Jesus wurde einmal gefragt, was das höchste Gebot sei. Seine Antwort lautete: »Das höchste Gebot ist das: ›Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.‹ Das andre ist dies: ›Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‹ Es ist kein anderes Gebot größer als diese.« Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat diese berühmte Forderung anders übersetzt. Bei ihm heißt es: »Liebe deinen Nächsten – er ist wie du.« In dieser Formulierung zeigt sich noch deutlicher die ganze Verbundenheit des Menschen mit dem oder der anderen.

Auch wenn diese Sätze auf den ersten Blick unterschiedlich erscheinen, zielen sie doch in Wahrheit auf das Gleiche. Die Forderung, Gott zu lieben schließt unweigerlich auch die Forderung ein, den Menschen zu lieben, der ja ein Geschöpf Gottes ist. Und einen Menschen zu lieben bedeutet wiederum, das Göttliche und Ewige in ihm zu erkennen und aus ihm oder ihr »herauszulieben«. Bei der Liebe zu Gott und der Liebe zum anderen handelt es sich um die gleiche unteilbare Liebe. Beide Sätze finden sich im Übrigen an zwei unterschiedlichen Stellen im Alten Testament. Jesus, als hervorragender Kenner der alten Schriften, hat sie lediglich in einen direkten Zusammenhang gebracht. Und dabei handelt es sich nicht um irgendwelche beliebigen Sätze, die man im Zweifel übergehen könnte. Das Gegenteil ist der Fall: Diese Sätze umfassen im Grunde das gesamte Christentum, die gesamte christliche Lehre. Alles Weitere erscheint letztlich als Ausfaltung und Kommentierung dieser Grundsätze. Wer auch immer einen dieser Sätze leugnet, missachtet oder verneint, stellt sich damit zugleich außerhalb des christlichen Selbstverständnisses.

Vor Kurzem hat sich der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck für eine rasche Rückkehr zur Wehrpflicht ausgesprochen und außerdem für eine deutsche Beteiligung an einem möglichen Einsatz in der Straße von Hormus plädiert. Die Wehrpflicht müsse dabei gleichermaßen für Männer wie für Frauen gelten, da die geplante Aufstockung von zurzeit 186 000 auf 260 000 Soldatinnen und Soldaten in den kommenden zehn Jahren mit einem freiwilligen Dienst allein nicht zu erreichen sei. Overbeck hält die aktuelle Situation »für zu gefährlich, als dass man da ewig warten kann.« Zugleich begründete er seine Forderung damit, dass die Gleichstellung von Mann und Frau heute nicht mehr nur ein Versprechen sei, sondern gelebte Realität.

Du sollst nicht töten

Die Gleichstellung von Mann und Frau heute als »gelebte Realität« zu bezeichnen, ist an sich schon ein Zeichen dafür, wie weit dieser Mann von eben jener Realität entfernt ist. Aber diese Äußerungen eines katholischen Bischofs sind mindestens noch aus zwei anderen Gründen unerträglich. Wer für die Aufstockung der Soldaten plädiert und das unter anderem mit der Wehrpflicht von Frauen erreichen möchte, der dient ganz sicher nicht dem Frieden, sondern bereitet den nächsten Krieg vor. Für die Wehrpflicht zu sein, impliziert darüber hinaus das Einverständnis, dass Menschen auf Menschen schießen oder sie auf jede andere erdenkliche Art und Weise töten, verletzen oder verstümmeln. Inzwischen lässt sich das ganz bequem durch Drohnen bewerkstelligen. Das bringt den Vorteil mit sich, dass aufgrund der räumlichen Entfernung der Beteiligten, die natürliche Tötungshemmung des Menschen außer Kraft gesetzt wird. Und auch die mit der Tötung eines Menschen verbundenen Schuldgefühle werden auf diese Art und Weise minimiert, weil das entsprechende Geschehen zunehmend den Charakter eines Computerspiels annimmt.

Das alles steht in denkbar größtem Gegensatz zu der Forderung, seinen Nächsten zu lieben. Darüber hinaus verletzt es eines der zentralen Gebote des Christentums: Du sollst nicht töten. Es lautet nicht: Du sollst nicht töten, außer in diesem oder jenem Fall. Es lautet schlicht: Du sollst nicht töten. PUNKT! Es kann niemals die Aufgabe der Kirche oder ihrer Vertreter sein, für Aufrüstung, die Wehrpflicht oder Kriegseinsätze zu plädieren. Wer das dennoch tut, steht außerhalb des Christentums. Wer Menschen dazu bringt oder verpflichtet, andere Menschen zu töten, zu verletzen, zu verstümmeln oder aus ihrer Heimat zu vertreiben, steht außerhalb des Christentums. Wer Menschen dazu verpflichtet, Häuser, Infrastruktur, industrielle Anlagen oder Anbauflächen zu zerstören, steht außerhalb des Christentums. Selbstverständlich bleibt es jedem unbenommen, für Aufrüstung, Wehrpflicht und damit für die Vorbereitung des kommenden Krieges einzutreten; und selbstverständlich ist es auch Overbecks gutes Recht, das zu tun. Nur sollten diejenigen nicht vergessen, dass sie sich damit maximal von der christlichen Lehre entfernt haben.

Die Doppelmoral der katholischen Kirche

Was Overbecks Forderung darüber hinaus schwer erträglich macht, ist, auch die Frauen an die Waffen zu rufen – und das ausgerechnet mit dem Argument der Gleichstellung von Mann und Frau begründet. Overbeck gehört einer Institution an, die sich keinen Deut um die Gleichberechtigung von Frauen schert, sondern ganz im Gegenteil verhindert, dass Frauen innerhalb der katholischen Kirche mehr Rechte, Teilhabe und Befugnisse zugestanden werden. Ein katholischer Bischof, der vor diesem Hintergrund ernsthaft für die Gleichstellung von Frauen an der Front eintritt, kann eigentlich nur ein Komiker oder ein Zyniker schlimmster Provenienz sein. Ich denke, Bischof Overbeck ist weder das eine noch das andere. Er ist schlicht ein Schönwetter-Christ, wie so viele andere auch. In guten Zeiten ist viel von Nächstenliebe die Rede und natürlich genießen die zehn Gebote höchstes Ansehen. Nicht zu vergessen die Bergpredigt, in der er heißt: »Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.« Kaum ein Gottesdienst, der ohne die Berufung auf diese Werte auskommen könnte. Sobald aber der Sturm aufzieht, sei es in Form von Kriegen, Pandemien oder anderen gesellschaftlichen Erschütterungen, ist all das schnell vergessen und die Kirche und ihre Vertreter verraten, woran sie eben noch geglaubt haben. Haben sie jemals in Wahrheit daran geglaubt?

Während der Coronapandemie ließ sich gut beobachten, dass so mancher Geistliche von einem Tag auf den anderen den Prognosen des Robert Koch-Instituts mehr Glauben schenkte als seinem Gott und die Menschen mal eben in Geimpfte und Ungeimpfte einteilte. Ganz zu schweigen von der bitteren Tatsache, dass viele kranke Menschen selbst in ihren letzten Stunden von der Kirche alleingelassen wurden. Als alles vorbei war, kehrte man in den Gottesdiensten zu den üblichen Phrasen von Gerechtigkeit und Nächstenliebe zurück. Im Jahr 1933 unterschrieben 900 Professoren das Bekenntnis zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat, darunter viele Theologen. Auch sie verrieten das Christentum und auch sie predigten anschließend wieder von Liebe und Gerechtigkeit. Der große Schweizer Theologe Karl Barth war darüber so entsetzt, dass er 1934 zusammen mit den beiden Theologen Thomas Breit und Hans Asmussen die sogenannte Barmer Theologische Erklärung verfasste. 1935 verließ er Deutschland in Richtung Schweiz.

Das Christentum ist keine Schönwetter-Religion

Niemand braucht ein Christentum, niemand braucht eine Kirche, die je nach Wetterlage ihre Werte relativiert. Was wir aber ganz dringend brauchen, ist eine christliche Kirche, die diesen Namen tatsächlich verdient. Sie müsste sich gerade dadurch auszeichnen, dass sie auch in schwierigen Zeiten ihren zentralen Werten treu bleibt. Wir müssen die Kirche endlich wieder auf ihre jesuanische Lehre verpflichten und diejenigen innerhalb der Kirche delegitimieren, die sie im Extremfall verraten. Wir müssen die Kirche wieder jenen Menschen zurückgeben, die den christlichen Auftrag so ernst nehmen, wie er immer schon gemeint war. Das Christentum ist keine Schönwetter-Religion. Es zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es den Menschen in die Entscheidung stellt. In diesem Fall hieße das ganz konkret: »Eine Welt – oder keine! Auskommen – oder umkommen! Den Krieg abschaffen, ehe er uns abschafft! Das ist die eindeutige Alternative, die sich den Bewohnern unseres Planeten mit steigender Brisanz aufdrängt. Es ist die uralte Wahl zwischen Gut und Böse, Fluch und Segen, Haß und Liebe, vor die uns auch die Bibel stellt.« (Pinchas Lapide)

Sagte ich gerade, Overbeck sei ein Schönwetter-Christ? Vielleicht ist er das, aber ich befürchte, es steht noch weitaus schlimmer um ihn. Denn wer für Aufrüstung und Wehrpflicht eintritt, der hat in Wahrheit den Glauben an seinen Gott verloren. »An der Wurzel jedes Krieges«, schreibt der Mystiker Thomas Merton, »ist die Angst: nicht so sehr die Angst, die die Menschen voreinander haben, als die Angst, die sie vor allem haben. Sie trauen nicht nur einander nicht; sie trauen nicht einmal sich selbst. Wenn sie schon nicht sicher sind, wann jemand anderer sich umdrehen und sie töten könnte, sind sie sich noch weniger sicher, wann sie selbst sich umdrehen und sich töten könnten. Sie können nichts und niemandem mehr Vertrauen schenken, weil sie aufgehört haben, an Gott zu glauben. Nicht nur unser Hass gegen andere ist gefährlich, sondern auch und vor allem unser Hass gegen uns selbst, und besonders jener Hass gegen uns selbst, der zu tief und zu stark ist, als dass wir ihm direkt ins Auge sehen könnten. Denn er ist es, der uns unser eigenes Böses in anderen sehen lässt und uns unfähig macht, es in uns selbst zu sehen.«

Das Recht, ein anderer zu werden

Es wäre Franz-Josef Overbeck zu wünschen, dass er seine Angst überwindet, seine Stellung als Militärbischof – schon das ist ein Widerspruch in sich – aufgibt und zu einer Kirche des Friedens, der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe zurückfindet. Das wäre ein großartiges Signal, gerade auch an die Menschen, die sich zu hunderttausenden von dieser Kirche abwenden. Es wäre ein Zeichen dafür, dass Umkehr möglich ist und der Mensch nicht in seiner Angst eingeschlossen bleiben muss. Was jede Religion, aber vielleicht das Christentum im Besonderen, auszeichnet ist das, was die protestantische Theologin Dorothee Sölle »das Recht ein anderer zu werden« nannte und was im Hebräischen Teschuwa und im Griechischen Metanoia heißt. »Wir sind alle so tief in das Menschsein hinein geraten, dass wir Gott darüber verloren. Ihn verloren. Ja, wirklich verloren; es ist kein Gedanke mehr in uns, der bis zu ihm reicht. Sie reichen alle nicht über den menschlichen Kreis hinaus. Nicht ein einziger.« Das schrieb der Theologe Friedrich Gogarten vor über einhundert Jahren in seinem berühmten Text Zwischen den Zeiten. Wir alle sollten endlich damit anfangen, über den menschlichen Kreis hinauszureichen und den verlorenen Gott zu suchen, der nur ein Gott des Friedens sein kann. Das würde uns die Möglichkeit eröffnen, unsere Angst und damit unsere Feindseligkeit zu überwinden. Fangen wir doch endlich damit an, uns das Recht zu nehmen, andere zu werden.

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Eckart Löhr ist Gründer von re-visionen.net und verantwortlicher Redakteur. Seine thematischen Schwerpunkte liegen im Bereich Umweltethik, Philosophie und Gesellschaft.

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