Wer in Hannah Arendts Essay Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur? auf diese Frage eine konkrete Antwort erwartet, wird möglicherweise enttäuscht werden. Darum geht es der Autorin wahrscheinlich auch nicht. Wohl aber zeichnet sich dieser Text dadurch aus, dass jeder, der sich eingehend mit ihm beschäftigt, zwangsläufig in eine intensive Auseinandersetzung mit genau dieser Frage gedrängt wird. Und diese persönliche Auseinandersetzung ist mehr wert, als vorgefertigte Antworten es jemals sein könnten. Der gerade einmal fünfzig Seiten umfassende Text erschien ursprünglich 1991 in dem Band Israel, Palästina und der Antisemitismus im Wagenbach Verlag und wurde jetzt vom Münchner Piper Verlag neu herausgegeben. 

Die 1906 in Hannover geborene Autorin, die 1975 in New York starb, versucht vor allen Dingen die furchtbare Tatsache intellektuell in den Griff zu bekommen, dass diejenigen, die als große und kleine Rädchen in der nationalsozialistischen Mordmaschinerie tätig waren, oftmals jegliches Gewissen und letztlich jede Menschlichkeit verloren hatten und bis zuletzt keinerlei Einsicht in das Verbrecherische ihrer Taten zeigten. Und noch dazu die beklemmende Gewißheit, „dass all dies im Rahmen einer gesetzmäßigen Ordnung geschah.“ Wie schwer ihr das fällt, kann man an vielen Stellen ihres Essays spüren. Es ist der verzweifelte Versuch, zumindest gedanklich Ordnung in eine Welt zu bringen, die vom moralischen Standpunkt aus unverständlich geworden ist.

Entscheidend für Arendts philosophische Beschäftigung mit diesem Thema war der 1961 in Israel stattfindende Prozess gegen Adolf Eichmann, einen der Hauptorganisatoren der Vertreibung, Deportation und Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Juden. Diesen Prozess hatte sie als Journalistin begleitet. Zwei Jahre darauf veröffentlichte sie ihr viel diskutiertes und heftige Kontroversen auslösende Buch Eichmann in Jerusalem mit dem vielfach kritisierten Untertitel Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Der Begriff „Banalität“, der von ihr in diesem Zusammenhang verwendet wurde, ist häufig dahingehend missverstanden worden, als wolle die Autorin, die als Jüdin 1933 aus Deutschland fliehen musste, die Verbrechen der Nationalsozialisten verharmlosen. Auch wenn das nicht im Entferntesten ihre Absicht war, hat sie sich möglicherweise doch ein Stück weit von Eichmanns Lügen blenden lassen und seine antisemitische und wahrhaft böse Gesinnung übersehen.

„Das Moralische versteht sich von selbst“

Arendt selbst wurde unter der Annahme erzogen, „dass Moralische versteht sich von selbst.“ Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass für Arendt die Frage der Moral nicht bereits mit den Verbrechen der Nazis auftauchte, von denen sie ohnehin nichts anderes erwartet hatte, sondern erst „mit dem Phänomen der Gleichschaltung.“ Denn jetzt ging die Spaltung der Gesellschaft durch den Bekannten- und Freundeskreis hindurch und „was uns verstörte, war nicht das Verhalten unserer Feinde, sondern das Verhalten unserer Freunde.“ Die Parallele zur aktuellen politischen Lage und der damit verbundenen gesellschaftlichen Spaltung in den USA, der Türkei und einigen europäischen Ländern, wenn auch noch in abgeschwächter Form, ist unübersehbar. Arendt spricht in diesem Zusammenhang nicht nur vom Scheitern der persönlichen Verantwortung, sondern vor Allem vom Zusammenbruch des persönlichen Urteilsvermögens.

Genau dieser Zusammenbruch ist der Punkt, den Arendt zu begreifen versucht. Für sie stellt sich hier die Frage nach der Freiheit des Einzelnen und wie weit das persönliche Urteilsvermögen durch gesellschaftliche Konstellationen beeinflussbar ist. Sie fragt, „was geschieht mit der menschlichen Urteilskraft, wenn sie auf Ereignisse trifft, die den Zusammenbruch aller gewohnten Werte vorexerzieren, auf Ereignisse also, die gewissermaßen in den allgemeinen Regeln nicht vorgesehen sind – nicht einmal als Ausnahme von diesen Regeln?“ Oder anders formuliert, „wie kann ich Recht von Unrecht unterscheiden, wenn die Mehrheit oder meine gesamte Umgebung die Frage schon vorentschieden hat?“ Genau diese Fragen sind es, die beantwortet werden wollen und denjenigen, der sich mit Arendts Text beschäftigt, noch lange verfolgen.

Arendt plädiert für die Trennung von politischer und persönlicher Verantwortung

Die Autorin beharrt aber auf der Schuldfähigkeit des Einzelnen, plädiert für die strikte Trennung von persönlicher und politischer Verantwortung und lässt nicht zu, dass diejenigen, die sich schuldig gemacht haben, sich darauf berufen, nur ein Rädchen im Getriebe gewesen zu sein. So begrüßt sie es ausdrücklich, dass „Zahnrädchen vor Gericht wieder zu Menschen werden“, denn „der Schuldbegriff hat nur Sinn, wo er auf Individuen angewendet wird.“ So lehnt sie auch den Begriff der Kollektivschuld ab, denn, so Arendt, wo jeder schuldig ist, ist niemand schuldig. Das würde nur diejenigen entlasten, die sich wirklich schuldig gemacht haben.

Auch den, in diesem Zusammenhang oft gebrauchten oder besser missbrauchten Begriff Gehorsam lässt sie nicht gelten. Nur Kinder und Sklaven seien gehorsam. Gehorsamkeit sei, so Arendt, in Wahrheit immer Zustimmung. „Der Grund also, warum wir diese neuen Verbrecher, die weder Kinder noch Sklaven, sondern erwachsene Menschen waren, dennoch für das, was sie taten, verantwortlich machen, liegt darin, dass es in politischen und moralischen Angelegenheiten so etwas wie Gehorsam nicht gibt.“

Im Gegensatz zur abendländischen philosophischen Tradition besteht für Arendt Politik nicht allein in der Ausübung von Herrschaft, sondern vielmehr im persönlichen und kollektiven Handeln. Hier stellt sie fest, „dass es extreme Situationen gibt, in denen man Verantwortung für die Welt, die primär ein politisches Gebilde ist, nicht übernehmen kann, weil politische Verantwortung immer zumindest ein Minimum an politischer Macht voraussetzt.“ Somit wäre unter einer totalen Herrschaft keine politische Verantwortung mehr möglich und hier ließe sich allerdings fragen, ob so etwas wie ein absolut machtloser Zustand des Einzelnen überhaupt vorstellbar ist. Solange ich lebe kann ich handeln, wenn es auch bedeutet, mein Leben dabei aufs Spiel setzen zu müssen.

Da innerhalb eines totalitären Systems praktisch jeder gesellschaftliche Raum von der herrschenden Politik durchdrungen ist, gibt es auch nicht die Möglichkeit schuldlos zu bleiben, sobald ich mich aktiv innerhalb dieser Räume bewege. So schreibt Arendt, „das nur diejenigen, die sich völlig vom öffentlichen Leben zurückzogen und jede Art von politischer Verantwortung ablehnten, es vermeiden konnten, in politische Verbrechen verwickelt zu werden – das heißt, sie konnten juristischer und moralischer Verantwortung aus dem Weg gehen.“ So lehnt die Autorin auch die Schutzbehauptung vieler Angeklagter ab, die ihr Verhalten dadurch zu rechtfertigen suchten, sich nur deshalb aktiv in Ämtern engagiert zu haben, um Schlimmeres zu verhindern. In Anbetracht der Tatsache, dass Schlimmeres als die Vernichtung von Millionen unschuldiger Menschen kaum gedacht werden kann, ist dies für Arendt ein zynischer und völlig unakzeptabler Standpunkt.

Besonders erschreckend, weil hochaktuell, ist in diesem Zusammenhang auch die Beobachtung, dass „die Hinnahme kleinerer Übel bewusst dafür benutzt [wurde], die Beamten wie auch die Bevölkerung im Allgemeinen daran zu gewöhnen, das Übel an sich zu akzeptieren.“ Diese sogenannten shifting baselines lassen sich in Deutschland gerade in Echtzeit – vor allem, aber nicht nur – im Bereich der Sprache beobachten. Das, was gestern noch undenkbar war, wird heute gesagt, und morgen schon getan werden, ohne dass es noch zu größerer moralischer Empörung kommt.

Sich ein eigenes Urteil zu bilden ist der Auf- und Weckruf der politischen Philosophin

Diejenigen, so Arendt, „die nicht teilnahmen und von der Mehrheit als unverantwortlich bezeichnet wurden, waren die Einzigen, die es wagten, selbst zu urteilen.“ Sich ein eigenes Urteil bilden, selbst Denken, ist somit der Auf- und Weckruf der politischen Philosophin an uns. Letztlich stellt das nichts anderes dar als die berühmte Aufforderung Kants, den Mut zu haben, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Genau dieser Mut aber hat damals gefehlt und wir sehen heute mit Schrecken, dass er bei einem Teil der Menschen wieder zu fehlen scheint. Der zunehmende politische Populismus in vielen Ländern ist dafür der beste Beweis. Doch gibt es keine andere Möglichkeit, demokratische Verhältnisse zu schaffen, und vor allem auch zu bewahren, als sich immer wieder ein eigenes Urteil zu bilden. Denn nur das eigene, freie und unabhängige Urteil, davon ist Arendt überzeugt, hindert uns daran, zu Verbrechern zu werden. Aber es gibt noch einen weiteren und wesentlich wichtigeren Grund dafür, warum Einige sich damals ihre Menschlichkeit bewahrt haben. Denn „nicht weil sie das Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ streng befolgt hätten, lehnten sie es ab zu morden, sondern eher deshalb, weil sie nicht willens waren, mit einem Mörder zusammenzuleben – mit sich selbst.“

Wenn Freiheit die unabdingbare Voraussetzung politischen Handelns ist, dann hat der Verlag einen guten Zeitpunkt für die Neuauflage dieses Essays gewählt. Denn die Feinde der Freiheit machen sich gerade europa- und weltweit daran, diese anzugreifen, mit dem erklärten Ziel ihrer Abschaffung. Solange die nötigen politischen Freiräume noch bestehen, und das tun sie zumindest bei uns noch zur Genüge, sollten wir alles dafür tun, sie auch zu nutzen. Das Aufkommen einer neuen und starken Zivilgesellschaft, die sich den reaktionären Kräften entgegenstellt, ist dabei ein sichtbares Zeichen dafür, dass ein Teil der Bevölkerung bereits verstanden hat, wie wichtig es ist, den Anfängen zu wehren. Hannah Arendt würde das gefallen.

Hannah Arendt: Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur?
Piper Verlag, München 2018
93 S., ISBN (13): 978-3-492-23828-1, 10,00 EUR

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