprobleme zurückführen lassen – ist das der Überbevölkerung. Ditfurth hat das bereits sehr früh, Anfang der Sechzigerjahre, erkannt und sowohl in seinen Büchern als auch in seiner Sendung Querschnitte thematisiert. In Anbetracht der Tatsache, dass in den nächsten Jahren acht Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben werden, ist offensichtlich, wie hoch aktuell dieses Thema noch ist und auch in Zukunft bleiben wird. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat im Jahr 2017 bekanntgegeben, dass zirka 821 Millionen Menschen weltweit an Hunger leiden. Der UN und der WHO zufolge, haben zirka zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem und sicherem Wasser und 884 Millionen noch nicht einmal eine grundlegende Wasserversorgung. Die primären Folgen sind Krankheiten, eine hohe Kindersterblichkeit und Mangelerscheinungen aller Art. Die sekundären Folgen sind ein geringes Bildungsniveau, vor allem bei den Mädchen. Diese können oftmals keine reguläre Schule besuchen, da sie in der Regel den Müttern beim Wasserholen helfen und dabei oft große Entfernungen zurücklegen müssen. Viele von ihnen können deshalb weder lesen noch schreiben.

Ditfurth war allerdings nicht der Meinung, dass man dieser Entwicklung tatenlos zusehen muss und macht darauf aufmerksam, dass es durchaus Lösungsmöglichkeiten gäbe, wenn er auch deren Realisierung bezweifelt. So fordert Ditfurth, dass der Lebensstandard in den ärmeren Ländern verbessert werden muss, »damit, unter anderem, der durchschnittliche Ausbildungsstand gehoben und den Frauen dieser Länder eine soziale Stellung verschafft werden kann, die ihnen die Chance einräumt, über die Zahl der von ihnen geborenen Kinder verantwortlich mitzuentscheiden.« Darüber hinaus, so Ditfurth, »bedarf es als zweiter Voraussetzung zugleich einer den Geburtenüberschuß spürbar verringernden Familienplanung. Deren Wirksamkeit aber hat, … wiederum eine Steigerung des Lebensstandards zur Vorbedingung. So schließt sich der Kreis in fataler Lückenlosigkeit.«

Die Menschheit hat keine Überlebensgarantie

Ditfurth glaubt allerdings nicht an eine Verbesserung der Lage in den ärmeren Ländern der Welt, weil er weiß, dass eine »Steigerung des Lebensstandards der Menschen in der Dritten Welt … eine grundlegende Änderung der bestehenden Weltwirtschaftsordnung zur Voraussetzung hätte, also unseren Verzicht auf die einseitigen Privilegien, auf das Monopol an Vorteilen, die uns die geltende Ordnung zuschanzt.«

Sein Fazit aus all diesen Überlegungen lautet schlicht: »Die Menschheit hat so wenig eine Überlebensgarantie wie jede andere biologische Art … und wird deshalb eines Tages von der Erdoberfläche wieder verschwinden, wie das ausnahmslos Schicksal aller von der Evolution hervorgebrachten Arten ist. Die Frage ist allein, wann dieser Tag kommen wird.« Hier zeigt sich neben Ditfurths Fatalismus, den man durchaus kritisch sehen kann, dass er, wie die meisten Evolutionstheoretiker, ein gestuftes Evolutionskonzept vertritt. Für ihn unterscheidet sich der Mensch lediglich graduell vom Tier und ist nicht etwas kategorial anderes. Denn es ließe sich ja an dieser Stelle einwenden, dass der Mensch zwar ebenfalls eine biologische Art ist, aber eben eine, die sich durch ihren Verstand, ihr Bewusstsein und der Fähigkeit, sich kulturell zu entwickeln, fundamental von anderen Lebewesen unterscheidet. Gerade diese Eigenschaften eröffnen dem Menschen vielleicht die Möglichkeit, seinem Schicksal nicht tatenlos zusehen zu müssen, sondern intervenierend, weil die Zukunft antizipierend, in die Abläufe eingreifen zu können.

Auf diesen Vorwurf hat Ditfurth reagiert: »Vorzüglich! Absolut einverstanden! Also bitte, dann lassen Sie sich etwas einfallen … machen Sie Gebrauch von der Kreativität, der Durchsetzungskraft und der, zukünftige Entwicklungen vorwegnehmenden, Phantasie… Setzen Sie diese Fähigkeiten ein, um nach einem Weg zu suchen, der uns an der Katastrophe noch vorbeiführen könnte, anstatt … in geistiger Bequemlichkeit nach der Art von Lemmingen auf dem gewohnten Wege weiterzumarschieren. Einem Wege, der in aller Vergangenheit unbestritten sicher und sogar höchst erfolgreich gewesen ist, an dessen Ende aber … ein Abgrund auf uns wartet.«

Dieser Artikel enthält einzelne, zum Teil veränderte Passagen meines Essays Hoimar von Ditfurth – Aspekte seines Denkens, Grin Verlag 2009

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