Wäre die Erde ein Industriebetrieb,

so würden die inzwischen kursierenden Bilanzen

über die Bewirtschaftung des Naturkapitals,

der lebendigen Vielfalt der Arten und Lebensräume,

 jeden Vorstandsvorsitzenden zum Rücktritt zwingen

 – wenn nicht gleich hinter Gitter.

(Andreas Weber: Biokapital)

 

Dass wir heute Zeugen und zugleich Hauptakteure einer gewaltigen ökologischen Krise sind, wird wohl kein vernünftiger Mensch bestreiten. Die Biodiversität auf der Erde nimmt rapide ab und man schätzt, dass täglich bis zu 130 Tier- und Pflanzenarten aussterben. Da von den geschätzten fünfzehn Millionen Arten (wahrscheinlich sind es wesentlich mehr) erst knapp zwei Millionen bekannt sind, verschwinden jeden Tag auch Tier und Pflanzenarten, noch bevor sie durch den Menschen entdeckt und beschrieben werden. Ein stilles, weitgehend unbemerktes Sterben also, ausgelöst durch Überfischung, Überdüngung, Vernichtung der natürlichen Lebensräume und nicht zuletzt durch die Veränderung des globalen Klimas durch die von Menschen verursachten Kohlendioxidemissionen in gigantischem Ausmaß.

Grund hierfür ist in erster Linie das Verbrennen fossiler Stoffe wie Kohle, Gas und Öl. Dazu kommt das Abholzen bzw. Brandroden der Wälder (zirka 50 000 Hektar täglich) zur Gewinnung von Heizmaterial sowie zur Schaffung neuer Anbauflächen. Diese werden unter anderem für den Anbau von Tierfutter, wie beispielsweise Soja, benötigt, um die gigantische Fleischproduktion, die durch die aufstrebenden Schwellenländer wie China und Indien noch weiter steigen wird, am Laufen zu halten. Die Landwirtschaft trägt darüber hinaus durch Emissionen von Methan maßgeblich zur Erwärmung des Klimas bei. Dazu kommt der weltweit zunehmende Auto- und Flugverkehr und als weiterer, selten genannter Faktor die Herstellung von Zement und die damit verbundenen gewaltigen Kohlendioxidemissionen.

Der Klimawandel ist konkret

Lag die Konzentration von Kohlendioxid in vorindustrieller Zeit noch bei zirka 280 ppm (parts per million), so hat sie heute den Wert von 400 ppm erreicht und damit die Temperatur weltweit um zirka 1 Grad Celsius erhöht. Die Auswirkungen dieser Temperaturerhöhung lassen sich bereits durch die Zunahme extremer Wetterphänomene, wie Dürren, Überschwemmungen und Stürme sowie das Abschmelzen des arktischen Meereises beobachten. Die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre nimmt trotz aller jährlich stattfindenden Umweltgipfel zu und wird wohl in den kommenden dreißig Jahren den kritischen Wert von 450 ppm erreicht haben.

Kritisch ist dieser Wert insofern, da sich bei seinem Überschreiten die globalen Temperaturen voraussichtlich über zwei Grad Celsius hinaus erhöhen werden. Ab einem globalen Temperaturanstieg über zwei Grad hinaus lässt sich nicht mehr ausschließen, dass die Klimaveränderung durch das dadurch ausgelöste Abtauen der Permafrostböden eine Eigendynamik entwickelt, die durch den Menschen kaum mehr zu stoppen sein wird. Diese bis in eine Tiefe von 1 600 Metern gefrorenen Böden bedecken zirka 25 Prozent der gesamten Landfläche und enthalten neben Methan auch gewaltige Mengen organischen Kohlenstoffs. Taut dieses Material, wird es zur Nahrung von Mikroben, die dadurch die beiden Klimagase Kohlendioxid und Methan in großer Menge freisetzen.

Warum zerstört der Mensch seine Lebensgrundlagen und geht sehenden Auges dem Abgrund entgegen? Foto: iStock

Daneben hat durch die Absorption eines Teiles des Kohlendioxids durch die Weltmeere und seine Umwandlung in Kohlensäure der Säuregehalt der Meere seit dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert um durchschnittlich dreißig Prozent zugenommen. Die Folgen sind dramatisch, insbesondere für Schalenweichtiere und Korallen, die ihre Schalen bzw. Kalkskelette nicht mehr in der gewohnten Stärke aufbauen können und somit anfälliger gegen Einflüsse von außen werden. Das weltweit größte Korallenriff, das Great Barrier Reef, ist bereits massiv geschädigt und in Teilen unwiederbringlich zerstört.

Noch dazu sind die Methoden, der Erde auch noch die letzten Bodenschätze zu entreißen, in den letzten Jahren durch Tiefseebohrungen und Fracking noch aggressiver geworden und dieser Trend wird sich wohl auch in Zukunft fortsetzen. Die ersten Bohrgenehmigungen für Grönland sind bereits erteilt, denn durch das Abschmelzen der Eisschicht, wie bereits erwähnt durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe ausgelöst, wird man in Zukunft leichter an eben diese unter dem Eispanzer lagernden Brennstoffe kommen. So schließt sich der Kreis, der nichts anderes als ein Teufelskreis ist.

Es kommt darauf an, die Welt neu zu interpretieren

Warum zerstören wir unsere Lebensgrundlagen und gehen sehenden Auges dem Abgrund entgegen? Woher kommt diese ungeheure Aggressivität und Gleichgültigkeit, mit der wir der Natur, unserer Mitwelt, entgegentreten? Warum sind wir »völlig gebannt und sogar auf perverse Weise von unserem Scharfrichter fasziniert, Zeugen unserer eigenen todbringenden modernen industriellen Zivilisation [geworden], die zum Teil von unserer eigenen Gier angetrieben wird und davon zehrt, daß wir jedes wahre Gespür dafür, wer wir wirklich sind, verloren haben [?]« So David Albert im Nachwort des Buches Denken wie ein Berg.

In seiner elften These über Feuerbach beschuldigte Karl Marx die Philosophen, die Welt nur verschieden interpretiert zu haben, es käme aber darauf an, sie zu verändern.  So überzeugend dieser Satz im ersten Moment auch klingen mag, ist er in Wahrheit nichts weiter als eine Tautologie und müsste besser so lauten: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie neu zu interpretieren.« Denn um die Welt zu verändern, muss man sie zuallererst interpretieren, das heißt verstehen und deuten. Wie kaum ein Philosoph vor ihm hat Marx die Welt verändert, weil er sie neu gedeutet hat.

Die ökologische Krise, in der wir uns heute befinden, ist nicht zuletzt die Folge einer bestimmten Deutung – in diesem Fall einer zumindest partiellen Fehldeutung – der Welt, die spätestens im 17. Jahrhundert begann. Dieser in der Renaissance erfolgte geistige Umbruch kam allerdings nicht aus heiterem Himmel, sondern hat eine lange Geschichte, die von der neolithischen Revolution über die Entdeckung der Linearität hin zu Christentum, Protestantismus und den modernen Wissenschaften führt.

Seit dem ersten Auftreten von Homo rudolfensis vor zirka 2,5 Millionen Jahren beziehungsweise Homo habilis vor zirka 2,1 Millionen Jahren hat der Mensch in die Natur eingegriffen. Aber erst vor zirka 12 000 Jahren, mit dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, erreichten die durch ihn angerichteten ökologischen Schäden ein Ausmaß, das überhaupt erst erwähnenswert ist. Dieser Übergang hatte zum Teil ganz konkrete Ursachen, wie den Wandel des Klimas, war aber nicht zuletzt auch einem neuen, veränderten Selbstbewusstsein geschuldet, in diesem Fall der zunehmenden Fähigkeit des Menschen, seine Zukunft zu antizipieren. Denn nur wer weiß, dass er eine Zukunft hat, ist überhaupt in der Lage Ackerbau zu betreiben, da die Erträge im Gegensatz zur Jagd oft Monate auf sich warten lassen. Nur wer um seine Zukunft weiß, wird auch versuchen vorzusorgen, und das war zu dieser Zeit natürlich nur mit Getreide möglich.

Mit der Sesshaftigkeit der Menschen begann auch der Bau kleinerer Siedlungen, die sich im Laufe der Zeit zu größeren Städten entwickelten. Als Vorläufer der städtischen Hochkultur gilt das in den heutigen palästinensischen Autonomiegebieten liegende und zirka 8 000 v. Chr. gegründete Jericho. Zwar haben auch die Nomadenvölker dort, wo sie sich gerade aufhielten, die Umwelt geschädigt, zogen dann aber weiter, so dass die Natur die Möglichkeit hatte, sich zu erholen. Nicht so in den Siedlungen und Städten. Hier wurden die Böden bereits sehr stark beansprucht und so war man immer auch auf der Suche nach neuer, fruchtbarer Erde. Mitte des sechsten vorchristlichen Jahrtausends wurden aus diesem Grund bereits Wälder in Mitteleuropa gerodet, um die äußerst fruchtbaren Lössgebiete landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Auch heute noch findet ein Großteil der Mais- und Getreideproduktion auf Lössböden statt.

Mit dem Beginn der Kupfersteinzeit, dem so genannten Chalkolithikum, zirka 5 500 v. Chr. bekommen die Eingriffe in die Natur eine neue Qualität. Zum einen durch das Graben der Stollen, vor allen Dingen aber durch den immensen Holzverbrauch bei der Verhüttung der Erze und die damit verbundene Freisetzung von großen Mengen Kohlendioxids in die Atmosphäre. Dazu kommt der Ausbau der Infrastruktur, um die benötigten Materialien zu befördern.

Die Entdeckung der Linearität

Waren diese Eingriffe trotz allem noch vergleichsweise harmlos und lokal begrenzt, ist zu Zeiten der griechischen und römischen Kultur die Zerstörung der Natur unübersehbar geworden, sowohl was die Art der Zerstörung als auch was ihr Ausmaß betrifft. Der Boden dafür wurde durch drei unterschiedliche und doch im Kern zusammenhängende Veränderungen bereitet, die das Denken und Handeln der Menschen grundlegend beeinflussten. Die Alphabetisierung, die Entdeckung der Linearität sowie die griechische »Aufklärung« durch die so genannten Vorsokratiker.

Waren die früheren Schriftsysteme ausnahmslos ikonografisch,  wobei die einzelnen Zeichen in der Regel der Natur entlehnt wurden, oder besser ausgedrückt durch unsere sinnliche Wahrnehmung der Natur entstanden, so wurde mit der Erfindung des Alphabets bzw. Aleph-Beths zirka 1 200 v. Chr. durch die Hebräer diese Verbindung gekappt. Das auf zweiundzwanzig Buchstaben reduzierte Zeichensystem bestand jetzt ausschließlich aus phonetischen Elementen mit Vokalen und Konsonanten. Diese Zeichen verweisen jetzt nicht mehr auf eine außer uns liegende, sinnlich erfahrbare Welt, sondern nur noch auf den vom Menschen gesprochenen Laut, und »mit Beginn und Verbreitung der phonetischen Schrift begannen die Stimmen der restlichen Natur zu verstummen.« (David Abram: Im Bann der sinnlichen Natur)

Ein besonderes Merkmal der Menschen in oralen Kulturen ist außerdem die Tatsache, dass die durch sie tradierten Erzählungen eine enge Verbindung zur Landschaft hatten, in der sie lebten. Durch den Beginn der Verschriftlichung mittels des Alphabets setzte auch eine zunehmende »Entortung« der Erzählungen und nicht zuletzt dadurch eine Entfremdung von der Natur ein. Ganz klar tritt dieses Phänomen mit der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts durch Johannes Gutenberg (1400-1468) zu Tage; und es ist kein Zufall, dass Luthers Reformation und das gedruckte Wort eng zusammenhängen.

Parallel dazu setzte ein neues Verständnis der Zeit ein, das für die weitere Entwicklung des Abendlandes von geradezu revolutionärer Bedeutung werden wird: Linearität. Das Denken aller Kulturen und Völker ist immer ein zyklisches gewesen, angepasst an die natürliche Abfolge der Jahreszeiten, von Tag und Nacht, Geburt und Tod. Da ohnehin alles wiederkehrt, wurde dem einzelnen Ereignis keine große Bedeutung beigemessen. So konnte sich auch kein Begriff von Wachstum, weder in ideeller noch in materieller Hinsicht, entwickeln. Das änderte sich grundlegend durch die biblischen Propheten. Sie »verliehen […] als erste der Geschichte einen Wert und gelangten dazu, die überlieferte Anschauung vom Zyklus hinter sich zu lassen«, da sie zeigten, dass »die geschichtlichen Vorgänge in sich selbst einen Wert tragen in dem Maße, als sie durch den Willen Gottes bestimmt sind.« (Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr). Hier ist der Beginn des linearen Denkens, quer zur »natürlichen«, kreisförmigen Zeit. Dieses Denken wird später im Christentum in seiner Eschatologie sowie in seiner säkularisierten Form als radikaler Fortschrittsglaube in der Neuzeit kulminieren.

Vom Mythos zum Logos

Die dritte, vielleicht gewaltigste Umwälzung im Denken der Menschen begann durch die ionischen Naturphilosophen Kleinasiens im 6. vorchristlichen Jahrhundert. Der Philosoph Karl Jaspers nannte diese Epoche (die bereits 800 v. Chr. begann) die Achsenzeit, da unabhängig voneinander in unterschiedlichen Kulturen der Welt der gleiche geistige Umbruch stattfand. »Das mythische Zeitalter«, so Jaspers, »war in seiner Ruhe und Selbstverständlichkeit zu Ende. Die griechischen, indischen, chinesischen Philosophen und Buddha waren in ihren entscheidenden Einsichten, die Propheten in ihrem Gottesgedanken unmythisch. Es begann der Kampf gegen den Mythos von Seiten der Rationalität und der rational geklärten Erfahrung.« 

Wurden bis dahin alle Erscheinungen durch das Wirken der Götter erklärt, wie das in Griechenland noch bei Homer und den Orphikern der Fall war, so setzten Philosophen wie Thales von Milet, Anaximander oder Anaximenes dem Mythos die Kraft der Vernunft entgegen. Sie waren die Ersten, die versuchten, in den Erscheinungen wie Erdbeben, Stürmen oder Überschwemmungen natürliche Ursachen zu sehen. So erklärte Thales die regelmäßige Nilschwemme durch einen während der Sommerzeit auftretenden Nordwind, der das in Richtung Meer fließende Wasser des Flusses aufstaut. Anaximander, ein Schüler des Thales, der als Erster eine systematische Kosmologie entwickelte, behauptete bereits, »daß sich die Erde im Weltraum in schwebender Lage befinde, und zwar im Mittelpunkt der Welt.« Darüber hinaus beschrieb er die Tatsache, dass das Leben im Meer entstanden ist und in der Folge das feste Land besiedelte. Auch war er bereits der Meinung, dass der Mensch ursprünglich aus anderen Lebewesen entstanden ist. Somit kann, nebenbei bemerkt, Anaximander zirka 2400 Jahre vor Charles Darwin als der eigentliche Entdecker der Evolution gelten. 

Das alles war sozusagen der erste Versuch, die Götter aus der Natur zu vertreiben. Umfassend sollte das später im Christentum und noch später und radikaler im Protestantismus geschehen. War aber die Natur erst einmal des Numinosen entkleidet, so fiel es dementsprechend leichter, mit immer aggressiveren Methoden in sie einzugreifen, ohne sich dafür in irgendeiner Form rechtfertigen zu müssen. So erlebte die Zerstörung der Natur im antiken Rom ihren ersten Höhepunkt. Zum einen wurden dort gewaltige Waldflächen abgeholzt, um Platz für Anbauflächen zu schaffen, zum anderen waren es die stetigen Kriege, die eine Unmenge an Baumaterial – insbesondere für den Schiffsbau – verschlangen.

Der Krieg als eine Ursache der damaligen Umweltzerstörung

In den Achtzigerjahren des fünften vorchristlichen Jahrhunderts machte der griechische Feldherr Themistokles Athen zur Seemacht, indem er innerhalb weniger Jahre den Bau von zweihundert Kriegsschiffen befahl, mit allen Folgen für den heimischen Wald. Auch der Peloponnesische Krieg (431- 404 v. Chr.) steht hier stellvertretend für die Abholzung großer Waldflächen im Interesse der Kriegführung. Da die Schiffe nur eine begrenzte Lebensdauer hatten, musste die Flotte permanent erneuert werden. Der Verbrauch an Holz war bereits so groß, dass die Waldflächen Athens nicht mehr ausreichten und Holz aus zum Teil weit entfernten Gebieten eingeführt werden musste. Der immense Bedarf an Holz als Heizmaterial für die Vielzahl der Thermen und privaten Bäder, die Rom besaß, tat sein Übriges.

Darüber hinaus gehörte es zur Strategie der Kriegführung, den besiegten Gegner langfristig zu schädigen und mit ihm die Natur, indem man seine Felder niederbrannte, seine Olivenhaine abholzte und seine Böden durch Salz unfruchtbar machte. Skrupel kannte man kaum. Von dieser weit verbreiteten Art der Kriegführung gab es unter den Völkern nur wenige Ausnahmen – neben den Indern waren das die Juden. Sie verstanden es, zwischen dem Feind und der von ihm genutzten Natur zu unterscheiden, so wie die Juden auch das erste Volk waren, das in der Lage war, nachhaltig zu wirtschaften.

Auch der damalige Bergbau trug wesentlich zur Zerstörung der Landschaft und zur Verschmutzung der Luft bei. Die Insel Elba beispielsweise verfügte über reichhaltige Eisenerzvorkommen, die von den Römern und Etruskern rücksichtslos ausgebeutet wurden. Die anschließende Verhüttung des Eisenerzes in Schmelzöfen zur Gewinnung von Roheisen und die damit verbundene Umweltverschmutzung trug der Insel den Beinamen »die Rußgeschwärzte« ein.

Neben die Zerstörung der Landschaft, die Verschmutzung der Luft und die dauerhafte Unfruchtbarmachung der Böden – bis hin zu ihrem gänzlichen Verschwinden durch Erosion, ausgelöst durch großflächiges Abholzen der Wälder – trat der Vernichtungsfeldzug gegen die Tierwelt. Um dem römischen Volk Unterhaltung zu bieten, wurden in den Arenen über mehrere Jahrhunderte Tiere aufeinander oder gegen Menschen gehetzt, und das in solchen Größenordnungen, dass einige Arten an den Rand des Aussterbens gebracht wurden oder gänzlich verschwanden. Die rücksichtslose Zerstörung der Natur, nicht selten im Interesse der reinen Profitgier, ist demnach keine Erfindung der Neuzeit und stellte bereits im trotz allem immer noch naturreligiös geprägten Altertum kein größeres ethisches Problem mehr dar.

Was unsere Zeit dennoch fundamental von früheren Epochen unterscheidet, ist zweierlei: Zum einen das schiere Ausmaß der von uns angerichteten Zerstörung, die völlig inkommensurabel der Umweltzerstörungen im Altertum ist, zum anderen der theoretische Unterbau, der diese Zerstörungen bis heute rechtfertigt und der seine Wurzeln vor allem im 16. Jahrhundert hat. Diese Theorie der Entheiligung und Unterwerfung der Natur im Interesse des menschlichen Fortschritts ist aber ganz eindeutig ein Kind des Protestantismus sowie des Selbstverständnisses der modernen Wissenschaften zusammen mit der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in Technik. Somit tritt die abendländische Zivilisation mit dem Aufkommen der exakten Wissenschaften und parallel dazu mit dem sich entwickelnden Kapitalismus, der nicht zuletzt auch durch die protestantische Ethik vorbereitet wurde, in ein neues Zeitalter ein, das die Natur radikal der menschlichen Verfügungsgewalt unterwirft.

Diese in ihrem Ausmaß noch nie dagewesene Ausbeutung und Vernichtung der natürlichen Umwelt ist die Konsequenz eines Denkens, das sich jetzt in absolute Opposition zur Natur setzt, in dem es diese radikal profaniert und ihres Eigenwertes beraubt. Während frühere Gesellschaften sich zwar ebenfalls von der Natur emanzipiert hatten, sich aber dennoch immer auch ihrer Verbundenheit mit ihr bewusst geblieben sind, kündigt die Neuzeit dieses Gefühl der Verbundenheit konsequent auf.

Der Protestantismus und die Profanierung der Welt

Vorbereitet wurde diese Entheiligung der Natur durch den Protestantismus zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Die Reformatoren wollten ein reines Christentum und wandten sich gegen alle heiligen Kulte, wie Wallfahrten, Marienkult, Engelkult und dergleichen mehr. Der bis dahin herrschende Glaube, dass die Natur heilig sei und diese Heiligkeit und Spiritualität sich in Orten, Bildern oder den Sakramenten zeigt, wurde gnadenlos bekämpft. Klöster wurden geplündert, Marienstatuen und Bilder zerstört, heilige Stätten geschändet. Die Spiritualität wurde jetzt einzig und allein im Menschen gesehen und die ihn umgebende Welt zur mechanischen Kulisse degradiert. Jeder andere Glaube galt als Idolatrie. Die Reformation war das Symbol für den gewaltigen Umbruch im Denken dieser Zeit, vor dessen Hintergrund sich die weitere Entwicklung vollzog.

Während die Menschen das ganze Mittelalter über »nach oben« gesehen und dabei die Welt vergessen hatten, schickten sie sich jetzt an, den Blick »nach unten« zu richten. Die Erwartung der Parusie, das heißt der Wiederkehr Jesu Christi, wurde enttäuscht, und so wollte man nicht mehr auf das himmlische Paradies warten, sondern das Himmelreich im Hier und Jetzt errichten.

Die gegen Ptolemäus gerichtete Lehre des Kopernikus, die jetzt die Sonne in den Mittelpunkt stellte und die Erde um sie kreisen ließ und schließlich von Kepler und Galilei bewiesen wurde, vertrieb den Menschen aus dem Zentrum des Weltalls und damit auch aus dem Zentrum der Heilsgeschichte. Diese einschneidende Erfahrung war sicherlich ein wesentlicher Grund für die zunehmende Entfremdung des Menschen von der Natur.

Hatte die Beschäftigung mit dieser bis dahin die Aufgabe, den Schöpfer zu ehren, und war der Versuch, sie zu begreifen zugleich der Versuch, den Plan Gottes zu verstehen, so änderte sich dieses Selbstverständnis der Wissenschaften an der Schwelle zur Neuzeit radikal. Wenn auch ihre geistigen Väter, wie Galileo Galilei, Francis Bacon und René Descartes noch gläubige, zum Teil tief gläubige Menschen waren, so legte ihre Philosophie doch den theoretischen Grundstein zum Aufstieg der modernen Wissenschaften mit all ihren positiven, aber eben auch negativen Konsequenzen.

Galileo Galilei (1564-1642)

Es war vor allem Galilei, Lehrender an den Universitäten Pisa und Padua sowie Mathematiker am Hofe der Medici in Florenz, der mit seiner analytischen Methode, d. h. mit dem Aufstellen von Hypothesen und der Ableitung überprüfbarer Folgesätze, das Denken revolutionierte. Was jetzt einzig und allein zählte war das Messbare. Die Qualitäten, sprich alle sinnlichen Erfahrungen, wurden, wie später bei Descartes, aus der Natur verbannt.

Auch wenn Galilei den ihm zugeschriebenen Satz »messen was messbar ist und messbar machen, was es nicht ist«, wohl nie gesagt oder geschrieben hat, spiegelt er seine Einstellung doch ganz gut wider. Er ist zweifellos der Begründer der exakten Forschung, indem er die zu untersuchenden Phänomene isoliert, d. h. das Subjekt und damit qualitative Aspekte aus der Untersuchung ausschließt und die so erzielten Resultate in allgemeingültige mathematische Formeln gießt.

Darüber hinaus riss er die Grenze zwischen der sublunaren Welt und der supralunaren Welt – den darüberliegenden himmlischen Sphären – ein, indem er durch die Weiterentwicklung des Fernrohrs zeigte, dass die Planeten Gestirne sind, wie die Erde auch. Dadurch zerstörte er das auf Aristoteles zurückgehende Weltbild und entzauberte den »Himmel«, der bis dahin das unerkennbare Reich Gottes war, und machte ihn zum Objekt seiner Forschung. Die Natur war für ihn ein Buch, das in der Sprache der Mathematik geschrieben ist. Von da an kann es nicht mehr die Aufgabe der Theologie sein, das Wesen Gottes erkennen zu wollen, sondern Aufgabe desjenigen, der dieser Sprache mächtig ist, das heißt des Wissenschaftlers.

Francis Bacon (1561-1626)

Während für die antike Philosophie, vertreten durch Platon und Aristoteles, die reine Theorie und damit die Methode der Deduktion an oberster Stelle standen, wird Francis Bacon, Baron von Verulam, Politiker und Philosoph, der Prophet der modernen Wissenschaften und der Begründer einer neuen Methode – der empirischen Methode der Induktion. Damit ist ein Verfahren gemeint, das aufgrund von hinreichend vielen Beobachtungen zur Erkenntnis allgemein geltender Prinzipien gelangen will. Er ist somit ein dezidierter Fürsprecher des Experiments. Dabei geht es ihm vor allem um die praktische Nutzbarmachung der aus dem Experiment gewonnenen Erkenntnis.

Nicht Wissen um seiner selbst willen, sondern einzig und allein zum Zweck der Naturbeherrschung ist die Devise. Von ihm stammt auch der berühmte Satz »knowledge itself is power« – »Wissen ist Macht«. Nach Bacon muss man der Natur ihre Gesetzmäßigkeiten abzwingen. Nur indem man sie seziert, zerstückelt und unter Druck setzt, kann man ihr die Geheimnisse entreißen. Das alles natürlich immer nur zum Wohle der Menschheit…

Darüber hinaus sprach er der Natur ein Ziel und damit die Zweckhaftigkeit ab. Während Aristoteles noch allen Dingen eine »causa finalis« zugestand und mit seinem Begriff der »Entelechie« die Kraft bezeichnete, die allem Lebendigen innewohnt und alle potenziell vorhandenen Möglichkeiten zur Verwirklichung bringen will, leugnete Bacon die Naturteleologie, weil sie für ihn eine unerlaubte Übertragung des zweckgerichteten Denkens und Handelns des Menschen auf die Natur ist.

Diese Entteleologisierung der Natur, gut zweihundert Jahre später durch Charles Darwin und seine Theorie der natürlichen Auslese auf dem Gebiet der Biologie wiederholt, ist wohl eines der folgenreichsten Dogmen der modernen Wissenschaften. Denn hat man der Natur erst einmal ihre teleologische Verfasstheit und damit ihren Eigenwert abgesprochen, ist ihre Zerstörung mit keinerlei ethischen Bedenken mehr verbunden.

René Descartes (1596-1650)

Der dritte und wohl wirkungsmächtigste Denker im Club der Wissenschaftstheoretiker dieser Zeit ist zweifellos der 1596 geborene französische Philosoph und Mathematiker René Descartes. Er verschaffte den Gedanken und Theorien Galileis und Bacons die metaphysische Grundlage und erhöhte damit ganz gewaltig ihre historische Durchschlagskraft. Descartes teilte die Wirklichkeit in zwei Bereiche, die er »res extensa« (»ausgedehnte Substanz«) und »res cogitans« (»denkende Substanz«) nannte. Die Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten, die bereits Galilei vorgenommen hat, erfährt hier eine Radikalisierung. Die Welt wird bei Descartes auf die »res extensa«, d. h. auf Ausdehnung und Bewegung reduziert, während alle qualitativen Eigenschaften der Welt, wie Farbe, Geruch, Geschmack u. a. ausschließlich als lediglich Vorgestelltes in das subjektive Bewusstsein verlagert werden. Damit negiert er die Fülle der menschlichen Erfahrung und lässt die lebendige Wirklichkeit zur bloßen Realität werden. So schreibt Alfred North Whitehead in Wissenschaft und moderne Welt: »Die Natur ist eine öde Angelegenheit, tonlos, geruchlos und farblos; nichts als das endlose und bedeutungslose Vorbeihuschen von Material. Dies ist das ungeschminkte praktische Ergebnis der tonangebenden wissenschaftlichen Philosophie, mit der das siebzehnte Jahrhundert ausklang.«

Neben die Entteleologisierung der Natur tritt jetzt also ihre Entgeistigung. Es ist nur konsequent, dass in dieser Philosophie auch die Tiere zu Automaten reduziert werden, ohne Geist, Bewusstsein oder die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden. Es ist somit diese Trias aus Entheiligung, Entgeistigung und Entteleologisierung der Natur, die bis heute das Selbstverständnis der abendländischen Zivilisation prägt und zweifellos die Entfremdung des Menschen von der Natur bis zum Äußersten getrieben hat.

Adam Smith und der Homo oeconomicus

So war endgültig der geistige Boden bereitet, auf dem die so genannte industrielle Revolution stattfinden konnte, mit ihrem bis dahin nicht gekannten Zerstörungspotenzial, was sowohl die Natur als auch gesellschaftliche Strukturen anbelangt. Diese von England ausgehende fundamentale Umwälzung in der Produktion begann durch den beginnenden Einsatz der Dampfmaschine, die in ihrer verbesserten Form 1769 von James Watt entwickelt wurde. Der Verbrauch an Kohle für den Betrieb dieser Maschinen nahm jetzt stetig zu und somit auch die Kohlendioxidemissionen. Einer der größten CO2-Produzenten war allerdings die Eisen- und Stahlproduktion, für die anfangs Holzkohle und später Koks verwendet wurde. Mit Adam Smiths` 1776 erschienenem Buch Der Wohlstand der Nationen begann daneben die Karriere des Homo oeconomicus, dessen Handeln ausschließlich durch seine eigenen Interessen motiviert ist und dessen Auftritt den Beginn der »Durchökonomisierung« der Gesellschaft markiert.

So enorm die Auswirkungen auf die Umwelt seit dieser Zeit auch sind, so wird doch erst im Laufe des 20. Jahrhunderts das Ausmaß der Umweltzerstörung einen Punkt erreichen, an dem es anfängt, für das weitere Überleben der Spezies Mensch kritisch zu werden. Denn, so formulierte es der Philosoph Ludwig Klages bereits vor einhundert Jahren, »eine Verwüstungsorgie hat die Menschheit ergriffen, die ›Zivilisation‹ trägt die Züge entfesselter Mordsucht, und die Fülle der Erde verdorrt vor ihrem giftigen Anhauch.«

Durch die Verbindung des modernen Kapitalismus mit der sich rasant entwickelnden Technik, angefeuert durch zwei Weltkriege, hat das Zerstörungspotenzial unserer Kultur alle Grenzen gesprengt. Bei all dem soll nicht verschwiegen werden, dass das alles auch einherging mit einem gigantischen Zuwachs an Wohlstand, Bildung und medizinischer Versorgung sowie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie durch das Entstehen bürgerlicher Gesellschaften, – wenn auch anfangs nur für eine Minderheit.

Was sich ändern muss – und zwar radikal

Die chinesische Religion ist von der Überzeugung getragen, dass sich etwas erst bis zum Extrem entwickeln muss, um dann in sein Gegenteil umzuschlagen. Das Extrem, was die Zerstörung der Natur anbelangt, dürfte erreicht sein. Worin aber besteht das Gegenteil? Wie können wir es schaffen, die Errungenschaften der Moderne zu erhalten und nach Möglichkeit auszubauen, ohne unsere Mitwelt weiter irreversibel zu schädigen?

Das Überwinden der ökologischen Krise kann nur gelingen, indem wir sowohl unsere Weltanschauung als auch unsere alltägliche Praxis einer gründlichen Revision unterziehen. Wir müssen der Natur das zurückgeben, was die Moderne ihr geraubt hat: Eigenwert. Die Natur und die lebenden Geschöpfe in ihr sind, so hat es der Ökonom Ernst Friedrich Schumacher formuliert, »selbst die Ziele, sind meta-wirtschaftlich, und daher läßt sich die Formulierung der Tatsachenaussage von der Vernunft her rechtfertigen, daß sie in einem gewissen Sinne heilig sind. Der Mensch hat sie nicht gemacht, und es ist unvernünftig, solche Dinge, die er nicht gemacht hat, nicht machen und nicht neu erschaffen kann, wenn er sie verdorben hat, in derselben Weise und derselben Einstellung zu behandeln wie Dinge, die er selbst gemacht hat.«

Leider hat sich die Tier- und Umweltethik zu lange an Kant orientiert und tut das zum Teil bis heute. Seiner Ethik zufolge haben Tiere oder Pflanzen keinen eigenen, intrinsischen Wert, sondern lediglich einen extrinsischen, d. h. vom Menschen abgeleiteten. Pflichten bestehen nach Kant nur gegenüber vernunftbegabten Wesen, denn nur wer moralische Pflichten hat, hat auch moralische Rechte. Diese stark anthropozentrische Ethik ist offensichtlich nicht geeignet, der Natur Eigenwert zuzugestehen und sie entsprechend zu behandeln. Auch wenn heutige Umweltethiken das Leben im Allgemeinen sowie leidensfähige Tiere im Besonderen miteinschließen (pathozentrische Ethik), so verbleiben sie doch immer auf der Ebene des Individuums und verlassen darüber hinaus nie den anthropozentrischen Rahmen. Der Natur wird kein Wert an sich beigemessen, da die Begründung ihres intrinsischen Wertes philosophisch schwierig und möglicherweise nur metaphysisch möglich ist.

Nur im Rahmen einer holistischen Ethik, die neben dem Lebendigen auch das Unlebendige, wie Gebirge und Landschaften und darüber hinaus ganze Ökosysteme mit in ihre Betrachtung einbezieht, nicht auf das Individuum beschränkt bleibt und der Natur einen eigenen, vom Menschen unabhängigen Wert zugesteht, können wir unserer Mitwelt gerecht werden. »Gerecht werden« soll hierbei nicht heißen, in keiner Weise in die Natur einzugreifen. Denn, so schreibt der norwegische Philosoph Arne Naess ganz richtig, »Menschen haben die Erde verändert und werden dies voraussichtlich auch weiterhin tun. Was zur Debatte steht, sind Art und Ausmaß dieser Eingriffe.«

Darüber hinaus sollten alle rationalen Begründungsversuche uns nicht vergessen lassen, dass der Mensch nicht nur ein Vernunftwesen ist, sondern auch ein Wesen, das über Intuition und Gefühl verfügt. Wenn wir Mitleid mit einem gequälten Tier haben oder Wut und Trauer empfinden beim Anblick eines gerodeten Waldes oder eines zerstörten Biotops, dann müssen wir nicht erst rational begründen, warum wir diese Trauer und Wut empfinden. Wir spüren, dass es eine tiefe Verbundenheit zwischen uns und unserer Mitwelt gibt, da wir Teil dieser Natur sind, die uns im Laufe von Milliarden Jahren hervorgebracht hat.

Zu glauben, das gesamte Universum, das sich im Laufe von zirka 14 Milliarden Jahren entwickelt und unter anderem unser Planetensystem und mit ihm die Erde und das Leben auf ihr hervorgebracht hat, wäre so lange wertlos gewesen, bis wir, die Menschen auf der Bildfläche erschienen sind, stellt eine so ungeheure Hybris dar, dass man es schon fast eine Form der Geisteskrankheit nennen könnte. Genauso wie der Glaube, diese Welt würde nach dem möglichen Verschwinden der Spezies Mensch wieder in Wertlosigkeit versinken.

Nein, das Universum und alles in ihm Enthaltene hat einen eigenen, von uns unabhängigen Wert, einfach deshalb, weil es da ist und weil es einen Grund dafür gibt, dass es da ist, auch wenn wir diesen Grund nicht kennen. So stellt der Philosoph Klaus Michael Meyer-Abich fest: »Die Geschichte der Natur im Ganzen ist der historische Zusammenhang, in den wir mit unserer menschlichen Geschichte gestellt sind. Diese Geschichte ist nicht nur die unsere. Der Kosmos ist nicht die Kulisse, vor der sich die menschliche Heilsgeschichte abspielt.«

Auch wenn wir als vernünftige Wesen der Natur bewusst gegenüberstehen, bleiben wir doch stets mit ihr verbunden, sowohl auf geistiger als mehr noch auch auf physischer Ebene. Es gilt im Rahmen einer holistischen Ethik, die Natur um ihrer selbst willen zu erhalten und zu respektieren und nicht nur, wie es die anthropozentrische Ethik fordert, im Hinblick auf nachfolgende Generationen. Ausschlaggebend hierfür ist die bloße Existenz und Einzigartigkeit der uns umgebenden Welt.    

Wenn wir diesen Schritt, der zweifelsohne einer Kulturrevolution gleichkommt, vollzogen haben, muss und wird sich auch unser Handeln ändern. Unser gesamtes Leben und natürlich im Besonderen der Bereich der Wirtschaft ist durch den Glauben an unendliches Wachstum geprägt. Man muss allerdings kein Ökonom sein, um zu verstehen, dass es in einer endlichen Welt kein unbegrenztes Wachstum geben kann. Und es liegt auf der Hand, so noch einmal Schumacher, »daß eine Lebensweise, die sich auf den Materialismus stützt, d. h. auf einen Glauben an ständige und unbegrenzte Ausdehnung einer begrenzten Umwelt, nicht von langer Dauer sein kann und daß ihre Lebenserwartung um so geringer ist, je erfolgreicher sie ihr auf Ausdehnung gerichtetes Ziel verfolgt.«

Ein weiterer, weit verbreiteter Irrglaube ist die Annahme, dass die Technik die Probleme in nächster Zukunft lösen wird. Das ist allerdings ein uraltes Versprechen des ökologischen Szientismus. Dabei wird aber verschwiegen, dass durch neue, vermeintliche Lösungen wieder neue Probleme geschaffen werden, die dann wieder durch eine noch innovativere Technik gemeistert werden sollen, und so weiter, ad infinitum. Ein Beispiel hierfür wäre CCS (Carbon Dioxide Capture and Storage), das dauerhafte unterirdische Speichern von Kohlendioxid. Dieses Verfahren birgt eine Unmenge von Risiken, wie die Kontaminierung des Grundwassers mit Schwermetallen, Risse, kleinere lokale Erdbeben etc. Solange wir uns in einer expansiven Kultur bewegen, wird uns die Technik auf Dauer nicht weiterhelfen. Dass im aktuellen Bericht an den Club of Rome dieses Verfahren ernsthaft als Option für die Zukunft dargestellt wird, zeigt nur, dass auch Jorgen Randers, der Verantwortliche dieser Studie, den Denkraum einer Kultur, die auf Wachstum setzt, nicht wirklich verlassen hat.

Das Gleiche gilt für die Energieerzeugung. Selbst wenn es gelänge, die benötigte Energie in Zukunft durch die Nutzung von Sonne, Wind und Wasser in unbegrenzter Menge ohne den Verbrauch fossiler Brennstoffe zur Verfügung zu stellen, wäre das Ergebnis fatal. Denn, so schreibt der Sozialpsychologe Harald Welzer in seinem Buch Selbst Denken: »Solange ein kulturelles Modell wie die Kultur des ALLES IMMER in toto erhalten bleibt, übersetzt sich die Transformation eines ihrer Elemente in eine Optimierung des Falschen. Eine gelingende ›Energiewende‹ in der falschen Kultur kann in der Konsequenz zu einer Erhöhung der Zerstörungskraft der bestehenden Praxis führen, also gerade nicht zu einer Transformation.«

So wird uns alle noch so ausgetüftelte Technik nicht daran hindern, die Zerstörung dieses Planeten voranzutreiben, wenn wir nicht gleichzeitig aus der Wahnvorstellung des ewigen Wachstums aussteigen. Würden sich alle Menschen auf dieser Erde auf unserem mitteleuropäischen Konsumniveau bewegen, benötigten wir 2,5 Planeten, um die dafür notwendigen Rohstoffe zur Verfügung zu stellen. Wir und besonders die Menschen in Nordamerika (dort sind es noch ein paar Planeten mehr, die benötigt würden) verbrauchen demnach viel mehr, als die Natur uns liefern kann, und emittieren mehr Schadstoffe, als sie absorbieren kann.           

Die Konsequenz kann demnach nur heißen: Weg vom quantitativen Wachstum, das immer an den Verbrauch fossiler Brennstoffe und nicht nachwachsender Rohstoffe gekoppelt ist, hin zu mehr Lebensqualität ohne ständig steigenden Konsum. Denn es wird immer offensichtlicher, »daß die Ausrichtung der gesamten Ökonomie auf das ›bessere‹ Leben das gute Leben unmöglich gemacht hat.« (Ivan Illich: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik)

Diese nicht vom Konsum abhängige Lebensqualität lässt sich eben gerade nicht am Bruttoinlandsprodukt ablesen, sondern besteht in Anderem: In sinnvoll genutzter Zeit und sinnvoller Arbeit, in mehr Zeit, in intakten sozialen Strukturen, in hochwertigen, weil unbehandelten und lokal angebauten Lebensmitteln und vielem anderen mehr. Wir alle wissen, dass sich die wesentlichen Dinge des Lebens nicht monetarisieren lassen. Warum versuchen wir immer noch unser Glück in Konsum und noch mehr Konsum zu finden?

Weg vom Wachstumsdenken heißt aber auch die Überwindung kapitalistischer Strukturen sowohl in der Praxis als auch in unseren Köpfen. Es gilt, die durch Wissenschaft, Technik und totale Ökonomisierung des Lebens erzeugte »Monokultur des Denkens« (Gerhard Fasching) zu überwinden. Was wir brauchen, ist ein Pluralismus guter Ideen und noch besserer Taten.

Bei der Transformation der jetzigen Kultur des aggressiven Konsums in eine Kultur der Nachhaltigkeit spielen naturgemäß auch die Schulen und Universitäten eine bedeutende Rolle. Es darf nicht mehr nur darum gehen, lediglich bloße Information, nüchternes, monetarisierbares Wissen – das zu oft nur Zerstörungswissen ist – zu akkumulieren, wie es nicht zuletzt auch durch die »Verbachelorisierung« der Hochschulen geschieht. Vielmehr muss wieder die Vermittlung von Orientierungswissen im Vordergrund der schulischen und akademischen Ausbildung stehen, um zu erkennen wer wir sind und was wir wollen, denn das »Leben vollzieht sich als Vorwegnahme von Zukunft. Wir sind deshalb zur Orientierung über unsere Zukunft und zur Antizipation von Zukunft gezwungen. Sooft wir uns beim Ausblick in die Zukunft verschätzen und uns dabei von falschen Bildern leiten lassen, denken und handeln wir falsch und müssen später dafür büßen.« (Georg Picht: Mut zur Utopie)

Wir müssen so schnell wie möglich damit anfangen, unsere »falschen Bilder« durch neue und richtigere zu ersetzen. Zum einen heißt das, um es noch einmal zu sagen, zu begreifen, dass wir nur ein Teil dieser Natur sind, die uns hervorgebracht hat. Eine Natur, die einen eigenen Wert und damit eine Existenzberechtigung hat, die von unseren Interessen unabhängig ist. Zum anderen bedeutet das, zu erkennen, dass steigender Konsum zerstörerisch ist und keinen Zuwachs an Zufriedenheit bringt und wir ihn deshalb drastisch einschränken müssen. Wenn wir das jetzt nicht tun, werden wir früher oder später durch die globalen und lokalen Umstände dazu gezwungen werden. Sei es durch Rohstoffmangel, Klimaveränderungen oder soziale Unruhen, die nicht zuletzt auch durch die ökologische Krise verursacht werden.

Vielleicht haben wir noch Zeit, unsere Kultur und Gesellschaft einigermaßen friedlich in eine neue, bewusstere und nachhaltigere zu transformieren. Wenn wir weitermachen wie bisher (»business as usual«) und auf Kosten der Natur und den nachfolgenden Generationen unsere »Diktatur des Jetzt« (Schellnhuber) aufrechterhalten, werden wir die Chance auf einen friedlichen Wandel sehr wahrscheinlich verpassen.

Dieses Essay erschien in leicht abgewandelter Form im Jahr 2013 im Deutschen Wissenschaftsverlag (DWV).

2 KOMMENTARE

  1. Lieber Herr Dr. Diehl,

    vielen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Artikel.

    Schade ist, dass Sie von „schwerwiegenden Mängeln“ sprechen, wo es sich in Wahrheit nur um unterschiedliche Auffassungen in einzelnen Punkten handelt.

    Ich bleibe dabei, dass Kant für die Tier- und Umweltethik wenig hergiebt. Da muss man schon auf andere Philosophen zurückgreifen (Hans Jonas, Arne Naess, Martin Gorke, Konrad Ott, Vittorio Hösle, u.a.). Kant hat sich diesem Thema nur aus streng anthropozentrischer Perspektive genähert. Gegenüber Tieren hätten wir keine Pflichten, sondern, wenn überhaupt, nur eine Pflicht „in Ansehung der Tiere“ gegenüber den anderen Menschen. Denn, so heißt es in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“: „Die Wesen, deren Dasein zwar nicht auf unserem Willen, sondern der Natur beruht, haben dennoch, wenn sie vernunftlose Wesen sind, nur einen relativen Wert, als Mittel, und heißen daher Sachen […].“

    Mit freundlichen Grüßen
    Eckart Löhr

  2. lieber herr löhr,

    zuerst wollte ich nach dem erscheinen ihren artikel auf meiner homepage verlinken, aber dann habe ich das wegen schwerwiegender mängel nicht getan. ihr loblied auf ikonographische sprachen wie das ägyptische und chinesische finde ich etwas zu sehr an den haaren herbei gezogen, zumal dann angeblich die hebräer, sprich die juden mal wieder an allem schuld sein sollen.

    darf ich sie darauf aufmerksam machen, dass die sumerer auch schon noch früher so ein lineares phonetisch basiertes alphabet hatten, von dem sich dann auch das der araber einerseits und das der griechen und römer andererseits herleitet.

    außerdem etwas anderen ursprunges das der inder. trotzdem können die sprecher dieser sprachen selbstverständlich auf personen und objekte in der welt verweisen. das hängt nicht vom piktorialen sprachsystem ab. sie verbreiten einen mythos der unmittelbarkeit des bildlichen.

    obwohl das schon genügte, halte ich als kant-kenner auch ihre thesen zu kants ethik für falsch. in seiner tugendlehre (metaphysik der sitten, teil 1) begründet kant auch unsere menschlichen pflichten gegenüber pflanzen und tieren. obwohl das kants eigentliche ethik ist, wird sie nur allzu selten gelesen. kant-kenner wissen das.

    was bacon, descartes und adam smith angeht, kann ich ihnen weitgehend zustimmen, aber ihr etwas allzu großer bogen ist am ende etwas überspannt. ansonsten denke ich, dass die fehlentwicklungen, die zur gegenwärtigen klimakrise geführt haben, zur genüge im szientismus der neuzeit zu suchen und zu finden sind.

    mit freundlichen grüßen,

    ulrich w. diehl

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