Im Jahr 1927 deuteten die beiden Physiker Nils Bohr und Werner Heisenberg die auf Max Planck zurückgehenden quantenphysikalischen Erkenntnisse dahingehend, dass die Unmöglichkeit der gleichzeitigen Bestimmung von Ort und Impuls eines Teilchens (»Unschärferelation«) und der Dualismus von Welle und Teilchen (»Komplementarität«) integrale Bestandteile quantenphysikalischer Vorgänge sind und nicht etwa Fehler der Theorie. Diese sogenannte »Kopenhagener Deutung« der Quantenmechanik heißt nichts anderes, als dass die in der Natur ablaufenden Vorgänge nicht determiniert und somit nur noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagbar sind. Darüber hinaus zerstört sie die Jahrtausende alte Vorstellung von der aus kleinsten Teilchen zusammengesetzten Materie, die bis zu den Vorsokratikern zurückreicht. Die Quantenphysik zeigt gerade, dass die Hoffnung illusionär ist, wir könnten durch die Zergliederung von Materie in immer kleinere »Teile« irgendwann einmal das kleinste »Teilchen« finden. Denn Materie ist ihrerseits nicht aus Materie aufgebaut, sondern löst sich vielmehr in ein Geflecht von Beziehungen auf. »Am Ende allen Zerteilens von Materie bleibt etwas, das mehr dem Geistigen ähnelt – ganzheitlich, offen, lebendig.«

Alles hängt mit allem zusammen

(Cover: Oekom Verlag)

Gerade dieser ganzheitliche Blick auf die Welt ist es, der Hans-Peter Dürr fasziniert und den er in seinen vielen Publikationen den Leserinnen und Lesern näherbringen will. Denn »das Erstaunliche dabei ist, dass sich diese revolutionären Einsichten in den vergangenen bald hundert Jahren seit ihrer theoretischen Klärung kaum auf die anderen Wissenschaften ausgewirkt und nur ganz oberflächlich Eingang in das allgemeine Denken unserer Gesellschaft gefunden haben.« Denn nimmt man die Quantenmechanik ernst, so ergibt sich ein völlig neuer Blick auf die Welt. Seit Galileo Galilei und Francis Bacon glauben wir, Erkenntnisse über die Natur nur dadurch gewinnen zu können, indem wir sie in immer kleinere Teile zerlegen und untersuchen, um sie anschließend wieder zusammenzusetzen. Dieses Vorgehen mag für unbelebte materielle Strukturen vielleicht noch sinnvoll sein, spätestens bei der Beschäftigung mit Lebendigem wird aber klar, dass die analytische Methode schnell an ihre Grenzen stößt, da das Leben sich gerade dadurch auszeichnet, mehr als die Summe seiner Teile zu sein und »streng genommen gibt es überhaupt keine Möglichkeit, die Welt in Teile aufzuteilen, weil alles mit allem zusammenhängt.«

Vor allem in der »Entseeligung« und Entgeistigung der Welt und des Menschen durch die modernen Wissenschaften, mit dem Glauben, alles auf Materielles zurückführen zu können, sieht der Schüler und langjährige Mitarbeiter von Werner Heisenberg einen der Hauptgründe für unsere derzeitige existenzielle Krise, die er eine »Krise der Immanenz« nennt und damit den Verlust unserer Erfahrung meint »als Menschen unauflösbar im Transzendenten verankert zu sein.« Entgegen der vorherrschenden Meinung, das Lebendige als Systemeigenschaft komplexer Strukturen zu sehen, favorisiert Dürr ein panpsychistisches und hylozoistisches Weltbild und glaubt demnach an eine allbeseelte und lebendige Natur. Damit greift er auf alte Vorstellungen zurück, die erst im 16. Jahrhundert durch die Emanzipation der Wissenschaften von religiösen Vorstellungen verdrängt wurden. Dass dieser philosophische Ansatz konsequent durchdacht auch auf Probleme stößt, bleibt allerdings unausgesprochen.

Wir brauchen ein anderes Weltbild

In diesem Sinne gibt es bei Dürr auch keine klare Trennung von Mensch und Natur. Der Mensch unterscheide sich nur graduell und nicht wesentlich von der Natur, die ihn hervorgebracht hat. Doch »trotzdem bleibt die Besonderheit des Menschen gültig, nicht nur kreativ in dieses Geschehen eingreifen, sondern dieses auch bewusst tun zu können«. Gerade durch diese Fähigkeit des Menschen, bewusst in das natürliche Geschehen einzugreifen, entspringt, so Dürr, auch seine Verantwortung, unser Leben und Wirtschaften am Prinzip der Nachhaltigkeit auszurichten, um das langfristige Überleben der Menschheit zu sichern. Unter Nachhaltigkeit versteht der Physiker und Träger des alternativen Nobelpreises »die Unterstützung der allgemeinen dynamischen Lebensprozesse« und meint damit – wie es der Titel des Buches bereits verrät – das »Lebende lebendiger werden« zu lassen.

In seinem »Wörterbuch des Wandels«, von A wie Arbeit bis Z wie Zukunft, zeigt er verschiedene Möglichkeiten auf, unser bisheriges Denken zu überwinden und ist davon überzeugt, »dass wir die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft erst dann erreichen, wenn wir zuvor die Fesseln unseres zu engen Weltbildes abgestreift haben«. Dabei kritisiert er insbesondere unsere unverantwortliche Art der Energiegewinnung, unsere zerstörerische Wirtschaftspolitik, die entfremdete, oftmals nur auf den Gelderwerb reduzierte Arbeit, und das viel zu enge Bild der Wissenschaften, die glaubt, ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit sei die Wirklichkeit selbst.

Die moderne Physik zeigt, dass die Welt kein Uhrwerk ist, das ohne Einfluss von außen nach festen Gesetzen abläuft, sondern ein offener Prozess, eine Welt, die sich in jedem Augenblick vor dem Hintergrund und dem Wissen ihrer Vergangenheit neu erschafft. Gerade aus dieser Tatsache schöpft der Autor seine tiefe Überzeugung, dass die Welt zum Besseren verändert werden kann. »Die Zukunft ist offen. Handeln wir also so, als ob noch alles möglich wäre!« In Anbetracht der Lethargie, die mittlerweile weite Teile der Gesellschaft erfasst zu haben scheint, ist das vielleicht der wichtigste Satz dieses Buches.

Hans-Peter Dürr: Das Lebende lebendiger werden lassen. Wie uns neues Denken aus der Krise führt. Oekom Verlag 2011. Ursprünglich erschien dieser Beitrag im Februar 2012 auf literaturkritik.de

(Foto: Imago)

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Eckart Löhr ist Gründer von re-visionen.net und verantwortlicher Redakteur. Seine thematischen Schwerpunkte liegen im Bereich Umweltethik, Philosophie und Gesellschaft.

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