Maja Göpel schreibt gleich im ersten Kapitel ihres Buches, dass sie keine Klimaforscherin ist, sondern Gesellschaftswissenschaftlerin. Ihr Hauptinteresse gilt, nach eigener Aussage, der politischen Ökonomie. Das ist insofern wohltuend, da viele Klimaaktivist*innen ihren Blick in der Regel sehr einseitig auf die Klimakrise richten, wogegen Göpel vor allem unser westliches Wirtschaftsmodell kritisiert und dabei auch seine gesellschaftliche und soziale Komponente berücksichtigt.

Göpels Kritik der herrschenden Wachstumslogik

Der Klimawandel und die Art und Weise unseres Wirtschaftens hängen dabei natürlich unmittelbar zusammen, da unsere ungebremste CO2-Produktion in erster Linie die Folge unseres hyperkonsumtiven und auf dem Raubbau unserer natürlichen Ressourcen gegründeten Lebensstils ist. Hier setzt Maja Göpel an, denn es geht der studierten Medienwirtin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin vor allem darum, die herrschende Wachstumslogik zu durchbrechen. Denn »die Geschichte vom ewigen Wachstum des Konsums für alle ist nicht aufgegangen, weder ökologisch noch sozial. Schritt für Schritt ist hinter atemberaubenden Zahlen ein System entstanden, das unseren Planeten zerstört, Eigentumsverhältnisse wieder denen im Feudalismus angleicht und das trotzdem immer weiterwachsen muss, um unter seinen Unwuchten nicht zusammenzubrechen.«

Unter diesen Unwuchten versteht Göpel vor allem die ungebremste Ausbeutung unserer Ressourcen, die ungleiche Verteilung des Reichtums auf der Welt sowie die unproduktive Verwendung von Finanzkapital. Sie kritisiert die Tatsache, dass wir alles lediglich unter dem Aspekt des Nutzens betrachten und von allem nur noch den Preis, aber nicht mehr den Wert kennen würden.  Dieses Denken hätte mittlerweile alle Bereiche des Lebens infiziert: »Die Fürsorge für andere Menschen, kranke, alte und Kinder, ist in diese Logik genauso eingespannt worden wie die Ausbildung, die Partnerwahl oder der eigene Körper.«

Die totale Missachtung und Ausbeutung der Natur ist ebenfalls ein zentraler Gegenstand ihrer Kritik. Eng damit verbunden, so Göpel, ist die Tatsache, dass die von der Natur für uns erbrachten Leistungen immer noch nicht den Weg in unsere Bilanzen finden. Schlimmer noch würden auch die negativen Folgen unseres Wirtschaftens nicht bilanziert, sondern schlicht und ergreifend ignoriert oder in ärmere Länder verschoben. Der Soziologe Stephan Lessenich hat unsere Gesellschaft aus diesem Grund als Externalisierungsgesellschaft bezeichnet und diese und ihre imperiale Praxis in seinem 2016 erschienenen Buch Neben uns die Sintflut radikal kritisiert (Das Interview mit Stephan Lessenich finden Sie hier). Auch Maja Göpel bezieht sich in diesem Zusammenhang auf Lessenich.

Maja Göpel - Unsere Welt neu denkenUnsere Art zu wirtschaften sei, so Göpel, maßgeblich von drei Theoretikern beeinflusst: Adam Smith, David Ricardo und Charles Darwin. Ausgehend von ihren zirka zweihundert Jahre alten Theorien, würde »die Mehrheit in den Wirtschaftswissenschaften den Menschen immer noch als eine egoistische Kreatur denken, der es nur um den eigenen Vorteil geht und die dadurch auf wundersame Weise für alle Wohlstand schafft.« Gegen ein solches Menschenbild wehrt sich Göpel und verweist auf Untersuchungen, die eher das Gegenteil nahelegen. Der Mensch ist eben genauso ein kooperatives Wesen, hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und weiß in der Regel, dass noch mehr Konsum sein persönliches Glücksgefühl nicht mehr steigern wird.

Konsum und Ressourcenverbrauch können nicht entkoppelt werden

Was Göpel klar erkannt hat ist, dass die sogenannte einfache Entkopplung von Konsum und Ressourcenverbrauch in der Praxis nicht funktioniert. Unter einfacher Entkopplung versteht man das Bestreben, durch effiziente Techniken aus möglichst wenig natürlichen Ressourcen möglichst viel herauszuholen. Man möchte auf diese Weise das Wirtschaftswachstum stabil halten oder sogar noch steigern, ohne entsprechend mehr Ressourcen zu verbrauchen. Dadurch ist, so Göpel, aber noch nie in der Geschichte etwas eingespart worden. Im Gegenteil nimmt der Konsum aufgrund des reduzierten Ressourcenverbrauchs, effizienterer Technik und der damit einhergehenden fallenden Preise in der Regel zu, sodass jegliche Effizienzgewinne schnell wieder kompensiert, zum Teil sogar überkompensiert werden. Die Grünen werden das nicht gerne hören, denn ihr Programm basiert zu einem nicht geringen Teil auf diesem Glauben, wir könnten so weitermachen wie bisher, nur effizienter. Der Soziologe Harald Welzer hat das in einer Diskussionsrunde sehr zutreffend als Anästhesienarrativ bezeichnet.

Es reicht völlig, einen heutigen SUV mit einem VW Käfer der Siebzigerjahre zu vergleichen, um zu verstehen, was die Überkompensation von Effizienzgewinnen, der sogenannte Rebound-Effekt, bedeutet. Von Elon Musks Cybertruck, als dem Produkt eines offensichtlich kranken Gehirns, ersonnen für degenerierte Wohlstandsjunkies mit pathologischem Distinktionswahn, ganz zu schweigen.

Auch wenn die Anamnese und Diagnose unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems durchaus richtig ist, kommt die angebotene Therapie doch vergleichsweise harmlos daher. Denn vieles von dem, was die Autorin vorschlägt, wie eine vernünftige Ordnungspolitik des Staates, um dem deregulierten Markt wieder verbindliche Rahmenbedingungen zu geben, progressive Steuern und Konsumverzicht, unterschätzt möglicherweise die mörderische Dynamik des Kapitalismus und die Skrupellosigkeit seiner Protagonisten.

Auf Seite sechsundsechzig findet sich ein Zitat, das darauf hindeutet, Maja Göpel könnte das kapitalistische System als Ganzes in Frage stellen. Denn hier schreibt sie: »Deshalb ist es der Anspruch reflexiver Wissenschaft, Theorien immer wieder einem Update zu unterziehen – und wenn sich dabei herausstellt, dass das ganze Betriebssystem nicht mehr funktioniert, müssen wir eben auch das mal ändern.« Mit dem sogenannten Betriebssystem kann eigentlich nichts anderes als unser kapitalistisches Wirtschaftssystem gemeint sein. Aber so ganz scheint sie doch nicht gewillt, ›Windows gegen Linux‹ zu tauschen, denn das Wort Kapitalismus taucht auf den folgenden einhundertzwanzig Seiten des Buches nur ein einziges Mal auf, und das lediglich in Form eines Zitates. Und das System eben mal zu ändern dürfte auch nicht ganz einfach sein.

Der bereits erwähnte Soziologe Harald Welzer hat in seinem 2008 erschienenen Buch Klimakriege treffend festgestellt, dass die Vorstellung naiv sei, »der fahrende Zug der fortschreitenden Zerstörung der Überlebensbedingungen sehr vieler Menschen würde seine Geschwindigkeit und Richtung verändern, wenn man in seinem Inneren gegen die Fahrtrichtung läuft. Man muss die Richtung insgesamt ändern, und dafür muss der Zug erstmal angehalten werden.« Es ließe sich an dieser Stelle auch einwenden, dass es vielleicht nicht mehr reicht, den Zug anzuhalten. Möglicherweise muss man, bildlich gesprochen, auf ein völlig neues Verkehrsmittel umsteigen, so wie Göpel es ja nahezulegen scheint.

Nicht alle werden Göpels Einladung folgen wollen

Das Buch trägt den Untertitel Eine Einladung. Es gibt aber nicht wenige Menschen, die diese Einladung sehr wahrscheinlich ausschlagen werden. Um in Welzers Bild zu bleiben: Es wird nicht so einfach sein, den Zug zum Stehen zu bringen. Denn diejenigen, die Erster Klasse reisen, werden sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen einen Halt und, noch viel vehementer, gegen eine Umkehr wehren. Dieser Halt kann nur gegen massive Widerstände der Wirtschaft, der Politik und nicht zuletzt auch gegen Teile der Gesellschaft erkämpft werden. Deshalb wirkt das Ende des Buches mit seiner Aufforderung »freundlich und geduldig« zu sein reichlich naiv. Geduld impliziert, dass wir noch genug Zeit haben. Das scheint in Anbetracht der globalen Probleme aber nicht der Fall zu sein. Und Freundlichkeit? Ja, immer und solange es möglich ist! Aber diejenigen, das wusste schon Bertold Brecht, die den Boden bereiten wollen für Freundlichkeit, können selbst nicht immer freundlich sein.

Maja Göpel: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Ullstein Verlag, Berlin 2020. 208 Seiten, 17,99 Euro

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